Süßwaren

Marzipanhersteller Niederegger drohen erstmals Verluste

Die kleinen, leckeren Matrosen aus Marzipan werden bei Niederegger in Lübeck noch mit der Hand bemalt

Die kleinen, leckeren Matrosen aus Marzipan werden bei Niederegger in Lübeck noch mit der Hand bemalt

Foto: A.Laible

Das Lübecker Unternehmen leidet unter hohen Rohstoffpreisen. Töchter sollen Traditionsbetrieb in achter Generation führen.

Hamburg.  Eigentlich ist Holger Strait ein durch und durch hanseatischer Kaufmann. Immer in feinem Tuch gekleidet, verlässlich, höflich und verschwiegen. Über detaillierte Umsätze und Gewinne spricht er grundsätzlich nicht. Und muss er auch nicht. Haftet der 65-Jährige doch mit seinem persönlichen Vermögen für all sein unternehmerisches Handeln. Doch in diesen Tagen platzt sein Entsetzen über die für sein Metier so wichtige Entwicklung der Waren- und Währungsmärkte offenherzig aus ihm heraus: „Uns geht es schlecht. Ich hatte mit sinkenden Preisen am Rohstoffmarkt gerechnet, doch sie sind weiter explodiert. Das habe ich falsch eingeschätzt“, sagt Holger Strait, der mit seiner Ehefrau Angelika Strait-Binder den Marzipanhersteller Niederegger in Lübeck leitet. „Wir hätten die Preise für unsere Produkte 2015 eigentlich um mindestens zehn Prozent erhöhen müssen, doch das haben wir unterlassen. Deshalb schreiben wir in diesem Jahr wohl erstmals rote Zahlen.“

nullDie Entwicklung liegt dem erfahrenen Geschäftsmann auch deshalb schwerer im Magen, da dieses Jahr ein besonderes für ihn werden soll. Strait führt das Familienunternehmen, das er 1986 von seinem Onkel übernommen hat, seit fast 30 Jahren in siebter Generation – und steht nun vor einer entscheidenden Staffelübergabe: „Wir wollen in diesem Jahr unseren beiden Töchtern Antonie und Theresa das Unternehmen übergeben. Das macht man natürlich lieber mit guten Zahlen statt mit Problemen.“ Die Schwestern haben seit Kurzem die Prokura für das Traditionsunternehmen – und zugleich beste Voraussetzungen, in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Alles passe, ist der stolze Vater überzeugt: „Sie haben beide Betriebswirtschaftslehre studiert, Erfahrungen in der Branche gesammelt und verstehen sich zudem sehr gut.“ Seine Tochter Antonie Strait, 37, soll künftig die Bereiche Produktion und kaufmännische Leitung übernehmen, Theresa Mehrens-Strait, 35, das Marketing und den Vertrieb. Da beide Frauen Mütter kleiner Kinder sind, will Holger Strait seinen Nachfolgerinnen „in diesem und nächsten Jahr“ noch zur Seite stehen und so für einen gleitenden Geschäftsübergang sorgen.

Ein Zeitraum, in dem sich die aktuellen Turbulenzen an den Märkten vielleicht sogar wieder auflösen werden, die dem Familienoberhaupt derzeit das Geschäft so schwer machen. „Wir leiden vor allem unter den drastischen Preisanstiegen an den Rohstoffmärkten. Zugleich verteuert der schwache Euro die Importe, verschlechtert die Kostensituation und schadet zunehmend unserem Geschäft.“ Beide Entwicklungen seien der Globalisierung und der europäischen Finanzkrise geschuldet. „Sie unterliegen damit leider nicht unserem Einflussbereich, beeinflussen aber unsere Geschäfte erheblich“, erläutert Strait. So hätten sich die Einkaufspreise für Mandeln, dem wichtigsten Grundstoff für Marzipan, in den vergangenen zwölf Monate um 50 Prozent auf rund 8,50 Euro verteuert. Auslöser dafür war eine schlechte Ernte wegen Trockenheit in Kalifornien, dem weltgrößten Lieferanten. Der Preis für Haselnüsse, die für die Nougatherstellung bedeutend sind, verdreifachte sich sogar wegen extremen Frühjahrsfrostes in der Türkei im vergangenen Jahr auf 14,50 Euro das Kilo. Und Kakaobohnen als Basis für Schokolade notieren seit Längerem auf einem Rekordniveau.

