Glinde/Hamburg

Hütter-Aufzüge in Glinde droht das Aus

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Daniela Stürmlinger

Mutterkonzern Otis will offenbar die Fertigung des 1876 gegründeten Unternehmens schließen. Beschäftigte fahren heute zum Protest nach Berlin

Glinde/Hamburg.  Es sollte eine Erfolgsgeschichte werden. Als Bernd und Achim Hütter Ende August 2013 die familieneigene Aufzugsfirma Hütter aus Glinde an den amerikanischen Weltmarktführer Otis verkauften, haben sie bestimmt nicht gedacht, dass Otis das 1876 gegründete Traditionsunternehmen gut zwei Jahre später schließen wird. Doch genau dies dürfte nun nach Angaben des Betriebsratsvorsitzenden Thomas Hübner kurz bevorstehen.

„Der Vertrieb von Schrägaufzügen und Sonderanlagen wurde bereits nach der Übernahme von Hütter eingestellt,“ sagt er. Im vergangenen Jahr ordnete Otis an, dass Hütter künftig zu der Tochterfirma Schmidt Aufzüge Medebach gehören soll. „Danach wurden bei Hütter nur noch Altbestände in der Fertigung abgearbeitet,“ so Hübner. Jetzt sollen durch die Schließung der Fertigung 23 Beschäftigte ihren Job verlieren. Nur noch neun Mitarbeiter aus dem Vertrieb und der Konstruktion blieben in Glinde.

„Wir haben immer darauf hingewiesen, dass in den Standort und in Personal investiert werden muss. Das ist nicht passiert.“ Stattdessen wurde die Zahl der Mitarbeiter in Glinde von ehemals 76 im Jahr 2013 sukzessive reduziert. Beim Verkauf 2013 hieß es noch, dass sich für die Beschäftigten nichts verändern werde.

Auf einer Betriebsversammlung am Donnerstag wollten die Mitarbeiter von der Geschäftsführung endlich wissen, wie es mit ihnen weitergehen soll. Doch von den Chefs kam keiner zu der Versammlung. Deshalb haben die Beschäftigten beschlossen, am heutigen Freitag nach Berlin zu fahren. Dort befindet sich der Hauptsitz von Otis in Deutschland und dort findet auch eine Betriebsversammlung am Rande einer Aufsichtsratssitzung des Aufzugherstellers statt. „Wir wollen unsere offenen Fragen persönlich den Aufsichtsräten stellen. Kommt der Vorstand nicht zu uns – kommen wir eben zum Vorstand“, sagt Hübner.

Durch das Aus der Produktion in der schleswig-holsteinischen Gemeinde spart Otis nicht nur Geld, sondern kann auch die führende Technik von Hütter an andere Standorte verlagern. „Otis hat sich offenbar entschieden seine Aufzüge von Subunternehmen oder im Ausland produzieren zu lassen“, sagt Dennis Faupel von der Industriegewerkschaft Metall in Hamburg. Die Gründe für die neuen Pläne der Amerikaner sind bislang unklar. Niemand wollte sich gegenüber dem Abendblatt äußern. „Ich werde mit Ihnen nicht über Hütter sprechen“, sagte Marc Drescher, der Direktor im Bereich Unternehmenskommunikation bei Otis ist. Selbst die Frage, ob der Name Hütter weitergeführt wird, wurde nicht beantwortet.

Hütter ist eine Perle in der Branche. Neben den Standardlösungen haben sich die Glinder auf individuelle und anspruchsvoll zu fertigende Aufzüge spezialisiert. So konstruierte Hütter Deutschlands höchsten, gläsernen Außenaufzug für das Kristall-Wohngebäude im Hamburger Holzhafen. Der 66 Meter hohe Lift ist klimatisiert, funkgesteuert und fährt außerhalb des Gebäudes die Fassade empor.

Für einen siebengeschossigen Altbau im Hamburger Stadtteil St. Georg baute Hütter zudem den wahrscheinlich schmalsten Innenaufzug in ganz Deutschland mit einer Breite von nur 52 Zentimetern. Für den HVV konstruierte das Unternehmen die Aufzüge für die neue U-Bahn-Linie 4 in der HafenCity. Hütter baut aber auch die gängigen Aufzüge. In der Metropolregion rund um die Hansestadt dürften mehrere Tausend der Konstruktionen stehen, die aus Glinde stammen.

Mit seinen schrägen Produkten ist Hütter sogar weltweit Marktführer. Genau dies dürfte dazu geführt haben, dass sich Otis für die Firma interessierte. International wurden die Glinder mit einem spektakulären Projekt in Xi’an in China bekannt. Im Famen-Tempel befördern seit 2010 vier Schrägaufzüge täglich mehr als 6000 Gäste, die den für die Buddhisten so wichtigen Ort besichtigen wollen. Der Lift in dem 148 Meter hohen Gebäude, das zwei betenden Händen nachempfunden ist, kann bis zu 21 Besucher pro Kabine befördern.

„Unsere Spezialität, die Hütter-Schrägaufzüge, können jetzt über ein weltweites Vertriebsnetz verkauft werden. Wir können nun unsere Angebotspalette erweitern, neben Spezialanfertigungen wie Aufzüge in Schachtgerüsten für den europäischen Aufzugsmarkt künftig auch eine breite Palette an Standardaufzügen anbieten,“ sagten Achim und Bernd Hütter kurz nach dem Verkauf an Otis. Das hilft den Mitarbeitern in Glinde, deren Arbeitsplätze nun zur Disposition stehen, auch nicht weiter. Und womöglich steht sogar eine komplette traditionsreiche Marke zur Disposition.

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