Luftfahrt

Flugzeugbauer Airbus hat ein teures Toilettenproblem

Airbus Group-Chef Tom Enders muss sich mit Problemen beim A350 auseinandersetzen

Airbus Group-Chef Tom Enders muss sich mit Problemen beim A350 auseinandersetzen

Foto: REUTERS / UMIT BEKTAS / REUTERS

Der Flugzeugbauer meldet milliardenschwere Sonderbelastung beim A350 und beim A400M. Doch es gibt auch gute Nachtrichten.

Toulouse/Hamburg.  Um Topmanager in der Öffentlichkeit aus der Reserve zu locken, muss schon viel passieren. Entsprechend überraschend deutlich war die Wortwahl von Fabrice Brégier vor ein paar Wochen im Hamburger Werk auf einer Airbus-Veranstaltung vor rund 160 Journalisten aus aller Welt. Auf die genaue Übersetzung des Kraftausdrucks soll hier verzichtet werde – höflich könnte man sagen, der Chef der zivilen Flugzeugsparte war sehr angefasst über die Zuliefererprobleme beim neuen Großraumjet A350. Mit einigem Abstand erklärt sich auch warum. Der MDAX-Konzern hat im zweiten Quartal wegen dieser Schwierigkeiten erhebliche Sonderbelastungen in Höhe von 385 Millionen Euro verbucht, teilte das Unternehmen am Mittwoch in seinem Halbjahresbericht mit.

15 Maschinen des Typs, bei dem das Werk auf Finkenwerder den Rumpf mit Technik versieht und das Werk in Stade die Flügeloberschalen und das Seitenleitwerk liefert, hat Airbus bisher in diesem Jahr ausgeliefert. Damit liegt man zwar im selbst gesteckten Zeitplan, es hätten aber mehr sein können. Doch der Zulieferer Zodiac, der Sitze und Toilettenräume für das Modell liefert, sorgt für deutliche Verzögerungen. Man liege im Hintertreffen, weil sehr wenige Zulieferer bedenkliche Arbeit ablieferten „und Zodiac der wahrscheinlich kritischste ist“, sagte Einkaufs- und Airbus-Deutschland-Chef Klaus Richter vor Kurzem der Nachrichtenagentur Reuters.

Am Ziel der Auslieferung von mindestens 50 A350-Maschinen in diesem Jahr hält der Konzern zwar fest, in der Sonderbelastung berücksichtigt sind aber eine langsamere Steigerung der Auslieferungen. Die Station 20 der Endmontagelinie in Toulouse, an der der Kabineneinbau stattfindet, ist momentan der Flaschenhals. 29 Maschinen tummeln sich an der Position. Die Zielvorgabe von zehn ausgelieferten Maschinen pro Monat ab Ende 2018 lässt der Konzern unverändert.

Teuerste Baustelle ist der A400M

Bei der A320-Familie, die zur Hälfte in Hamburg endmontiert wird, sollen „zeitlich begrenzte Probleme, vor allem in der Lieferkette, bis Jahresende geklärt werden“, so die Pressemitteilung. Als dafür verantwortlich gilt Pratt & Whitney. Der US-Hersteller der spritsparenden Triebwerke für die Neo-Version kämpfte lange Zeit mit einer unterschiedlichen Abkühlung in den Aggregaten. Daher mussten sie vor Start und nach Landung einige Minuten im Leerlauf drehen. Das soll durch technologische Verbesserungen nun behoben, die Startzeiten vergleichbar mit Triebwerken der alten Generation sein. Insgesamt 21 A320-Jets ohne Antrieb stehen auf den Firmengeländen, 15 in Toulouse und sechs in Hamburg. An der Elbe sei der Überhang im Abbau begriffen, sagte ein Airbus-Sprecher.

Als teuerste Baustelle entpuppt sich für die Airbus Group aber weiterhin der Militärtransporter A400M. Der A400M bleibe eine „Herausforderung“, sagte Airbus-Group-Vorstandschef Tom Enders. Nach bisher fünf Milliarden wurde nun eine weitere Milliarde Euro als Sonderbelastung für die Maschine mit den markanten Propellern verbucht, macht zusammen mit dem A350-Jet eine stattliche Summe von 1,4 Milliarden Euro. Enders reagierte deutlich: „Verluste bei diesen beiden Programmen ... sind schlicht nicht hinnehmbar!“ An der Prognose für 2016 hält er allerdings fest.

Beim A380 wird die Produktion gedrosselt

Sondereffekte in der Bilanz sorgten dafür, dass im zweiten Quartal der Gewinn trotz aller Probleme – auch beim größten Flugzeug der Welt, dem A380, wird die Produktion gedrosselt – nicht einbrach, sondern kletterte, trotz eines um ein Prozent auf 16,6 Milliarden Euro gesunkenen Umsatzes. Durch den Ausstieg beim französischen Luftfahrt- und Rüstungskonzern Dassault und die Gründung einer Raumfahrt-Gemeinschaftsfirma mit Safran blieben unter dem Strich knapp 1,4 Milliarden Euro Konzernergebnis übrig, fast doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Vor Einmaleffekten fiel die Gewinngröße Ebit allerdings um vier Prozent auf knapp 1,2 Milliarden Euro. Den Erzrivale traf es härter. Boeing meldete wegen Problemen mit mehreren Flugzeugtypen rote Zahlen. Unter dem Strich stand ein Verlust von 234 Millionen US-Dollar (212 Millionen Euro) nach einem Gewinn von 1,1 Milliarden Dollar im Vorjahresquartal.

Die Airbus-Zahlen kamen trotz aller Schwierigkeiten an der Börse gut an. Offenbar war Schlimmeres befürchtet worden. Die Aktie gewann bis zum Nachmittag mehr als fünf Prozent auf gut 54 Euro. Die Commerzbank bekräftigte ihre Einschätzung als „Kauf“ und sieht das Kursziel bei 62 Euro. Die massiven Sonderbelastungen seien keine Überraschung gewesen, schrieb Analyst Norbert Kretlow in einer aktuellen Studie. Das Analysehaus Kepler Cheuvreux kommt zur gleichen Empfehlung und sieht 60 Euro als fairen Wert an.