Wirtschaft

Warum die Hamburger auf Perserteppiche fliegen

Ali Ipektchi lagert in seinem Betrieb IPEK in Groß 
Borstel mehrere Zehntausend Perser­teppiche

Ali Ipektchi lagert in seinem Betrieb IPEK in Groß Borstel mehrere Zehntausend Perser­teppiche

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Hamburg ist die Weltstadt der Importeuere von handgeknüpfter Orientteppiche. Die Traditionsstücke galten als spießig, da ist vorbei.

Hamburg.  Sie heißen „Persisk“ oder „Silkeborg“, stammen aus dem Morgenland und mischen sich in die schwedische Wohnkultur. Handgeknüpfte Orientteppiche galten als spießig, inzwischen werden sie aber vermehrt mit modischem Mobiliar kombiniert. So haben edle Unikate aus dem Iran und aus der Türkei sogar den Weg ins schwedische Möbelhaus gefunden, das vor allem jüngere und jung gebliebene Menschen anspricht. Ikea ist nicht allein. Hamburger Teppichimporteure freuen sich nach vielen mageren Jahren über ein Comeback ihrer Produkte.

Einer von ihnen ist Ali Ipektchi. Der Hamburger mit iranischen Wurzeln gehört zu den größten Teppichimporteuren der Stadt und hat seinen Betrieb IPEK in Groß Borstel. „Abgepasste Teppiche boomen“, sagt Ipektchi. Er verwendet den Fachbegriff für Teppiche, die – im Gegensatz zur Auslege­ware – den Boden nicht komplett bedecken. „Ein wichtiger Grund ist der Trend zu Holz- und Steinfußböden“, sagt der Händler, der seine Ware liebt.

Jeder Teppich ist ein Unikat

In dem geräumigen Lager mit einer Gesamtfläche von 4500 Quadratmetern liegen mehrere Zehntausend Perserteppiche (sie werden heute noch so genannt, obwohl der Golfstaat Persien seit 1934 offiziell Iran heißt). „Das sind alles Unikate“, sagt Ipektchi und blättert einen Stapel mit klassischen Mustern durch. „Jeder einzelne ist ein Kunstwerk, angefertigt von kunstfertigen Knüpfern, Nomaden und Bauern, die die traditionellen Muster in ihrem eigenen Stil variieren“, erläutert der Experte.

Ipektchi ist eigentlich ausgebildeter Augenarzt. Er gab seinen Job im Universitätsklinikum Eppendorf aber schon vor vielen Jahren auf, um den Teppichhandel seines Vaters zu übernehmen und ihn in fünfter Generation weiterzuführen. Er habe diese Entscheidung nie bereut, sagt der 60-Jährige, der auch Erster Vorsitzender der Vereinigung Europäischer Teppichimporteure EUCA ist. Als sein Betrieb vor mehr als zwei Jahrzehnten zu groß wurde, musste er die Speicherstadt, „die historische Heimat der Teppichhändler“ verlassen, was ihm sehr wehtat. Doch die Logistik der über fünf Stockwerke verteilten Böden, auf die jeder Teppichballen mit einer Seilwinde einzeln hinaufgehievt werden muss, passte nicht mehr zum gestiegenen Warenumschlag.

Die Zahl der Teppichimporteure ist seit den 1990-Jahren drastisch gesunken – einige wuchsen aus den beengten Räumlichkeiten heraus, andere gaben ihr Geschäft auf. Anfang der 90er schlugen in der damaligen Freihandelszone noch rund 300 Betriebe Orientteppiche um. Heute sind es noch 65. Aber sie belegen noch immer eine Gesamtfläche von rund 48.000 Quadratmetern. Damit ist die Speicherstadt nach wie vor der größte Teppichhandelsplatz der Welt.

