Mode

H&M lässt Kinder für sich nähen – bis zu 14 Stunden am Tag

Weltkonzern H&M: Nur billig, weil Kinder produzieren?

Foto: TYRONE SIU / REUTERS

Weltkonzern H&M: Nur billig, weil Kinder produzieren?

Enthüllungsbuch zeigt: Der Billigmodekonzern H&M beschäftigt in Myanmar Kinder in seinen Produktionsfabriken – bis zur Erschöpfung.

Stockholm.  Die günstigen Kleider der schwedischen Modekette Hennes und Mauritz (H&M) haben ihren Preis. So behauptet ein Enthüllungsbuch: Der Billigkleiderkonzern H&M lässt Kinder bis zu 14 Stunden am Tag in Fabriken in Myanmar für sich arbeiten. Die schwedischen Journalisten Tobias Andersson Akerblom und Moa Kärnstrand berichten darüber in ihrem Buch "Modesklaven", das kommende Woche erscheint.

Die Autoren untersuchten die Arbeitsbedingungen vor Ort und schildern Erschreckendes: Zum Zeitpunkt der Recherche waren in den H&M-Zulieferfirmen in Myanmar angeblich zahlreiche Kinder beschäftigt: "Fast zwei Jahre lang haben minderjährige Mädchen bis zu 14 Stunden am Tag in den dortigen Fabriken für H&M gearbeitet.

H&M verweist auf Landesgesetze

"In Myanmar ist dies eigentlich gesetzlich verboten und wird laut internationaler Konvention als eine der schlimmsten Formen der Kinderarbeit klassifiziert", sagt Andersson Akerblom dieser Zeitung. Darüber hinaus schildern die Autoren schlechte Arbeitsbedingungen, so würden den Arbeitern etwa häufige Toilettengänge verweigert.

Kurz nach den Enthüllungen reagierte der Modekonzern auf die Anschuldigungen und ließ seine Zulieferfirmen auf die Richtigkeit der Angaben der Autoren hin untersuchen.

Tatsächlich bestätigten die Kontrolleure: In den entsprechenden Fabriken sollen Kinder arbeiten und Überstunden leisten. Der Konzern erklärte allerdings, dass die Kinder sich bei ihrer Anstellung mit falschen Ausweisen älter gemacht hätten. Außerdem beruft sich H&M darauf, dass es in Myanmar erlaubt sei, Kinder ab 14 Jahren in den Fabriken arbeiten zu lassen. "Die erlaubte Altersgrenze ist 14 Jahre", sagte ein Sprecherin von H&M der Zeitung "Expressen". "Deshalb handelt es sich hier nicht um Kinderarbeit."

H&M reagiert auf Vorwürfe

Allerdings: Auch Überstunden sind bei der Kinderarbeit in Myanmar gesetzlich nicht erlaubt. "Dass Jugendliche entgegen bestehenden Regeln Überstunden machen, ist nicht akzeptabel für H&M." Der Konzern bemühe sich, durch Tausende von jährlichen Kontrollen Missstände bei Zulieferern aufzudecken, unterstreicht die Sprecherin.

H&M hat nun zumindest die Zusammenarbeit mit den zwei im Buch genannten Fabriken ausgesetzt. Die bereits bestellte Ware nimmt der Modekonzern aber noch entgegen. "Wir haben einen Maßnahmenplan eingefordert und Neubestellungen bei diesen Lieferanten gestoppt", sagte die Sprecherin.

Die schwedische Organisation Swedenwatch kritisiert H&M wegen seiner Kontrollpolitik. "Es ist gut, dass H&M nun reagiert, aber es ist sonderbar, dass dies immer erst geschieht, nachdem ein dritter Akteur Alarm schlägt", kritisiert die Organisation. Auch habe sich der Konzern bislang geweigert, Swedenwatch eine konzerneigene Analyse über die Arbeitnehmersituation in Myanmar auszuhändigen.

In der Türkei wurden Flüchtlingskinder eingesetzt

Es ist nicht das erste Mal, dass Kinderarbeit bei den Zulieferbetrieben von H&M kritisiert wird. Erst im Februar wurde bekannt, dass H&M und andere Firmen in der Türkei Flüchtlingskinder für sich arbeiten lassen. H&M gab dies im Fall einer Fabrik auch zu und gelobte dort ebenfalls Besserung.

Weil das Nähen von Kleidung sehr arbeitsintensiv ist, verlagern große Modeketten ihre Produktion immer wieder in Länder, in denen die Arbeitskosten niedrig sind. Anders als im Westen herrscht in Entwicklungsländern wie etwa in Bangladesch die Auffassung, dass es besser sei, arme Kinder in Fabriken arbeiten zu lassen, als sie zur Prostitution oder zum Betteln auf die Straße zu schicken.

Auch gelten Firmen wie H&M vor Ort als große Arbeitgeber, die Zehntausende Arbeitsplätze gerade auch für Frauen geschaffen und außerdem viel für die Produktionsländer getan hätten. In Myanmar droht nun die gleiche Entwicklung: Erst vor wenigen Jahren hat sich das Land für ausländische Investoren geöffnet. Das Land gilt bereits als das neue Bangladesch. Rund 240.000 Menschen arbeiten bereits in der Textilindustrie.

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