Elmshorn

Christian von Boetticher leitet künftig Kölln Flocken

Der alte und der neue Chef: Hans Heinrich Driftmann (l.) und Christian von Boetticher beim gemeinsamen Foto vor einem Gemälde, das die Kölln-Werke
zeigt

Der alte und der neue Chef: Hans Heinrich Driftmann (l.) und Christian von Boetticher beim gemeinsamen Foto vor einem Gemälde, das die Kölln-Werke zeigt

Foto: Peter Kölln

Früherer CDU-Landeschef aus Schleswig-Holstein wird Geschäftsführer bei dem Elmshorner Unternehmen.

Hamburg.  Beim bundesweit bekannten Haferflockenhersteller Kölln geht eine Ära zu Ende. Hans Heinrich Driftmann verabschiedet sich als geschäftsführender Gesellschafter des Elmshorner Unternehmens in den Ruhestand – nach knapp 30 Jahren an der Spitze der Firma. Der erfolgreiche Unternehmer, der zugleich als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) die Politik bis hinauf zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Wirtschaftsfragen beriet, hat sich für eine externe und zugleich überraschende Lösung im Management entschieden. Er beruft einen nicht minder bekannten Nachfolger an die Spitze des Unternehmens: Als neuer Geschäftsführer tritt Christian von Boetticher in der Firma mit dem weiß-blauen Logo an.

„Es entspricht meinem Führungsprinzip, auch als Verbandspräsident habe ich das so praktiziert, dass ich mich rechtzeitig nach einem besonders geeigneten Nachfolger umsehe“, sagte Driftmann dem Abendblatt. „Ich kenne Herrn von Boetticher seit Jahrzehnten und habe seinen Weg immer verfolgt. Als Wirtschaftsanwalt und ehemaliger Ernährungsminister ist er die optimale Besetzung.“ Derzeit arbeitet der CDU-Mann als Anwalt in einer Hamburger Kanzlei. Seine Politikerkarriere, zuletzt als Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2012, hatte von Boetticher nach Kritik aus der eigenen Partei beendet, als seine frühere Beziehung zu einer 16-Jährigen bekannt wurde.

Der neue Geschäftsführer, der sein Amt offiziell schon am 16. September übernommen hat, gehörte zwischen 2005 und 2009 als Landwirtschafts­minister der Regierung in Kiel an und saß zuvor im Europäischen Parlament. „Schon früh, als Anwalt in Pinneberg, hatte ich mich auf Lebensmittelrecht spezialisiert, habe mich als Landwirtschaftsminister viel mit Nahrungsmitteln beschäftigt und konnte in meiner Brüsseler Zeit Kontakte in ausländische Absatzmärkte knüpfen“, sagt von Boetticher zu seinen Qualifikationen. „Außerdem bin ich mit Müsli aufgewachsen“, ergänzt er schmunzelnd.

Der promovierte Jurist wird für das Elmshorner Unternehmen auch einen Generationswechsel mit sich bringen. Hans Heinrich Driftmann verabschiedet sich im Alter von 67 Jahren, von Boetticher schert mit 44 ein, in einen Kreis der Geschäftsleitung, in dem ansonsten Kölln-Urgesteine mit jahrzehntelanger Firmenzugehörigkeit arbeiten. Diese hatten die Geschicke in dem Unternehmen mitbestimmt, als Driftmann sich primär der Tätigkeit beim DIHK gewidmet hatte, wo er von 2009 bis 2013 Präsident war. Der eloquente Manager, ein Gentleman alter Schule, reiste mit Wirtschaftsdelegationen durch die Welt, ging bei der Bundeskanzlerin und Ministern ein und aus, vertrat die Wirtschaft in Nachrichtensendungen wie der „Tagesschau“.

