Frankfurt

Die Hintergründe zum Absturz der Deutschen Bank

Deutsche-Bank-Chef
John Cryan muss
derzeit die Märkte beruhigen

Deutsche-Bank-Chef John Cryan muss derzeit die Märkte beruhigen

Foto: Arne Dedert / dpa

Erstmals in der Geschichte des Geldinstituts ist der Aktienkurs unter zehn Euro gefallen. Gefahr für Finanzsystem Deutschlands.

Frankfurt.  Es ist 9.18 Uhr als Börsenhändler am Freitag auf ihren Bildschirmen etwas bis dahin fast Undenkbares sehen: Die Aktie der Deutschen Bank fällt erstmals in ihrer Geschichte unter zehn Euro. Auf 9,898 Euro bricht der Kurs zeitweise ein. Die Fieberkurve der Finanztransaktionen auf dem Terminal der Finanzagentur Bloomberg färbt sich plötzlich rot ein. Schnell wird Fachleuten klar, dass hier kein gewöhnlicher Handel stattfindet, dass die Deutsche Bank gerade eine Kursbewegung erlebt, hinter der ein Angriff auf ihre gesamte Existenz stehen könnte. Und damit auch eine Gefahr für das ganze Finanz- und Wirtschaftssystem der Bundesrepublik Deutschland.

Hedgefonds, sogenannte „Heuschrecken“-Finanzinvestoren, sollen Termingeschäfte mit der Bank gekündigt haben – angeblich aus Angst, die Bank könne mangels Kapitalmasse diese Geschäfte nicht mehr erfüllen. Das wiederum lieferte anderen Spekulanten eine Steilvorlage, um auf einen Niedergang der Bank zu wetten und auf eine spätere Rettung durch die Regierung.

Für die größte deutsche Bank ist das ein neues Szenario. Bis vor Kurzem hätte kein Banker in den verspiegelten Türmen an der Frankfurter Taunusanlage daran gedacht, dass finanzstarke US-Fonds die einst mächtige Deutsche Bank jagen könnten, ja sogar auf ihren Bankrott spekulieren könnten, um später eine dicke Scheibe des staatlichen Rettungsgeldes mitzunehmen.

Zur Perfidie solcher Wetten gehört stets, dass die reale Stabilität einer Bank dadurch in der Wahrnehmung der Märkte hinter der behaupteten Instabilität verblasst. Bis der sich selbst verstärkende Glaube der Börse an den Zusammenbruch diesen am Ende sogar Realität werden lassen kann. Die ersten Symptome solch einer Massenpanik waren bereits zu besichtigen: An der New Yorker Börse brach der Kurs der Deutsche Bank-Aktie am Donnerstagabend um 6,7 Prozent ein. Die Frankfurter Börse setzte zum Handelsstart noch eins drauf. Im elektronischen Xetra-Handel krachte die Aktie zum Handelsauftakt um neun Prozent ein auf ein Allzeittief und nicht nur in der Deutschen Bank schrillten die Alarmglocken. Der Alarm bleibt laut – auch wenn sich die Aktie am Nachmittag wieder erholte.

„Vertrauen steht im Bankgeschäft am Anfang von allem“, schrieb Deutsche-Bank-Chef John Cryan seinen Mitarbeitern und klagte: „Am Markt sind gerade einige Kräfte unterwegs, die dieses Vertrauen in uns schwächen wollen.“ Dabei seien die Finanzen der Bank, grundsolide und stabil. Doch je mehr die Bank dies beteuert, desto brüchiger wird ihre Glaubwürdigkeit. Wie ein Metzger, der seinen Kunden unablässig mitteilt, es sei definitiv kein Rattenfleisch in seiner Wurst.

