Fluglinie

Air Berlin bringt den Scheichs 630 Millionen Dollar ein

Flugzeuge der Air Berlin und ihres Hauptaktionärs Etihad auf dem Flughafen-Vorfeld

Flugzeuge der Air Berlin und ihres Hauptaktionärs Etihad auf dem Flughafen-Vorfeld

Foto: imago

Ryanair sagt das Ende von Air Berlin voraus. Doch für ihren arabischen Hauptaktionär ist die Berliner Airline noch von großem Wert.

Berlin.  Aus der deutschen Perspektive wirkt die Fluggesellschaft Air Berlin wie eine dauerkranke Patientin, die nur mit finanziellen Infusionen ihres reichen Großaktionärs Etihad vom Persischen Golf am Leben gehalten wird. Mitbewerber Ryanair sagt sogar ein baldiges Ende der Airline voraus. Doch aus internationaler Perspektive sieht die Lage anders aus: Da gilt die Berliner Airline als Umsatzmotor für Etihad und als Wirtschaftsfaktor für die Emirate. Das zeigen Zahlen des Konzerns.

Etihad hat über Beteiligungen ein Partnernetzwerk von sieben Airlines aufgebaut – darunter Air Berlin oder Alitalia. Das hat sich offenbar gelohnt, wie Etihad-Chef James Hogan in einer Mitteilung seines Unternehmens vom 27. April betont. Die Erträge der Equity-Investments seien „ein Vielfaches höher“ gewesen als die Investments dafür.

Etihad-Chef freut sich über Renditen

„Weniger als drei neue Flugzeuge“, so Hogan, habe das Investment betragen. Wie es scheint, stimmt für den Investor die Rendite: Fünf Millionen neue Kunden habe die Airline gewonnen und einen Umsatz von 1,4 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 1,25 Milliarden Euro) generiert. „Wenn das kein smartes Geschäft ist“, freute sich Hogan.

Selbst mit der defizitären Air Berlin, die an der Börse gerade einmal 93 Millionen Euro wert ist, macht nach Hogans Worten „unglaublich hohe Renditen“, die „weit über unseren Erwartungen liegen“. Allerdings schränkt er ein, es habe „länger als angenommen gedauert“, nachhaltige Rentabilität zu erreichen. Trotzdem: Der Mitteilung zufolge hat Air Berlin bislang „Erträge von über 500 Millionen Dollar für Etihad Airways erwirtschaftet“. Umgerechnet sind das 450 Millionen Euro.

Es stehen noch Reserven für Air Berlin bereit

Weiter heißt es: „Heute bringt uns Air Berlin direkte Umsätze in Höhe von über 150 Millionen US-Dollar pro Jahr.“ Doch das ist nicht alles. Denn indirekt sorgt die Partnerschaft mit Air Berlin „für ein jährliches Budget von 630 Millionen US-Dollar für die Wirtschaft in Abu Dhabi“. Damit sind vor allem Einnahmen aus dem Tourismus gemeint.

Allerdings hat Etihad auch erheblich in Air Berlin investiert. Der Konzern hält knapp 30 Prozent der Aktien. Wie berichtet, gewährten die Araber den Berlinern für 2016 ein Darlehen über 75 Millionen Euro und bürgten für zwei Bankdarlehen über insgesamt 250 Millionen Euro. Aus einem anderen Etihad-Darlehen über 255 Millionen Dollar hat Air Berlin 30 Millionen Dollar noch nicht genutzt.

Etihad könnte selbst nicht alle Flüge bedienen

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass Etihad an seinen Beteiligungen festhält, auch wenn diese in den tiefroten Zahlen stecken. Einem Branchenbericht zufolge hatte Hogan sich zuletzt [18. Mai] gegen eine Fusion von Air Berlin und Alitalia ausgesprochen. Darüber hatte das „Handelsblatt“ Mitte April spekuliert. Grund war damals die Ankündigung von Air Berlin, enger mit den Italienern zusammenzuarbeiten. Vereinbart wurden Codeshare-Verbindungen auf mehr als 1400 Flügen pro Woche und 91 gemeinsame Codeshare-Strecken – davon 56 Nonstop-Strecken und wöchentlich 750 Flüge zwischen Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien zu Zielen wie Rom, Mailand, Venedig, Bologna und Florenz.

Im vergangenen Winter, als Etihad sich mit dem Bundesverkehrsminister um die Rechtmäßigkeit von 31 Code-Share-Flüge stritt, spielte Air Berlin unterstützt von Lokalpolitikern zuletzt die Mitleidskarte. Beim Codesharing teilen sich mehrere Fluggesellschaften einen Linienflug. Sie vermarkten den Flug, als wäre es ihr eigener. Dadurch erweitern sie ihr Netzwerk und steigern ihre Umsätze. Etihad braucht ihre Codeshare-Partner. Denn sie darf in der EU nur eine beschränkte Zahl von Flugzielen ansteuern.

Partnerschaft mit 720.000 Fluggästen

8000 Arbeitsplätze bei Air Berlin stünden auf dem Spiel, hieß es damals bei Etihad. Air Berlin sekundierte, es drohe ein Verlust von 140 Millionen Euro, wenn es für das juristisch umstrittene Codesharing keine erneute Sondergenehmigung gebe. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg erklärte die Codeshare-Praxis schließlich für rechtens. Als die Berliner dann wenige Wochen später einen der erstrittenen Flüge (Stuttgart-Abu Dhabi) aus dem Flugplan strichen, der sich offenbar nicht rechnete, sorgte das in der Branche für Verwunderung.

Air Berlin war nach dem Rekordverlust im Jahr 2015 zum Jahresbeginn tiefer in die roten Zahlen geflogen. Der Betriebsverlust (Ebit) weitete sich auf 172 Millionen Euro aus, nach einem Fehlbetrag von 160 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum, wie Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Mitte Mai mitteilte. Die Diskussion um die umstrittenen Gemeinschaftsflüge mit dem Partner Etihad sowie die Anschläge in Ägypten und der Türkei hätten das Geschäft belastet, erläuterte Konzernchef Stefan Pichler. Der Umsatz schrumpfte um gut sieben Prozent auf 737 Millionen Euro. Air Berlin und Etihad beförderten im Jahr 2015 im Rahmen ihrer Partnerschaft 720.000 Fluggäste (2014: 600.000).

Unterdessen sagte Ryanair-Chef Michael O’Leary unter anderem der Air Berlin in einem Interview mit der „ Zeit“ das Ende voraus. Sie habe „keinen strategischen Kurs“. Etihad werde seine Anteile in wenigen Jahren an Lufthansa verkaufen, ist O’Leary überzeugt und sieht sein Unternehmen auf dem Weg zu Deutschlands zweitgrößter Airline. Ryanair konnte seinen Umsatz im vergangenen Jahr um 16 Prozent auf 6,54 Milliarden Euro steigern und will die Zahl der Fluggäste im laufen Geschäftsjahr um neun Prozent auf 116 Millionen erhöhen.