Seevetal

Ganz schön Feige

Trockenobst wird immer beliebter. Farmer’s Snack produziert vier Millionen Beutel im Monat mit einem geheimen Verfahren

Seevetal.  Cornelia Ahrens schließt die Augen und riecht: „Das ist eine Walnuss aus Kalifornien, Sorte Chandler, neue Ernte. Und das eine Feige aus der Türkei, wurde wahrscheinlich im August geerntet.“ 18 Jahre Berufserfahrung machen sich nicht nur auf dem Lebenslauf gut, sondern auch in der Nase. Wie ein Weinsommelier erkennt Cornelia Ahrens die Produkte, die die studierte Ökotrophologin weltweit einkauft, am Geruch. Wo andere selbst unter dem Mikroskop keinen Fehler erkennen, macht sie ohne Hinzuschauen meilenweite Qualitätsunterschiede aus.

Die 46-Jährige führt durch die Produktionsstätten von Farmer’s Snack in Seevetal. 1500 blitzblanke Quadratmeter, auf einer Intensivstation könnte es nicht sauberer sein. Vor Betreten der Halle zieht man weiße Schutzkleidung an, desinfiziert seine Hände und rollt über eine Waschstraße, bei der die Schuhe von unten geputzt werden.

Für die Mitarbeiter gibt es schicke Duschen, und in den Umkleiden liegen die Sachen so geordnet nebeneinander, dass ein Zwangsneurotiker seine helle Freude hätte. Alles kein Zufall: Neben den Putzkräften sorgen zwei Hausdamen dafür, dass alles tipptopp aussieht. Wie Heinzelmännchen räumen sie den Mitarbeitern hinterher, und packt jemand sein Brot aus, reichen sie ihm einen Teller. Sogar unsichtbare Zeichen von Verschmutzung haben keine Chance: die Luft wird ständig ausgetauscht.

Die Halle teilt sich in drei verschiedene Klimazonen, denn eine Mango benötigt beispielsweise eine ganz andere Feuchtigkeit als eine Mandel. 600 Tonnen Nüsse und Trockenobst werden hier monatlich angeliefert, um sie zu 80 verschiedenen Produkten zu veredeln. Jedes Produkt erhält nach der Eingangs-Analyse eine individuelle Rezeptur, denn Pfirsich ist nicht gleich Pfirsich. Je nach Optik, Sensorik, Herkunftsland und Alter muss jede Frucht unterschiedlich behandelt werden, um am Ende eine gleichbleibende Qualität in die Tüte zu bekommen. Dennoch: So identisch wie industriell hergestellte Produkte können und wollen sie nie sein. Trockenfrüchte sind kein Nutella.

Manchmal wird Cornelia Ahrens von Kollegen gefragt, wo sie denn all die unterschiedlichen Rezepturen nachlesen können. „Aber leider gibt es keine Anleitung. Das Gefühl für die Früchte lernt man nur durch Erfahrung“, sagt Ahrens. Als Messehostess fing sie bei der Seevetaler Firma an, inzwischen gehört sie zur Geschäftsführung. Was sie nicht nur ihrer guten Nase verdankt, sondern auch ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Verhandlungsge-schick. Neben der Qualitätssicherung ist sie für die Beschaffung der Produkte zuständig, als blonde Frau war es zunächst nicht leicht, in muslimisch geprägten Ländern einen Fuß in die Tür zu bekommen. Jahrelang wollte keiner an die Deutsche verkaufen, doch sie ließ nicht locker, kehrte auf der Suche nach den besten Feigen und Aprikosen immer wieder in die Türkei, bis sie jemanden fand, der an sie verkaufte. Und ab dann verkauften plötzlich alle.

1500 Tonnen Ware bezieht Farmers Snack mittlerweile aus der Türkei; in der Branche kennen den Name Cornelia Ahrens alle. Für hochwertige Produkte fliegt sie auch zwölf Stunden, um persönlich mit einem Farmer zu sprechen, der sie eigentlich nicht sehen will. Um wenn dessen Hund ihr die Hose versaut, dann macht das nichts. Selbst Fleisch, um das die Fliegen kreisen und das auf einem rostigen Grill zubereitet wird, schluckt sie genussvoll herunter. Wer etwas will, der muss Respekt zeigen. „Geschäfte laufen nun mal in jedem Kulturkreis anders, und mein Magen ist durch unsere super Trockenfrüchte sowieso resistent“, sagt Ahrens.

Trockenfrüchte liefern viele Vitamine und Ballaststoffe bei wenig Fett und wirken sich positiv auf den Säure-Basen-Haushalt des Körpers aus. Aufgrund des hohen Gesundheitsfaktors ist die Nachfrage in den letzten Jahren stark gestiegen, vor allem China und Indien sind neben Europa große Abnehmer. „Vor zehn Jahren war meine größte Sorgen, nicht genug zu wachsen,“ sagt Christoph Avenarius, der andere Geschäftsführer. „Aber heute ist der Verkauf kein Thema mehr, der läuft wegen unserer Qualität fast von alleine. Heute stellt die Beschaffung das größte Problem dar.“ Rohwaren wie Trockenfrüchte sind schwer kalkulierbar geworden, weil Broker damit spekulieren. Früher richtete sich die Preissituation nur nach den Bedingungen für die Farmer. Gute Ernte, viel Angebot, niedrige Preise. Heute gibt es durch die Spekulationen erhebliche Schwankungen, hinzu kommen immer häufiger Wetterkatastrophen, die Ernten zerstören und zur Verknappung der Ware führen. Lag der durchschnittliche Rohmarktpreis 2014 bei 6,80 Euro sind es ein Jahr später 10,35 Euro. „Es ist ein verrückter Markt,“ sagt Avenarius.

