Lebensmittel

Neustart für Kemm’sche Kuchen

Traditionsgebäck kehrt nach Hamburg zurück. Eigentümer planen nun einen hochwertigen Butterkeks

Hamburg.  Für viele Hamburger Familien ist er ein Stück Tradition. Über Generationen wurde die Vorliebe für den braunen Keks mit dem Duft nach Zimt und Nelken weitergereicht. Nun kehren die Kemm’schen Kuchen nach Hamburg zurück. Nach einem Eigentümerwechsel befindet sich der Sitz der Firma seit wenigen Wochen nicht mehr in Krefeld (Nordrhein-Westfalen), sondern in der Hansestadt, an der Deichstraße. „Wir wollen Kemm zu neuer Größe entwickeln“, sagt der neue Besitzer Georg Parlasca.

Er kennt die Marke schon seit Jahrzehnten. Der 48-Jährige führt in vierter Generation eine eigene Keksfabrik in Burgdorf bei Hannover, verkauft 2500 Tonnen Gebäck pro Jahr und erlöst damit einen Umsatz im zweistelligen Millionenbereich. Noch im alten Jahrhundert kooperierte seine Firma mit dem Hamburger Unternehmen Flentje, das damals die Kemm’schen Kuchen herstellte. Die Geschichte des Gebäcks reicht noch weiter zurück. 1782 brachte der Altonaer Bäcker Kemm die Kekse erstmals auf den Markt. Nach Eigentümerwechseln entstand Anfang des 20. Jahrhunderts auf der grünen Wiese in Lokstedt eine Kuchenfabrik, in der Flentje bis 1994 produzierte. Dann wurde der Betrieb aufgelöst. Flentje habe im Konzert der Großen nicht mitspielen können, sagt Parlasca: „Damals habe ich schon gedacht, dass die Kemm’schen Kuchen etwas für uns wären.“

Tatsächlich verkauft wurden sie aber nach Krefeld. Der Keksfabrikant Gruyters übernahm die starke Regionalmarke, von der in Spitzenjahren in Schleswig-Holstein und in Hamburg mehr als zwei Millionen 200-Gramm-Beutel abgesetzt wurden. Von solchen Glanzzeiten sind die braunen Kekse aber recht weit entfernt. Zuletzt gingen noch rund 700.000 Stück über die Ladentheke. Vor zwei Jahren sorgten die Kemm’schen Kuchen für Negativschlagzeilen. Ihre Plätze in den Regalen der Geschäfte blieben leer. Inhaber Helwig Gruyters konnte aufgrund von Lieferproblemen bei einem Auftragsproduzenten die Kultkekse nicht mehr liefern. Parlasca sprang ein.

„Wir sind an unsere absolute Belastungsgrenze gegangen“, erinnert sich der studierte Wirtschaftswissenschaftler. Im Dreischichtbetrieb an sieben Tagen in der Woche holten seine 68 Mitarbeiter den monatelangen Produktionsrückstand auf. „Wir haben ein halbes Jahr lang gelernt.“ Die Kemm’schen Kuchen seien schwierig herzustellen. Mit einer Industrieproduktion habe das nichts zu tun. Der braune Kuchensirup sei sehr klebrig. Beim Backen müssten die Mitarbeiter aufpassen, dass es keine Blasen gibt. Sind die Kuchen fertig, drohen sie am Backblech festzukleben. Und letztlich werden die Kemm’schen Kuchen alle per Hand abgepackt, sagt Parlasca: „So ein Hamburger Gebäck zu machen fand ich toll.“ Schließlich hat der Geschäftsmann aus Hannover auch eine innige Beziehung zu der Elbmetropole.

Um die Jahrtausendwende hat er zweieinhalb Jahre hier gelebt, bei Unilever eine Ausbildung als Industriekaufmann gemacht und über seinen Ausbilder seine Frau kennengelernt: Sie ist dessen Tochter. „Ich bin heute noch jedes zweite Wochenende in Hamburg“, sagt Parlasca. Als er im August gefragt wurde, ob er die Kemm’schen Kuchen kaufen wolle, überlegte er nicht lange: „Da habe ich sofort Ja gesagt.“ Wie viel er für die Marke zahlte, will Parlasca nicht sagen.

Weil Marketing und Vertrieb nicht sein Kerngebiet sind, nahm der Keksfabrikant Jens Wohlrab mit ins Boot. Der 45-Jährige organisierte die Distribution seit Jahresanfang 2015 für den alten Eigentümer – und teilte mit Parlasca die Vorliebe für Kemm’sche Kuchen und Hamburg. Von 1990 bis 2001 lebte der heutige Mönchengladbacher an Alster und Elbe, arbeitete bei Weinhändlern und Feinkosthändlern und lernte ebenfalls seine Frau hier kennen. „Die Marke muss mehr in das tägliche Leben der Hamburger rücken“, sagt der gelernte Kaufmann Wohlrab. Wenn es nach den Vorstellungen des Duos geht, passiert das schon beim Besuch im Café. Zum Kaffee soll es einen einzeln eingepackten Kemm’schen Kuchen geben. Anfang des Jahres soll der Single-Keks auf den Markt kommen. Die Traditionsdosen bekommen ein neues Design mit Hamburg-Motiven wie Michel, Köhlbrandbrücke und Riesenrad.

Souvenirartikel wie T-Shirts, Kappen und Taschen sind geplant

Mittelfristig soll der Absatz um etwa 50 Prozent steigen. „In drei Jahren wollen wir wieder die Millionengrenze bei den verkauften Beuteln erreichen“, sagt Wohlrab, der derzeit die Kemm’schen Kuchen als Pilotprojekt in Wuppertal vertreibt und die Verkaufsregion auch gern in Richtung Bremen, Oldenburg und Ostfriesland ausbauen möchte. Auch Souvenirartikel wie T-Shirts, Kappen, Taschen lässt er entwerfen. Und schließlich soll die Gebäckfamilie Zuwachs bekommen. Ein Butterkeks ist geplant. „Der muss hochwertig sein und auf der Zunge richtig schön schmieren“, sagt Wohlrab. Mitte 2016 soll er erhältlich sein.

Mit Fingerspitzengefühl sollen weitere Produktentwicklungen erfolgen. „Der Kern von Kemm muss so bleiben, wie er ist“, sagt Parlasca, dessen neu gegründete Firma Kemm 1782 Hamburg GmbH im Kolonialwaren­laden an der Deichstraße übrigens nur ein kleines Büro unterhält. Wohlrab agiert hauptsächlich vom Firmensitz seiner Firma Foodeko in Viersen aus und ist viel bei Händlern vor Ort. Parlas­ca arbeitet in Burgdorf, wo die Kuchen weiterhin gebacken werden. „Wir zahlen aber unsere Steuern hier in Hamburg. Das gehört sich für die Kemm’schen Kuchen einfach“, so Parlasca. Er freut sich übrigens seit Anfang Oktober beim Besuch der Schwiegereltern in Marienthal über eine neue Anrede: „Mein Schwiegervater sagt zu mir: ,Guten Morgen, Herr Kemm!‘“