Hamburg

Drägerwerk streicht 350 Stellen

Medizintechnikhersteller aus Lübeck leidet unter starkem Dollarkurs. Mitarbeiter können sich für ein Abfindungsprogramm melden

Hamburg. Die Zeit der Hochstimmung in Lübeck ist noch gar nicht so lange her: Im vergangenen Jahr konnte sich Vorstandschef Stefan Dräger über den Besuch gleich mehrerer Staatsoberhäupter freuen. König Willem-Alexander der Niederlande und Gattin Maxima kamen im Frühjahr zu einer Werksführung bei dem Medizintechnikhersteller vorbei und ließen sich beim Gang über den extra ausgerollten drägerblauen Teppich von den Beschäftigten feiern. Kurz danach war es Joachim Gauck, der den Dräger-Leuten zu ihrer Innovationsfreude gratulierte. Ein Foto gemeinsam mit dem Bundespräsidenten zeigt der Chef seinem Besuch nach wie vor gerne.

Doch gestern sorgte die Firma, die mit ihren Beatmungs- und Narkosegeräten seit 1889 täglich Menschenleben rettet, eher für enttäuschte Gesichter. Auf der Bilanzpressekonferenz präsentierte Dräger ein düsteres Bild.

Die Kosten seien schneller gestiegen als der Umsatz und hätten die Marge belastet, sagte der Vorstandsvorsitzende bei der Vorstellung der endgültigen Geschäftszahlen für 2015. So ging das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um mehr als 60 Prozent auf 66,7 Millionen Euro zurück (2014: knapp 179 Millionen Euro). Zwar legte der Auftragseingang um 4,8 Prozent auf 2,5 (2,4) Milliarden Euro zu, und der Umsatz stieg gegenüber dem Vorjahr um 7,2 Prozent auf 2,6 (2,4) Milliarden Euro. Doch wegen des starken Dollarkurses, höherer Qualitätskosten, schleppender Geschäfte in der Region Asien-Pazifik und wegen finanzieller Probleme der Kunden in der Öl- und Gasindustrie habe das Bruttoergebnis nicht mit dem Umsatz Schritt halten können. Unter anderem deshalb hatte der Konzern in den vergangenen Monaten seine Ergebnisprognosen zweimal nach unten korrigieren müssen.

Bei dem größten industriellen Arbeitgeber Schleswig-Holsteins steht daher ein Sparkurs an. Weltweit beschäftigt Drägerwerk 13.000 Mitarbeiter, an verschiedenen Standorten in Lübeck sind es 5000 Fachkräfte. Am Stammsitz sollen nun 200 Arbeitsplätze wegfallen. Durch ein Programm „mit großzügigen Abfindungen“, sagte Sprecherin Melanie Kamann dem Abendblatt, sollten die Stellen abgebaut werden. Bisher hätten 40 Beschäftigte Aufhebungsverträge unterschrieben. Meldeten sich bis Ende April nicht genügend Frauen und Männer für einen freiwilligen Ausstieg, seien „betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen“, sagte Kamann. Für ausländische Tochtergesellschaften hat Dräger ebenfalls Sparziele definiert, daher seien an Standorten wie Mexiko oder Brasilien weitere 150 Jobs bedroht.

Noch im September 2015 hatte Dräger im Gespräch mit dem Abendblatt von einer „wachsenden Mitarbeiterzahl“ gesprochen, sowohl im laufenden als auch im nächsten Jahr. Drägerwerk suche Ingenieure, Controller und IT-Spezialisten. Nach wie vor seien Vertriebsprofis gefragt, sagte Kamann gestern. Festhalten wird der Konzern nach eigenen Angaben auch an den Investitionen in seinen Stammsitz. Der neue Produktionsstandort in Lübeck für 70 Millionen Euro solle zu Ostern von den Mitarbeitern bezogen werden, sagte die Sprecherin. Das neue Werk mit kürzeren Wegen abseits der alten Backsteinromantik soll die Fertigungskosten senken.

In der Heimat hatte Drägerwerk zuletzt für Unmut bei einigen Lieferanten gesorgt, weil sich die Sparpolitik des Konzerns auf ihre Firmen auswirkt. So hat Dräger an Geschäftspartner einen Brief versandt mit dem Inhalt, dass ab dem 1. März Zahlungen erst nach 45 Tagen geleistet werden. So will Dräger die liquiden Mittel schonen.

„Wir kommen nicht umhin, gegen unseren Kostenanstieg und den negativen Ergebnistrend anzugehen, auch wenn dies einige schmerzhafte Anpassungen erfordert“, sagte Dräger. Die Dividende für die Vorzugsaktien soll von 1,39 Euro auf 0,19 Euro und für die Stammaktie von 1,33 Euro auf 0,13 Euro gesenkt werden. Auch für 2016 geht das Unternehmen von einer schwächeren Wachstumsdynamik aus und rechnet beim Umsatz mit einem währungsbereinigten Wachstum zwischen null und drei Prozent. Analyst Scott Bardo von der Berenberg Bank zeigte sich von den neuesten Entwicklungen bei Drägerwerk wenig überrascht. Sollte der Konzern die Ziele für 2016 erreichen und die Restrukturierungspläne erfolgreich umsetzen, dürften Anleger wieder Vertrauen bekommen, schätzt der Marktbeobachter.

Auch Analyst Alexander Neuberger vom Bankhaus Metzler ist zuversichtlich: Drägerwerk sollte das Schlimmste hinter sich haben. Allerdings sei eine Restrukturierung nötig, um die Aktien des im TecDAX notierten Unternehmens wieder attraktiv zu machen.