Einzelhandel

Wie kleine Lebensmittelläden gerettet werden sollen

Bernd Heisers kleines Geschäft in Altona ist mittlerweile Ziel von Touristenführungen

Bernd Heisers kleines Geschäft in Altona ist mittlerweile Ziel von Touristenführungen

Foto: HA / HA / Mark Sandten

Tante Emma lebt! Die Zahl der kleinen Geschäfte ist in Hamburg gesunken. Ein neues Konzept macht aber Hoffnung.

Hamburg.  Bernd Heiser hört neuerdings öfter mal Sätze wie „Ach, guck mal, dass es sowas überhaupt noch gibt“, oder „Das ist ja wie früher, da gab es bei uns doch diesen Laden an der Ecke.“ Dann serviert Heiser ein paar Häppchen und plaudert mit den Besuchern über alte Zeiten im Lebensmittelhandel – und wie man mit knapp 70 Quadratmetern Verkaufsfläche wirtschaftlich über die Runden kommt.

Sein Geschäft an der Lornsenstraße in Altona-Altstadt ist einer der letzte Tante-Emma-Läden in Hamburg, und seit Kurzem ist er eine Art Vorzeige-Tante-Emma-Laden. Im Frühjahr war das Mini-Lebensmittelgeschäft erstmals eine Station bei einer Stadtteilführung für Touristen. Sein Laden mit nur einigen hundert Artikeln des täglichen Bedarfs im Sortiment ist mittlerweile ein Ziel für Nostalgiker.

Selbst Lebensmittelgeschäfte, die fün- bis sechsmal so viel Verkaufsfläche haben, werden das in einigen Jahren absehbar ebenfalls sein. Das belegen neue Untersuchungen des Instituts für Handelsforschung EHI. Demnach geht die Zahl der kleinen Lebensmittler mit weniger als 400 Quadratmetern Fläche in Deutschland weiter stark zurück. 8900 dieser oft inhabergeführten Läden gab es im vergangenen Jahr. Fünf Jahre zuvor waren es noch knapp 11.200. Gut jeder fünfte Laden wurde damit seit 2010 geschlossen. Zugleich ging auch die Zahl aller Lebensmittelgeschäfte im Land zurück. Von 39.300 2010 auf noch etwa 37.950 im vergangenen Jahr.

Große Ketten setzen weiter auf Wachstum

Der Konzentrationsprozess sei in Großstädten wie Hamburg besonders intensiv, sagt Brigitte Nolte vom Handelsverband Nord. Und die Entwicklung zu immer größeren Läden sei auch noch nicht abgeschlossen. Zahlen für die Hansestadt allerdings gibt es nicht.

Die Untersuchungen der Kölner Handelsexperten zeigen auch, dass die Supermarkt- und Discounter-Ketten weiter auf Größenwachstum setzen. So hatte eine neu eröffnete Filiale von Aldi Nord im Jahr 2005 eine durchschnittliche Größe von 810 Quadratmetern. Im vergangenen Jahr lag die Durchschnittsgröße bereits bei 950 Quadratmetern. Zudem geben die Ketten deutlich mehr Geld für den Ladenbau aus. Ansprechend gestaltete Verkaufsflächen und ein breiteres Sortiment sollen Kunden dazu bringen, möglichst alle Einkäufe in nur einem Markt zu erledigen. Das sogenannte One-Stop-Shopping ist nach Untersuchungen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) vor allem bei jüngeren Konsumenten weit verbreitet. Diese Bevölkerungsgruppe wolle und könne nicht viel Zeit für den Einkauf von Produkten des Tagesbedarfs aufwenden, so die Erklärung der Konsumforscher.

Das Kölner EHI ermittelte, dass die Unternehmen im Jahr 2013 die Rekordsumme von 800 Millionen Euro in die Neueinrichtung von Lebensmittelmärkten investierten. Das waren annähernd 40 Prozent mehr als 2011. Und auch für dieses Jahr erwartet das EHI eine deutliche Steigerung dieser Investitionen.

Tankstellen-Shops sollen aufgerüstet werden

Doch schiere Größe ist nicht alles. Die Rewe-Gruppe verfolgt mehrere Konzepte mit kleinen bis mittelgroßen Läden. Rewe-City-Märkte haben 500 bis 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche und etwa 9000 Artikel im Sortiment statt 15.000 wie ein Rewe-Supermarkt. Bei den sogenannten Temma-Märkten erinnert der Name an Tante Emma. In Blankenese und Eppendorf liegen zwei der bundesweit acht Temma-Geschäfte mit etwa 5000 Artikeln im Sortiment.

Und im Frühjahr kündigte das Unternehmen eine Kooperation mit Aral an. In bundesweit etwa 1000 Tankstellen sollen in den nächsten Jahren 80 bis 240 Quadratmeter große Rewe-to-go-Shops eingerichtet werden. Kunden von Testshops in Westdeutschland berichten allerdings von „Tankstellenpreisen“ für Toastbrot und H-Milch. Die Mini-Läden für den schnellen Einkauf zwischendurch soll es auch an Standorten mit viel Laufkundschaft wie etwa Bahnhöfen und Flughäfen geben. In Norddeutschland sei jedoch noch kein geeigneter Standort gefunden worden, heißt es bei Rewe Nord in Norderstedt.

Viel Laufkundschaft hat Bernd Heiser eher nicht. Um die 100 Kunden kommen pro Tag, schätzt er. „Die Alten sterben weg, die Jüngeren kennen uns oft nicht.“ Das war einer der Gründe, warum er im Laden jetzt auch einen Paketshop betreibt. Neben Aufschnitt, Feinkostsalaten, Backwaren und Klopapier gehört ein großes Fischsortiment zum Angebot – und ein Getränkelieferservice. „Ich komme klar, der Umsatz ist stabil“, sagt der 59-Jährige über die wirtschaftliche Situation des Betriebs, den er mit zwei Teilzeit- und einer Aushilfskraft am Laufen hält. Die Nachfolgersuche in einigen Jahren, ahnt Heiser, könnte schwierig werden. „Wer will schon 14, 15 Stunden am Tag arbeiten?“ Er gönnt sich jedoch Öffnungszeiten, die Supermarktkunden irritieren und Handelsnostalgiker begeistern dürften: Von 13 bis 15 Uhr ist der Vorzeige-Tante-Emma-Laden geschlossen – Mittagspause.