Finkenwerder

Hamburg bekommt ein Testlabor für die Luftfahrt

ZAL-Geschäftsführer Roland Gerhards auf der Baustelle des TechCenters auf Finkenwerder

ZAL-Geschäftsführer Roland Gerhards auf der Baustelle des TechCenters auf Finkenwerder

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Das TechCenter des Zentrums für angewandte Luftfahrtforschung kostet 82,4 Millionen Euro. Es gibt auch Spezialräume für Akustiker.

Hamburg.  Ein Wahrzeichen der Stadt wie die Elbphilharmonie soll das neue „TechCenter“ des Zentrums für angewandte Luftfahrtforschung (ZAL) auf Finkenwerder nicht werden. Und doch entsteht hier am Hein-Saß-Weg kein nüchterner Zweckbau. Die U-förmig angeordnete Anlage mit 26.000 Quadratmetern Nutzfläche, verteilt auf bis zu 22 Meter hohe Hallen, Labore und Büros, erhält eine zum Steendiekkanal hin markant angeschrägte, mit Aluminium verkleidete Fassade. „Weil das Gebäude von der Elbe aus zum Beispiel für Passagiere von Kreuzfahrtschiffen sichtbar ist, hatten wir einige Diskussionen mit dem Hamburger Oberbaudirektor“, sagt ZAL-Geschäftsführer Roland Gerhards.

Obwohl es ähnlich wie bei der Elbphilharmonie in den zurückliegenden Jahren auch Streit mit dem ursprünglich vorgesehenen Bauherrn und politischen Wirbel gab, wird das TechCenter nach derzeitigem Planungsstand – anders als das Konzertgebäude in der HafenCity – ohne weitere Verzögerung und ohne Kostenüberschreitung fertiggestellt. Zum Jahreswechsel 2015/2016 soll der Forschungsbetrieb losgehen.

Zentrum wichtig für die Steigerung der A320-Produktion

Beim künftigen Hauptmieter Airbus sorgt die Zuversicht des ZAL-Chefs im Hinblick auf den Starttermin für Erleichterung. „Bei Airbus gibt es großen Bedarf an den Möglichkeiten, die das neue Zentrum bietet“, sagt Gerhards. So spiele es eine wichtige Rolle für die Anhebung der monatlichen Produktionsrate bei den Jets der A320-Familie von 42 auf 50 Maschinen pro Monat im Jahr 2017: „Airbus will im TechCenter unter anderem neue Nietverfahren mit Robotern entwickeln und erproben.“ Derartige Neuerungen könne man nur schwer in der laufenden Fertigung ausprobieren. Nicht zuletzt die Anforderung, Teile der Produktion zu simulieren, sorgt für beeindruckende Hallenmaße: „Ein Flugzeugrumpfabschnitt muss mit Deckenkranen über einen anderen herübergehoben werden können“, sagt Gerhards.

Mit Blick auf die Entwicklung neuer Technologien für die Flugzeugkabine wird eine originalgroße Rumpfattrappe zur Verfügung stehen, und im gegenüberliegenden Hallenflügel wird eines der größten Akustik-Testlabore der Luftfahrtbranche eingerichtet. „Hier steht künftig ein komplettes Flugzeugheck“, so Gerhards. Eine extrem wirkungsvolle Dämmung dieses Raums ist unerlässlich, denn Lautsprecher erzeugen darin einen Schalldruck von bis zu 140 Dezibel – bei 120 Dezibel liegt die Schmerzgrenze. „Dieses Labor ermöglicht Tests, die bisher nur im Flug ausgeführt werden können.“

Forscher der Hamburger Universitäten bekommen kostenlose Flächen

Getreu dem Geist und der Eigentümerstruktur des ZAL wird eine Vielzahl von Unternehmen und Institutionen das neue Forschungszentrum nutzen. So will Lufthansa Technik Reparaturmethoden für Kohlefaserverbundwerkstoffe entwickeln. Mehrere Projektpartner werden, gefördert von der Stadt Hamburg, an der Brennstoffzellentechnologie arbeiten. 20 bis 25 Mieter werde das TechCenter haben, sagt der ZAL-Chef, darunter Luftfahrtzulieferer wie Diehl und Zodiac, aber auch Forschergruppen von vier Hamburger Hochschulen. „Für die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, die Technische Universität Hamburg-Harburg, die Helmut-Schmidt-Universität und die Universität Hamburg stellt das ZAL insgesamt 500 Quadratmeter für zehn Jahre kostenlos zur Verfügung“, sagt Gerhards. „Damit werden die vier Hochschulen erstmals gemeinsam an einem Standort tätig.“ Geplant sei unter anderem, Synergien zwischen der Luftfahrt, der Windkraftbranche und dem Schiffbau auszuloten.

Aktuell sind 85 bis 90 Prozent der Flächen vermietet. Zu Beginn werden etwa 300 Personen am Hein-Saß-Weg arbeiten, später werden es rund 600 sein, etwa die Hälfte von ihnen Airbus-Beschäftigte. Ein Sicherheitsproblem soll es nicht geben: Abteilungen, die sich mit besonders sensiblem Know-How oder mit vertraulichen kundenspezifischen Planungen befassen, werden auf dem Firmengelände bleiben.

Konstruktionszeichnungen mit 3-D-Brille

Insgesamt setzen die künftigen Nutzer große Erwartungen in das TechCenter. „Man hofft, schneller und effizienter zu neuen Lösungen zu kommen“, so Gerhards. Dafür werden moderne Werkzeuge bereitgestellt wie ein „Virtual Reality“-Raum, in dem man auf einem sechs mal drei Meter großen Bildschirm mittels 3-D-Brille und Datenhandschuhen Konstruktionszeichnungen gewissermaßen zum Leben erwecken kann. Daneben wird es Kreativräume geben, von denen einer die Illusion vermittelt, in einem Birkenwald zu stehen, während ein anderer mit Kickertischen ausgestattet ist.

Das ZAL selbst wird mit gut 20 Beschäftigten vom derzeitigen Sitz am Flughafen in das TechCenter umziehen. Angesichts des zunehmenden Aufgabenumfangs sei es das Ziel, die Belegschaft in den nächsten Jahren auf 40 bis 50 Personen auszubauen, sagt Gerhards. Die Wirren des vergangenen Jahres, als die Stadt die Realisierung des Neubaus nach diversen Differenzen mit dem ursprünglich dafür ausgewählten privaten Investor schließlich selbst übernahm, hätten schon seit Monaten keine Nachwirkungen mehr.

Mit dem Generalunternehmer wurden Zuständigkeiten klar geregelt

Der vor rund einem Jahr genannte Eröffnungstermin werde ebenso eingehalten wie die Investitionssumme von 82,4 Millionen Euro: „Wir haben aus den Problemen der Elbphilharmonie gelernt.“ Mit dem Generalunternehmer, dem Baukonzern Ed. Züblin, seien frühzeitig klare Verantwortlichkeiten abgesprochen worden. Das TechCenter werde ein Aushängeschild Hamburgs werden, sagt Gerhards. „Es wird hier regelmäßig Besucherführungen geben. Und auch der Senatsempfang anlässlich der nächsten Kabinenmesse Aircraft Interiors Expo im April 2016 könnte in diesen Räumen stattfinden.“