Panama Papers

Fahnder: „Steuerhinterzieher treibt die Gier“

Frank Wehrheim, Steuerberater und ehemaliger Steuerfahnder

Frank Wehrheim, Steuerberater und ehemaliger Steuerfahnder

Foto: Müller-Stauffenberg / imago

Frank Wehrheim hat jahrelang Betrüger dingfest gemacht. Der Steuerfahnder und Buchautor über Tricks und wie man sie aufdeckt.

Berlin. Oberamtsrat Frank Wehrheim kennt sich mit brisanten Datensätzen aus. Er lehrte als Steuerfahnder Frankfurter Bankvorstände das Fürchten. Mit 200 Ermittlern rückte er 1996 in die Zentrale der Commerzbank ein. Das hatte es in Deutschland noch nicht gegeben. Die Bank musste schließlich 200 Millionen Euro Steuern und 60 Millionen Euro Verzugszinsen nachzahlen. Wehrheim lebt heute als Steuerberater und Buchautor im hessischen Bad Homburg.

Hamburger Abendblatt: Herr Wehrheim, ist Panama das neue Mekka der Steuerhinterzieher?

Wehrheim:: Was manche an diesem Fall noch nicht verstanden haben ist: Panama ist nur der Sitz der Kanzlei und der Briefkastenfirmen. Es gibt aber Verzweigungen zu den Virgin Islands, den Seychellen, Singapur, Luxemburg, der Schweiz, den Cayman Islands, in viele Steueroasen der Welt. Oft liegt nur der Briefkasten in diesen Oasen. Und das Geld liegt tatsächlich in einem sicheren Land, weil die Leute panische Angst haben, ihr Geld tatsächlich in einem Land wie Panama liegen zu haben. Dort ist nur der Firmenmantel zur Verschleierung. Das Geld liegt dann sicher in der Schweiz. Und der Besitzer denkt, niemals entdeckt werden zu können.

Was ist denn neu an den Panama-Papieren?

Wehrheim : Was an diesem diesem Fall spannend ist, ist der Umfang des Datensatzes. Jetzt ist interessant, was davon die Strafverfolgung erhält. Ich weiß, dass meine früheren Kollegen in der Steuerfahndung mit Spannung auf diese Dokumente warten. Im Moment müssen sie leider noch Zeitung lesen...

Die „Süddeutsche Zeitung“ will aber keine Unterlagen an Behörden herausgeben – kommen die Fahnder bald in die Zeitung ?

Wehrheim: Nein, keine Chance. Dafür gibt es in Deutschland keine Akzeptanz. Aber es gab früher schon gelegentlich sogenannte Wurfsendungen bei Steuerfahndungen. Das kam manchmal auch von Medien, zum Beispiel die Zumwinkel, und Batliner-Fälle. Das wurde nicht offen übergeben, aber irgendein beherzter Redakteur hat es der Behörde eben nachts in den Briefkasten geworfen. Einen Teil der Panama-Daten hat die Fahndung übrigens schon.

Es geht um 214.000 Briefkastenfirmen. Gibt es nicht auch legale Gründe, solch eine Firma einzurichten?

Wehrheim: Es gibt sehr wenig legale Gründe, die mir einfallen. Alle Briefkastenfirmen, die ich gesehen habe, waren für illegale Zwecke errichtet worden. Ich erinnere mich nicht an eine, die legal war. Mit viel Fantasie könnte man sich vorstellen, dass jemand mit viel Geld, einem anderen Menschen Geld zukommen lassen will, mit dem er nicht verwandt ist, zum Beispiel einer Geliebten oder einem unehelichen Kind. Da könnte man mittels einer Briefkastenfirma jemandem außerhalb der Familie unbemerkt Geld zukommen lassen. Aber der Normalfall ist das nicht. Meistens geht es um Verschleierung. Zum Beispiel um Jachten und Privatjets, deren Besitzer nicht als solche erkannt werden wollen.

Ist das von Bundesjustizminister Heiko Maas vorgeschlagene Register, in dem die Begünstigten genannt werden müssen, eine Lösung?

Wehrheim: Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. In einigen Steueroasen könnte ein solches Register vielleicht etwas Transparenz bewirken. Aber ich glaube nicht, dass es im Ganzen viel verändern würde. Denn ein solches Gesetz wäre wahrscheinlich international nicht durchsetzbar. Die USA bekämpfen zum Beispiel Steuervermeidung international, lassen sie aber in Delaware, im eigenen Hoheitsgebiet, zu. Auch die Schweiz ist immer noch eine Steueroase. Und Großbritannien lässt Ähnliches wie in Panama auch auf den Virgin Islands und den Cayman Islands geschehen. Deshalb würde die Steuerhinterziehungskarawane einfach weiterziehen.

Was kann dagegen getan werden?

Wehrheim: Eine Bundessteuerfahndung wäre der erste Schritt in Richtung einer vernünftigen internationalen Zusammenarbeit von Fahndungsbehörden. Bislang gibt es keine gute europäische Zusammenarbeit der Fahnder. Helfen können auch Hinweisgeber. Warum wurden in Deutschland in den vergangenen Jahren so viele Fälle entdeckt? Weil ein Finanzminister in Nordrhein Westfalen im großen Stil Daten ankauft. Das wissen Hinweisgeber, zum Beispiel Mitarbeiter in Banken. Es ist kein Zufall, dass alle großen Aufdeckungen von organisierter Steuerhinterziehung in der letzten Zeit durch Whistleblower in Gang kamen.

Warum gehen Politiker, Sportler und andere Prominente ein solch hohes Risiko ein?

Wehrheim: Die Antwort lautet: Gier. Das ist bei sehr vermögenden Menschen schwer nachvollziehbar. Aber Leute, die so etwas machen, wollen immer mehr. Das bringt jetzt Fußballspieler wie Messi in Bedrängnis und Staatschefs wie den isländischen Premierminister Sigmundur Davíð Gunnlaugsson.