Vertrauen der Kunden schwindet

Hintergrund ist immer noch die jüngste Androhung amerikanischer Justizbehörden, die Bank mit einer Strafe von umgerechnet 12,5 Milliarden Euro zu belegen, weil sie sich in den Jahren 2007 und 2008 an unlauteren Immobiliengeschäften in Amerika beteiligt hatte. Da die Bank für solche Zwecke „nur“ 5,5 Milliarden Euro angespart hat und sich bei niedrigen Kursen nur schwer neues Kapital an den Märkten besorgen kann, ist sie im Gerede. Mitte der Woche war über einen Notfallplan der Bundesregierung für die Bank gesprochen worden. Experten hatten daraufhin gewarnt, Kunden könnten sich „präventiv von der Bank trennen“.

Das ist nun passiert. Es sollen einerseits Kunden gewesen sein, die nicht mehr darauf vertrauen wollten, ob die Deutsche Bank eingegangene Termingeschäfte werde erfüllen können. Bankchef John Cryan sah sich genötigt, das zurechtzurücken: Wenn „einige wenige“ Kunden die Bank verließen, müsse man wissen, dass die Bank insgesamt 20 Millionen Kunden habe.

Zudem berichtete die Nachrichtenagentur AFP, zehn Hedgefonds hätten ihre Beteiligung ganz oder teilweise reduziert, Gesellschaften wie Millennium Partners, Capula Investment und Rokos Capital Management. Gut möglich, dass sie die Aktien verkauften, um später wieder – billiger – einzusteigen: ein bevorzugtes Geschäft von Hedgefonds.

Bank mobilisierte weitere Fürsprecher

Cryan zählte dann einige Daten auf: dass die Deutsche Bank „alle aktuellen Eigenkapitalanforderungen“ erfülle, dass sie, „was ihre Bilanz angeht, zu keinem Zeitpunkt so sicher wie heute“ aufgestellt sei, dass sie „einen komforta­blen Puffer“ von 215 Milliarden Euro an Liquiditätsreserven habe. Die Pressestelle der Bank schickte tagesaktuelle Einschätzungen der Konkurrenten Goldman Sachs und Credit Suisse herum, die der Deutschen Bank ausreichende Kapitalstärke und auch ausreichend liquide Mittel bescheinigten.

Die Bank mobilisierte auch weitere Fürsprecher. Etwa beim Bundesverband deutscher Banken. „Die aktuellen Turbulenzen an den Aktienmärkten beruhen – soweit ich es beurteilen kann – in erster Linie auf spekulativen Annahmen und nicht auf Fakten“, sagte Verbandspräsident Hans Walter Peters. So agierten Hedgefonds eben. Das „sollte nicht überbewertet werden.“ Der Vorstandsvorsitzende von Daimler, Dieter Zetsche, sagte auf dem Autosalon in Paris, Deutsche und Commerzbank seien sehr solide. „Wir müssen uns da keine Gedanken machen.“ Am Freitag lebten auch Verschwörungstheorien wieder auf. Die etwa, dass die Deutsche Bank den amerikanischen Behörden ein Dorn im Auge sei. Diese, gut vernetzt mit der amerikanischen Industrie, wollten europäischen Unternehmen gerne eins auswischen, wenn die EU bei einer Firma wie etwa Apple zweistellige Milliardenbeträge an Steuern nachfordere.

Ähnlich äußerte sich der Finanzwissenschaftler Max Otte. Er sagte im Deutschlandfunk, die „Wall Street“, also die Finanzindustrie, sei in Amerika sehr mächtig. Er könne sich „des Eindrucks nicht erwehren, dass Amerika sich der letzten deutschen Bank entledigen will, auch hier eine Schlüsselstelle unserer Wirtschaft besetzen will.“ Wenn US-Behörden zweistellige Milliardenbeträge als Strafe forderten, dann werde da schon „mit sehr harten und auch aus meiner Sicht unfairen Bandagen gespielt.“ Er wundere sich, dass Berlin so passiv bleibe.

Am Freitagabend meldete die Nachrichtenagentur AFP, die US-Justiz habe die Strafe gegen die Bank auf 5,4 Milliarden Dollar reduziert, auch der Kurs drehte ins Plus. Eine gute Nachricht für die Bank. Ob sich die Akteure beruhigen lassen, ist offen.