Driftmann, der eigentlich Pastor werden wollte, arbeitete als studierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler und promovierter Psychologe, aber auch als Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr. Eine Lehrtätigkeit hatte Driftmann zudem als Wirtschaftspsychologe an der Uni Kiel. Zugleich lag dem gebürtigen Bückeburger die Zukunft des Nordens am Herzen: Driftmann gründete die Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein (UV Nord). Als ihr Präsident (bis 2009) plädierte er für den Zusammenschluss der Länder Schleswig-Holstein und Hamburg, den sogenannten Nordstaat.

So intensiv und leidenschaftlich sich Driftmann zwischenzeitlich übergeordneten Aufgaben widmete, der neue Mann an der Spitze bei Peter Kölln wird die Ernte einer guten Führung einfahren. Um nicht nur vom Haferpreis abhängig zu sein, ergänzte man bei Kölln das Sortiment und kaufte Öle wie Livio und Mazola. Derzeit sind aber vor allem die Haferprodukte und die immer größere Auswahl an Müslis, die das Unternehmen in seinen Backsteingebäuden im Zentrum Elmshorns fertigt, so beliebt, dass der Anbieter die Nachfrage kaum erfüllen kann.

Der Bewusstseinswandel beflügelt den Markt, ein Haferfrühstück statt Salamibrot am Morgen ist für viele Familien heute eine Selbstverständlichkeit. Für solche Flockenfans bietet Kölln seit 2014 auch einen „Haferland“-Flagshipstore in Hamburg an.

Hans Heinrich Driftmanns Tochter hat auch großes Interesse an der Firma

Die Produktion sei jedenfalls an der Grenze der Kapazität angelangt, sagt von Boetticher, der die Marke auch auf neue Auslandsmärkte bringen will. Es stehe eine Erweiterung des Werks an, auf dem bestehenden Firmengelände am Fluss Krückau. Hier begann das Unternehmen schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die Grönlandfahrer mit Proviant zu versorgen. „Es macht Freude, die Leitung in einer Zeit zu übergeben, in der wir im Aufschwung sind“, sagt Driftmann über seinen Abschied aus dem Betrieb mit insgesamt rund 300 Mitarbeitern.

Noch immer erinnert die Villa der Gründerfamilie inmitten der Werkhallen an die Anfänge des Unternehmens, das seit sechs Generationen im Familienbesitz ist. Und noch immer geht Ernsthermann Kölln, 92-jähriger Ururenkel des Gründers Peter Kölln, regelmäßig von dort in sein Büro im Verwaltungsgebäude. Driftmann gehört durch die Ehe mit der Unternehmenserbin Gesche Kölln zur Familie, der Wirtschaftsprofessor soll den Patriarchen nun zu dessen 70. Firmenjubiläum im Oktober an der Spitze des Aufsichtsrats ablösen. Ernsthermann Kölln wird dann Ehrenvorsitzender des Gremiums. Komplett wird sich Driftmann, der in etlichen Ehrenämtern und karitativ tätig ist, also noch nicht aus der Elmshorner Firma zurückziehen.

Zugleich will die Familie die lange Tradition in der operativen Geschäftsführung in einigen Jahren fortsetzen. „Meine Tochter ist vielleicht in fünf Jahren so weit, hier aktiv in das Geschehen einzugreifen“, sagt Driftmann über die angehende Juristin, die in Hamburg studiert. Friederike, eine der vier Töchter, die ansonsten andere Wege einschlagen, plant außer dem Jurastudium noch eine Promotion oder ein MBA-Studium.

„Sie ist bereits Aktionärin bei uns, informiert sich alle paar Tage im Büro und hat großes Interesse an der Firma“, sagt der stolze Vater. Für Christian von Boetticher ist die Aufgabe bei Kölln also nur ein Intermezzo. „Ich springe auf den fahrenden Zug auf“, sagt er, für die Zeit nach Elmshorn hat der nach wie vor in Pinneberg lebende Manager allerdings noch keine Pläne. „Ich bin in meinem Leben immer überrascht worden, in meiner politischen Karriere, und an deren Ende, es lohnt sich für mich offenbar nicht zu planen.“