Langzeitarbeitslose sind Verlierer des Jobbooms

Warum trotz 92.000 neuer Stellen in Hamburg mehr Menschen ohne Beschäftigung sind

Es scheint grotesk. Zwar werden auf dem Hamburger Arbeitsmarkt immer mehr Mitarbeiter gesucht, gleichzeitig aber steigt die Zahl der Langzeitarbeitslosen weiter. Dabei geht es dem Hamburger Arbeitsmarkt im Vergleich zur Vergangenheit noch sehr gut. Zwischen 2008 und 2014 erhöhte sich die Zahl neuer Stellen um 92.000, belegt eine Studie des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Kiel. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen stieg damit auf 898.000.

Allerdings konnten Menschen ohne Arbeit kaum davon profitieren. Die Zahl der Arbeitslosen ist sogar um 1,1 Prozent auf 73.663 gestiegen. Die Gründe sind vielfältig. Zum einen passen die Begabungen der Arbeitslosen nicht immer zu dem Profil von Unternehmen oder anderen Institutionen. Deshalb sehen sich die Firmen nach einem anderen Bewerber um, der dann eingestellt wird. Das hilft aber nicht, den Berg der Langzeitarbeitslosen zu verringern. Selbst wenn Unternehmen zahlreiche neue Stellen schaffen, wirkt sich das oft negativ aus, weil die Firmen lieber Personen einstellen wollen, die auch schon zuvor erwerbstätig waren .

„Die beruflichen Anforderungen haben sich verändert. In vielen Branchen werden Stellen angeboten, auf die aber kein Bewerber passt“, sagt Sönke Fock, Chef der Hamburger Agentur. Im Klartext heißt dies, dass der Suchende nicht die geforderten Kenntnisse für seinen Wunsch-Arbeitgeber mitbringt, sagen die Autorinnen der Studie, Christina Boll und Annekatrin Niebuhr. Dieses Nichtzusammenpassen bezeichnet man neudeutsch als Missmatch.

Betroffen von massiven Veränderungen einer Branche waren in den vergangenen Jahren zum Beispiel Druckereien, die nicht mehr gegen die IT-Technik mithalten konnten und ihren Mitarbeitern kündigen mussten. Diese mussten zur Arbeitsagentur und sich umschulen lassen.

Doch nicht nur fehlende Kenntnisse benachteiligen die Arbeitssuchenden, sondern auch eine immer stärker werdende Konkurrenz. So sind von den 92.000 neuen Arbeitsplätzen seit dem Jahr 2008 in der Stadt 51.000 durch Zuwanderer besetzt wurden, weil Menschen zum Beispiel sich beruflich verändert haben und deshalb nach Hamburg gekommen sind. Unter den 51.000 Menschen waren laut der Studie rund 30.000 Frauen, die nach der Elternzeit oder wegen anderer Anlässe wieder arbeiten wollten. „Die meisten der Frauen hatten gute Qualifikationen“, so die Autorinnen der Studie. Auch Hochqualifizierte und ältere Menschen zwischen 55 und 64 Jahren haben demnach wieder bessere Chancen auf einen neuen Job. Sie hatten einen signifikanten Anteil daran, dass ausgeschriebene Stellen besetzt werden konnten. Auch hier waren es mehr Frauen als Männer, die einen neuen Arbeitsplatz gefunden haben.

Hinderlich für die Reduzierung der Langzeitarbeitslosigkeit sind auch sogenannte Aufstocker. Das sind Erwerbstätige, die arbeiten, aber zum Beispiel nur halbtags. „Wenn sie ihre Stundenanzahl aufstocken, verringern sie gleichzeitig die Chance von Arbeitslosen, mit denen sie sich möglicherweise eine Stelle teilen könnten“, hieß es.

Die Arbeitsagentur und das Jobcenter wollen den Langzeitarbeitslosen mit Umschulungen und anderen Kursen ermöglichen, dass sie doch noch in Arbeit gebracht werden können. Allein das Jobcenter hat dafür ein Budget von 106 Millionen Euro, bei der Arbeitsagentur sind es 100 Millionen. Hamburg ist keine Ausnahme. In den meisten Bundesländern gibt es das gleiche Phänomen: Trotz genügend freier Stellen steigt die Zahl der Langzeitarbeitslosen kontinuierlich.

Eigentlich könnte der Chef der Agentur zufrieden sein mit den guten Zahlen auf dem Arbeitsmarkt. Aber für Sönke Fock ist die Reduzierung der Arbeitslosigkeit eine gesamtgesellschaftliche und -wirtschaftliche Aufgabe. Aus dem Gutachten ergeben sich für ihn drei Handlungsfelder, um die Chancen der Arbeitssuchenden im Wettbewerb mit anderen Job-Suchenden zu erhöhen. „Zum einen dürfen wir nicht nachlassen, den Übergang von Schule zur Berufsausbildung oder Studium für jeden Jugendlichen verbindlich einzufordern, um spätere Langzeitarbeitslosigkeit zu verhindern.“ Zudem sei es erforderlich, dass die finanziellen Mittel der Agentur so eingesetzt werden, dass Umschüler und andere Kandidaten am Ende auch einen Abschluss in der Tasche haben. „Zudem müssen Unternehmen ihre Mitarbeiter regelmäßig berufsbegleitend schulen. Wer als Fachkraft arbeitslos wird, hat erheblich bessere Möglichkeiten auf ein neues, passendes Jobangebot“, so der Chef.

Gesucht werden von der Agentur noch Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten wollen. In diesem Segment ist die Personalnot weiterhin besonders stark ausgeprägt.