Genf

60 Prozent aller Beschäftigten ohne Arbeitsvertrag

Organisation ILO legt neue Statistiken weltweit vor.Auch Kritik an Deutschland

Genf. Trotz wirtschaftlichen Wachstums nimmt die Zahl sozial ungesicherter Beschäftigungsverhältnisse nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) weltweit weiter zu. Drei Viertel aller Arbeitnehmer haben demnach keine ausreichend sozial abgesicherte Vollzeitstelle mit festem Vertrag und sicherem Gehalt. Dazu zählten in Deutschland und anderen Ländern auch Minijobs sowie weitere Formen geringfügiger Beschäftigung. Folgen des Trends zu instabilen oder prekären Beschäftigungsverhältnissen seien sinkende Einkommen und wachsende Armut, warnte die ILO in ihrem Weltarbeitsmarktbericht.

Den Angaben zufolge haben rund 75 Prozent aller Erwerbstätigen nur zeitlich befristete oder informelle Jobs oder leisten unbezahlte Arbeit in kleinen Familienunternehmen. Mehr als 60 Prozent aller Arbeitnehmer hätten keinen Beschäftigungsvertrag, beklagt die UN-Sonderorganisation für soziale Gerechtigkeit und Arbeitsrecht. Ohne staatliche Gegensteuerung werde sich ein „Teufelskreis aus schwacher globaler Nachfrage und langsamem Jobaufbau der Nach-Krisen-Zeit verstetigen“, warnten ILO-Experten. Sie forderten die Politik auf, gegen zunehmende Einkommensunsicherheit vorzugehen.

In Deutschland waren laut ILO-Bericht im Jahr 2014 rund 7,5 Millionen Menschen in Minijobs tätig. Fast jeder fünfte Erwerbstätige habe in der Bundesrepublik 2014 nur einen 450-Euro-Job gehabt und sei lediglich teilweise sozialversichert gewesen. Seit der Einführung des Mindestlohns zum Jahresbeginn sind in Deutschland mindestens 237.000 gewerbliche Minijobs verschwunden. Das geht aus dem Quartalsbericht der Minijobzentrale in Bochum hervor. Besonders betroffen seien die ostdeutschen Bundesländer.

In vielen Staaten würden Menschen von Arbeitgebern in eine Pseudo-Selbstständigkeit gedrängt, oder sie seien in unbezahlter Familienarbeit beschäftigt, heißt es in dem ILO-Bericht. Insgesamt sei diese Tendenz steigend. Besonders betroffen sind der Analyse zufolge die Entwicklungsländer: In Südasien und in Afrika südlich der Sahara seien lediglich zwei von zehn Arbeitnehmern regulär angestellt. Insgesamt nahm laut ILO die Zahl der Arbeitslosen seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise 2008 bis heute um rund 30 Millionen auf insgesamt 201 Millionen zu.