Gläserne Produktion: Vom Feld bis in die Tüte soll alles transparent sein

Dennoch kann sich seine Firma wie die Konkurrenz über hohe Wachstumszahlen freuen (siehe Kasten). Der Erfolg habe natürlich mit der Qualität der Produkte zu tun, sagt Avenarius, doch dass die Firma überhaupt eine Chance bekommen habe, dass sei der Hamburger Bürgschaftsgemeinschaft (BG) zu verdanken. Als Avenarius nämlich Anfang der 90er Jahre Kredite für den Aufbau der Produktion benötigte, bekam er Unterstützung von der BG. Knapp drei Seiten umfasste der Vertrag, von dem sogar Laien jeden Satz verstehen. „So unbürokratisch geht es nur in Hamburg zu, daran erkennt man das Verständnis der Leute hier für das Kaufmännische,“ sagt Avenarius.

Gut vier Millionen Beutel werden pro Monat in Seevetal produziert; auf allen Verpackungen findet sich ein QR-Code, mit dem der Kunde nachverfolgen kann, welchen Weg die Früchte und Nüsse durchlaufen haben, bis sie in der Verpackung gelandet sind. Vom Feld bis in die Tüte soll alles transparent sein, die Verantwortlichen sprechen von einer „gläsernen“ Produktion. Dazu gehört auch eine langjährige Kooperation mit den Plantagen, mit denen Farmer’s Snack zusammenarbeitet.

Zwölf eigene Projekte haben Ahrens und Avenarius inzwischen auf der Welt aufgebaut; es sollen mehr werden. Nur so ist ein qualitativ hochwertiger Nachschub garantiert, und man hat besseren Einfluss darauf, wie die Lagerung und die Trocknung der Früchte auszusehen hat und wie viele und welche Pflanzenschutzmittel überhaupt beim Anbau verwendet werden dürfen.

Die Rückstände von Pestiziden sind ein Problem beim Trockenobst. Man nehme nur die Gojibeere, vor Kurzem noch als Heilsbringer und „Superfood“ verehrt, bis bei Proben der staatlichen Lebensmittelbehörde heraus- kam, dass das Mittel der traditionellen chinesischen Medizin mit einem Pflanzenschutzcocktail von mehr als 30 verschiedenen Pestiziden überzogen ist. „So etwas soll und wird bei uns nicht passieren“, sagt Avenarius.

Es gibt gleich mehrere Eingangskontrollen in Seevetal. Die Ware wird zunächst auf Sensorik und Optik kontrolliert, danach geht sie ins Labor. Cornelia Ahrens erklärt anhand einer Feige, wie sie einen Befall mit Schwarzschimmel und Aflatoxinen ausschließt. Die Feigen werden erst in leichtem Salzwasser gewaschen, getrocknet und dann wie Perlen nebeneinander auf ein Förderband gelegt, das in einem dunklen Raum unter einem UV-Licht hindurch läuft. Aflatoxin würde dabei neongrün aufleuchten. Um Schimmel festzustellen, wird bei jeder Feige der Stängel per Hand entfernt und hineingeguckt. Gleichzeitig ist die Frucht so besser zu essen.

95 Prozent der Waren kommenim Hamburger Hafen an

Farmer’s Snack hat außerdem ein Verfahren entwickelt, mit dem die Früchte nicht auszuckern und besonders vitaminschonend pasteurisiert werden. „Das können nur wir“, sagt Ahrens nicht ohne Stolz, führt einen dann aber schnell wieder aus dem sehr warmen Pasteurisierungsraum hinaus. „Hier befindet sich unser Geheimnis, da lassen wir niemanden so gerne rein“, sagt Avenarius und lacht.

95 Prozent der Waren kommt im Hamburger Hafen an. Für Christoph Avenarius stellt die Nähe zum Hamburger Hafen einen großen Standortvorteil dar, bezieht seine Firma doch 100 verschiedene Rohstoffe von allen Kontinenten. Nur drei Autobahnabfahrten entfernt zu sein von den ankommenden Containern, erleichtert und vergünstigt die Anlieferung.

Früher gab es manchmal Probleme mit Lkw, die aus Osteuropa kamen. Die Fahrer wollten nur Bargeld oder hielten sich nicht an die Lieferzeiten. Aber da hatten sie Cornelia Ahrens unterschätzt. Ein Fahrer hatte mal telefonisch erklärt, er müsse jetzt wegen einer angeblich überschrittenen Lenkzeit kurz vor Hamburg pausieren, zufällig an einer Raststätte mit Wohnwagenprostituierten. Cornelia Ahrens fuhr hin und zog den Fahrer aus einem Wohnwagen, weil sie die Ware dringend brauchte. Ihre Liebe zu Früchten geht über alles.