Halle

Tarifvertrag plus Betriebsrat wird zur Ausnahme

Halle.  Sowohl einen Tarifvertrag als auch einen Betriebsrat für die Beschäftigten gibt es nach Angaben von Experten in ostdeutschen Unternehmen immer seltener. Der Anteil der Mitarbeiter, die mit einem Tarifvertrag beschäftigt und zugleich durch einen Betriebsrat vertreten sind, sei im Osten deutlich niedriger als im Westen, sagte der Wirtschaftsforscher Steffen Müller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) der Deutschen Presse-Agentur. Und zwischen 1998 und 2013 sei dieser Anteil im Osten um etwa ein Viertel gesunken. Die fünf neuen Bundesländer lägen auf diesem Feld etwa zehn Prozentpunkte hinter dem Westen.

„Aktuell sieht es so aus, als ob das deutsche System – also Tarifbindung plus Betriebsrat – vielen Unternehmen nicht mehr zeitgemäß erscheint“, sagte Müller. Vor allem in den 1990er-Jahren habe es im Osten eine Welle von Austritten aus Tarifverträgen gegeben. „Das ist das Spiegelbild des Strukturwandels, der sich hier vollzogen hat“, sagte der Wissenschaftler. Mittlerweile seien im Osten nur noch rund 25 Prozent der Beschäftigten in privatwirtschaftlichen Betrieben mit mindestens fünf Mitarbeitern mit Tarifbindung und Betriebsrat beschäftigt.

„Es gibt keine Anzeichen, dass die rückläufige Tendenz aufhört. Die spannende Frage ist, ob der Osten die Entwicklung im Westen vorwegnimmt“, sagte Müller. Einer der Gründe für den Rückgang könne sein, dass Berufsgruppen, die traditionell stark gewerkschaftlich vertreten sind, durch technologische Umwälzungen und zunehmende internationale Konkurrenz unter Druck geraten seien. Alles deute darauf hin, dass sich speziell Ostdeutschland auf halbem Weg zwischen traditionellem System und flexibleren Organisationsformen befinde.