Dreh- und Angelpunkt ist die Speicherstadt

„In Hamburg können Sie innerhalb von ein, zwei Tagen Produkte aus allen Herkunftsländern der Orientteppiche bei Händlern einkaufen“, sagt Ipektchi, der ausschließlich echte Perser importiert. „Andernfalls müssten Sie alle Länder einzeln bereisen, um ein Sortiment zusammenzustellen – von Marokko über die Türkei, Iran, Afghanistan, Indien, Pakistan, Nepal bis nach China.“

Der Teppichhandel ist Teil des Denkmals Speicherstadt. Aber die Ware, die dort und in anderen, größeren Handelshäusern umgeschlagen wird, hat offenbar den Sprung in die Moderne geschafft. „Seit 2005 steigen die Preise für Perser kontinuierlich“, sagt Ipektchi. „Aber die Masse der abgepassten Teppiche ist preiswerte, maschinengefertigte Ware, größtenteils aus Kunstfasern.“

Perser- und andere handgeknüpfte Orientteppiche galten lange Zeit als veraltet. Der Handel trage daran Mitschuld, so Ipektchi, denn die Geschäfte präsentierten die Teppiche meist mit Möbeln für die ältere Generation, kurz: im Gelsenkirchener Barock. Als die Nachfrage der Kriegs- und Nachkriegsgeneration nachließ, fehlte Ende der 1990er-Jahren der Käufernachwuchs. Die Teppiche verloren ihr Image als Statussymbol und Wertanlage, das sie in Zeiten des Wirtschaftswunders aufgebaut hatten.

Veränderte Vermarktungsstrukturen taten ein Übriges. Fachhändler für Teppiche, die den Wert der handgeknüpften Werke vermitteln konnten, sind vom Markt verschwunden. Ihren Platz nehmen heute die Teppichabteilungen der Möbelhäuser ein. „Auch dort gibt es zum Teil ausgebildetes Fachpersonal“, sagt Ipektchi, „aber nicht immer.“ Generell sei in den vergangenen Jahren zu wenig Verkaufspersonal ausgebildet worden, beklagt der Teppichfachmann.

Gemessen an der Arbeit, die in ihnen stecke, werden echte Perserteppiche immer noch zu preiswert gehandelt, sagt er. Ein Problem sei die hohe Verfügbarkeit. Viele Erwachsene erben einstmals teuer erworbene Perserteppiche von ihren Eltern – und müssen feststellen, dass sie in dieser Form unverkäuflich sind. Ipektchi: „Es gibt zurzeit keinen Zweitmarkt für die Teppiche, nicht einmal für besonders wertvolle Exemplare.“

Junge Designer hauchen den Traditionsstücken neues Leben ein

Dabei passen die Traditionsstücke auch zu modernen Einrichtungen. Oder die Teppiche werden von jungen Designern verfremdet. Einer von ihnen ist der Bochumer Jan Kath, der auch in Hamburg mit einer Filiale am Sandtorpark (HafenCity) vertreten ist. Er traktiert die Teppiche, in dem er Teile übermalt oder die Wolle oder Seide so lange abkratzt, bis die guten Stücke schäbig aussehen.

Andere Teppichkünstler zerschneiden die Unikate und nähen die einzelnen Stücke im Patchwork-Stil wieder zusammen. Oder sie bleichen die Teppiche, bis die Muster in den Hintergrund treten, und färben sie neu ein (Vintage-Stil) – Ergebnis: einfarbige handgeknüpfte Teppiche, bei denen sich die Konturen der traditionellen Muster noch abzeichnen.

Ipektchi setzt lieber auf das Original. „Wenn Sie die verfremdeten Designerstücke nicht mehr leiden mögen, dann ist mit ihnen nicht mehr viel anzufangen, denn es sind Modeartikel“, sagt er. „Es sei denn, der Designer hat sich einen Namen gemacht, sodass seine Werke gefragt sind und teuer bezahlt werden.“

Der Importeur streichelt liebevoll über einen fein geknüpften Seidenteppich mit farbenfrohem orientalischen Muster – „so etwas ist ein Kunstwerk. Damit können Sie Ihre Wohnung genauso schmücken, wie andere Menschen Bilder kaufen und an die Wand hängen.“