Stade

Stader Hightech-Zentrum soll Exportschlager werden

100 Wissenschaftler erforschen im CFK-Valley Carbonfaser-Kunststoffe. Japan und Korea bauen Netzwerke nach niedersächsischem Vorbild

Stade.  Die Tour de France würde ohne Carbonfaser-Technologie wohl deutlich langsamer rollen. Längst gehören die nur wenige 100 Gramm leichten Carbonrahmen im Radsport zum Standard-Equipment. Und nicht nur dort. Der teure, aber superleichte und stabile Kunststoff ist im Flugzeugbau genauso wenig wegzudenken wie in der Auto­mobilindustrie.

In Stade hat sich mit dem Verein CFK-Valley ein Kompetenzzentrum etabliert. Dessen Vorstandschef Gunnar Merz setzt auf Internationalisierung. Das Valley-Motto: „Addicted to Carbon“ (dem Carbon verfallen).

Merz hat sich vorgenommen, die Idee des CFK-Valleys in die Welt hinauszutragen. Kopiert worden sei sie ohnehin schon häufig; jetzt solle sie gezielt in Europa und auch in Japan und Korea so umgesetzt werden, dass Stade partnerschaftlich daran beteiligt ist – wie beispielsweise bei der Kooperation mit der japanischen Universität Nagoya oder dem bereits aktiven Kompetenzzentrum in Belgien nach Stader Vorbild.

Mit dieser Politik will der Chef des Vereins CFK-Valley Stade internationale Geschäftsbeziehungen intensivieren. Die Unternehmen des CFK-Valley, die in dem Stader Verbund tätig sind, erwarten von Merz internationale Kontakte und daraus erwachsende Geschäftsbeziehungen. Die Stader Erfahrung in der CFK-Technologie soll neue Märkte generieren.

Unterstützend wirkt dabei der Verein CFK-Valley Stade, der sich parallel zum Kompetenzzentrum entwickelte. Er hat die Aufgabe, aktives Marketing für die Hightech-Schmiede vor den Werkstoren von Airbus zu forcieren, aber auch die Kräfte zu bündeln und Firmen zu überzeugen, im Zentrum und im Verein mitzuarbeiten. 115 Unternehmen aus aller Welt gehören aktuell dem Verein an. Sie finanzieren überwiegend die Arbeit von Merz und seinem Team.

Nach wie vor im Fokus der CFK-Forscher steht der Flugzeugbau. In Stade ist dazu mit Zuwendungen des Landes Niedersachsen für 27 Millionen Euro eigens ein Forschungszentrum aufgebaut worden, in dem annähernd 100 Wissenschaftler arbeiten. Federführend sind das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) und Materialforscher vom Fraunhofer-Institut dabei. Diversifizierung ist angesagt: Der Einsatz von CFK bei Offshore-Wind­rädern zählt ebenso zum Themenfeld der Stader wie CFK als Werkstoff in der Baubranche.

Das relativ teure Material lohne sich überall dort, wo eine Leichtbau­lösung durch eine Gewichtseinsparung gerechtfertigt sei oder die Leichtbau­anforderungen nicht anders erfüllbar seien, sagt Felix Kruse, Professor für Leichtbau und Technische Mechanik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg. Als Beispiele nennt er Holmgurte von Rotorblättern, Bauteile im Motorsport, Sportgeräte oder hochdynamisch bewegte Bauteile im allgemeinen Maschinenbau.

Gegenüber klassischen metallischen Werkstoffen wie Stahl gebe es in Hinblick auf Prozesszeiten und Kosten bei CFK noch enormen Entwicklungsbedarf. Ein großer Treiber sei hier die Automobilbranche. Ob sich CFK in diesem Massenmarkt durchsetzen werde, sei vor allem eine Frage des Recyclings. Metallische Werkstoffe hätten in der CO2-Bilanz wie auch bei der Recyclingfrage klare Vorteile, so Kruse weiter.

CFK-Valley-Chef Merz jedenfalls ist von der Carbonfaser überzeugt. Er präsentierte das Konzept des Zentrums auf mehreren Delegationsreisen mit Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD), unter anderem in der Türkei und Brasilien. „Bei unseren Internationalisierungsaktivitäten geht es neben der Eröffnung von Markt­zugängen insbesondere darum, Partner mit hoher Innovationskraft zu gewinnen, deren Portfolio bestens zu uns passt und unsere Stärken ergänzt“, sagt Merz zu seinen Akquisitionsreisen in Sachen „Hightech made in Stade“. Konkrete Folge: Ein türkisches Unternehmen möchte sich mit dem Bau von Flugzeugteilen aus CFK als Zulieferer von Airbus in Stade ansiedeln. Perspektive: 100 neue Jobs.