„Diese Steigerungen lassen sich nicht mehr durch Rationalisierungen auffangen, sondern nur durch Preiserhöhungen“, sagt Strait. Doch genau diese hat der Kaufmann in diesem Jahr eben „in Hoffnung auf eine Normalisierung an den Märkten“ nicht vorgenommen, nachdem Strait im Vorjahr seine Produkte im Schnitt noch um sieben Prozent verteuerte. Aber auch, weil Erhöhungen selbst im gehobenen Süßigkeitensegment Grenzen gesetzt sind. „Wir befinden uns mit Marzipan in einem stagnierenden Markt.“ Wachstum erfolge vornehmlich durch Verdrängung. So habe Niederegger zuletzt jährlich um drei bis fünf Prozent zugelegt, insbesondere durch neue Kreationen wie mit Pralinen oder Tee- und Kaffeesorten mit Marzipan.

Bei den Inhaltsstoffen möchte Strait jedenfalls nicht sparen. „Die Qualität unserer Produkte steht im Vordergrund. Sie ist Grundlage unseres Erfolgs.“ So wäre es für den Niederegger-Chef ein Ding der Unmöglichkeit, beispielsweise einfach den Zuckergehalt aus Kostengründen zulasten der edlen Mandelanteile zu erhöhen. So ist der Zuckerpreis der einzige Rohstoff, der durch die jüngste Zerschlagung eines deutschen Kartells illegaler Preisabsprachen billiger wurde. „Wir wollen ja keine Zuckerware verkaufen, sondern hochwertiges Marzipan.“

Marzipan aus dem Hause Nieder­egger entspreche dem traditionellen Reinheitsgebot für Lübecker Marzipan, betont Strait: „Die Rohmasse besteht zu zwei Dritteln aus Mandeln und einem Drittel aus Zucker. Diese produzieren wir selbst, hier kennen wir keine Kompromisse.“ Weiterer Zucker wird nicht untergemischt.

Dass sein Anspruch keine leeren Versprechungen sind, zeigt ein Blick in die Produktion im Gewerbegebiet Genin. Das Lübecker Werk ähnelt einer großen Backstube. Ein süßer Duft von Schokolade durchzieht die hellen Räume. In großen runden Kesseln werden die frischen Mandeln mit dem Zucker vermengt. Mitarbeiter in weißen Kitteln überwachen ständig den Schmelzprozess. Eine Kombination aus Maschinen- und Handarbeit. Das „süße Geheimnis“, eine dem Rosenwasser vergleichbare Zutat nach dem Originalrezept des Gründers Johann Georg Niederegger aus dem Jahr 1806, gibt dem Marzipan schließlich seine typische Geschmacksnote. Eine Rezeptur, die als Familiengeheimnis gehütet und von Generation zu Generation vererbt wird. „Zurzeit kennen nur drei Personen in der Produktion die Zusammensetzung. Und ich“, verrät Strait. Selbst seine Töchter hat er noch nicht eingeweiht, „was ich tatsächlich bald nachholen sollte“, murmelt er ergänzend.

Täglich werden in dem Lübecker Werk bis zu 30 Tonnen Leckereien produziert. Gut 300 verschiedene Sorten – von klassischen Marzipanbroten mit und ohne Schokoladenüberzug, Herzen, Kartoffeln, Pasteten bis hin zu Torten. Figuren – wie Matrosen, Schildkröten oder Stadtwappen – entstehen noch in reiner Handarbeit. Sie werden in Formen gepresst und danach von Mitarbeiterinnen mit feinem Pinselstrich „geschminkt“. Insgesamt beschäftigt Niederegger rund 500 Mitarbeiter und 40 Auszubildende. In der Hochsaison zwischen August und Februar kommen zusätzliche 200 Arbeitskräfte hinzu.

Obwohl Marzipan eigentlich zu jeder Jahreszeit produziert und gegessen werden könnte, kommt es bei vielen Verbrauchern nur zu bestimmten Anlässen auf den Tisch. „60 Prozent unserer Produkte werden zur Weihnachtszeit, 30 Prozent zu Ostern und der Rest im Sommer verkauft“, sagt Strait. Hier gebe es noch viele Chancen, ganzjährig stärker zu wachsen. Niederegger setzt derzeit rund 80 Prozent seiner Waren in Deutschland ab. Der Rest geht in 40 Länder weltweit. Expansionsmöglichkeiten sieht der Firmenchef insbesondere in Skandinavien, aber auch in Übersee wie Australien und den USA.

Den Kopf steckt Strait wegen der aktuellen Turbulenzen jedenfalls nicht in den Sand. Im Gegenteil. Der Blick geht nach vorne. „Wir überlegen, unser Werk durch einen Anbau zu erweitern oder sogar ein Neues zu bauen“, sagt Strait. Investitionssummen werden natürlich nicht verraten. Er ist eben ein durch und durch hanseatischer Kaufmann.