Reederei

Vorwurf: 1,28 Dollar Stundenlohn auf Aida-Kreuzfahrtschiffen

Die Aida Prima, die 2016 gebaut werden soll

Die Aida Prima, die 2016 gebaut werden soll

Foto: Aida Cruises / dpa-tmn

Experte legt Tarifliste vor. Reederei: Wir zahlen nicht schlecht. Das deutsche Mindestlohngesetz gelte nicht.

Hamburg. Früher hat Wolfgang Gregor selbst für die Kreuzfahrtindus­trie gearbeitet. Als führender Manager bei Osram hat der Ex-Kapitän und Wirtschaftsingenieur für Seeverkehr mit energiesparenden Beleuchtungskonzepten den Luxuslinern Millionen eingespart. Heute ist er ein scharfer Kritiker der Branche, der ihre Missstände anprangert. Am Donnerstag sprach Gregor auf Einladung der Linken-Fraktion im Hamburger Rathaus über die „Schattenseiten der Kreuzfahrtindustrie“ und machte seinen Standpunkt klar: „Ich bin kein Gegner von Kreuzfahrten. Aber die Branche ist nicht nachhaltig.“ Sicherheit und Arbeitsbedingungen an Bord würden dem Profit untergeordnet, die Unternehmen seien „Subventionsweltmeister“, die kaum Steuern zahlten und ihre Kunden mehr oder weniger abzockten.

Bei den Beschäftigten an Bord herrsche eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zwischen den besser verdienenden Kräften im Service und Schiffsbetrieb sowie den einfachen Arbeitern unter Deck. Zur Untermauerung präsentierte Gregor eine Tarifliste, die derzeit bei Aida gelten soll. Demnach würden einfache Kabinenstewards vereinzelt nur 1,28 Dollar pro Stunde erhalten, das sind umgerechnet rund 1,14 Euro. Im Monat kämen so rund 466 Dollar heraus. Mit Urlaubsgeld und Zulagen hätte der Kabinensteward dann 660 Dollar im Monat zur Verfügung.

Das deutsche Mindestlohngesetz gelte deshalb nicht, weil die Reederei zur italienischen Costa-Gruppe gehört und mit italienischen Gewerkschaften einen autonomen Tarifvertrag abgeschlossen habe. Demgegenüber stünden riesige Gewinne, welche die Unternehmen kaum versteuern würden. So habe der Aida-Mutterkonzern Carnival im vergangenen Jahr 16 Milliarden Dollar Umsatz gemacht, und einen Bruttogewinn von 1,24 Milliarden Dollar erzielt, aber lediglich neun Millionen Dollar Steuern bezahlt, das sei ein Anteil von 0,7 Prozent, sagte Gregor. Aida zahle in Italien eine 5,5 prozentige Tonnagesteuer, in Deutschland nichts. „Die tun immer nur so, als seien sie ein deutsches Unternehmen.“

Zudem würde Deutschland freiwillig auf viele zusätzliche Einnahmen verzichten. In den USA sei es selbstverständlich, dass Kreuzfahrtpassagiere auf ihre Getränke Mehrwertsteuer entrichten, solange sich das Schiff in hoheitlichen Gewässern befindet. Deutschland erhebe die Mehrwertsteuer nicht. „Ich habe anhand des Passagieraufkommens einmal hochgerechnet, dass auf den Kreuzfahrtschiffen in deutschen Gewässern jährlich ein Getränkeumsatz von 50 Millionen Euro entsteht. Bei 19 Prozent Mehrwertsteuer geht da viel Geld verloren.“

Aida äußerte sich auf Abendblatt-Nachfrage nicht konkret zu der von Gregor präsentierten Tarifliste. Die eigenen Mitarbeiter würden aber nicht schlecht bezahlt, sagte Unternehmenssprecher Hansjörg Kunze lediglich. Das deutsche Mindestlohngesetz habe zudem mit internationalen Seeverträgen nichts zu tun. Es gebe auch nicht nur einen Tarifvertrag, sondern eine Reihe von Vereinbarungen mit der Internationalen Transportarbeiter Föderation (ITF) und vielen lokalen Gewerkschaften. „Da die Mitarbeiter tatsächlich mitunter sechs bis sieben Tage am Stück arbeiten, wird die Einhaltung der Ruhezeiten penibel kontrolliert“, sagte Kunze. „Das ist dokumentiert und wird international überprüft“, fügte er hinzu. Aida gelte zudem international als ein beliebter Arbeitgeber.