Kattendorfer Hof

Die Kuh als Anlageobjekt - Rendite: Käse

Inhaber von Mirbach vertreibt Kuhaktien. Der Hof unterhält auch einen eigenen Laden an der Max-Brauer-Allee.

Kattendorf.  60 Kühe stampfen auf dem mit Stroh ausgelegten Boden, ihr Atem steht als weißer Dampf in der Luft. Abseits der Herde liegen zwei Tiere träge in voneinander abgetrennten Ställen, mit dicken Bäuchen, wartend auf die Geburt ihrer Jungtiere. Im Kuhstall wird zurzeit der Aktienknappheit entgegengewirkt.

Es ist Hauptkalbezeit. Mehr als 20 Jungtiere stehen in einem Gehege beieinander, zwei weitere Kälber sollen an diesem Tag noch geboren werden. Die Kühe gehören zum Kattendorfer Hof in Schleswig-Holstein, den Mathias von Mirbach gepachtet hat, und er vertreibt Kuhaktien, deren Investoren die Kosten für den Hof mittragen. Die Hauptstütze seines alternativen Finanzierungsmodells ist jedoch das Konzept der solidarischen Landwirtschaft. Menschen, oft Städter, zahlen monatliche Beiträge, die bestenfalls die Fixkosten der Hofwirtschaft decken. Dafür erhalten sie jede Woche Anteile der Ernte und müssen nicht selbst anbauen.

Wenn die beiden neugeborenen Kälber später Milch geben, wird jedes von ihnen 730 Quadratmeter brauchen, um einen Menschen jeden Tag mit einem Liter Milch zu versorgen. Das ist Teil der Rechnung, die Mathias von Mirbach vor rund 25 Jahren aufgestellt hat, um zu prüfen, ob das Konzept einer sogenannten Wirtschaftsgemeinschaft auf dem Kattendorfer Hof aufgehen kann. Er suchte ein alternatives Finanzierungsmodell, das ihm erlaubt, seinen Hof zu bewirtschaften und gleichzeitig zeigen zu können, dass „Lebensmittel keinen Preis haben“. Wie es heute aussieht, hat von Mirbach geschafft, was er am zweiten Advent 1998 mit zehn Familien schließlich startete.

Heute vergeben die vier Gesellschafter des Kattendorfer Hofes Hunderte sogenannter Ernteanteile, im Februar waren es 336. Laut von Mirbach bedeutet das, dass etwa 1000 Menschen, ein Großteil davon Hamburger, ihre Lebensmittel direkt von dem Hof beziehen. Ein Ernteanteil kostet in Hamburg 183 Euro monatlich und enthält pro Woche 1,5 bis drei Kilo Gemüse, ein Kilo Kartoffeln, dazu Salat und Kräuter sowie 700 Gramm Fleisch oder Wurst und 8,75 Liter Milch in Produkten, also beispielsweise 875 Gramm Schnittkäse. Bei Bedarf gibt es noch Getreide zum Backen dazu.

„Ein Ernteanteil entspricht etwa 2500 Quadratmeter Fläche unsere Hofes und dient normalerweise zwei Erwachsenen und ein bis zwei kleinen Kindern als Basisernährung“, sagt von Mirbach. Es gibt immer das, was gerade geerntet wird, nach Möglichkeit abwechslungsreich. „Gemüse etwa ist eine sehr emotionale Sache: Gibt es zu wenig Auswahl, werden die Leute unzufrieden.“ Mitglied der Wirtschaftsgemeinschaft kann werden, wer mindestens einen halben Ernteanteil beziehen möchte. Knapp 20 Prozent der Mitglieder wählen vegetarische Anteile, eine „relativ konstante“ Zahl, sagt von Mirbach. Die Preise sind seit der Gründung aber gestiegen. Zu Beginn zahlte ein Erwachsener 100 D-Mark für seinen Ernteanteil.

Der Hof unterhält auch einen eigenen Laden an der Max-Brauer-Allee

Die Lebensmittel holen sich die Teilhaber im zum Hof gehörenden Laden in Kattendorf ab, und seit neuestem auch in der Schanze. An der Max-Brauer-Allee hat im Sommer ein Hofladen eröffnet. In Eimsbüttel gibt es schon seit fünf Jahren eine Abholstelle, ein bis zwei weitere könnte von Mirbach sich langfristig in der Stadt vorstellen. Er sieht sein Modell als eines, das sich entgegen dem Trend verhält oder diesem sogar vorausgeht. „Während viele inhabergeführte Bioläden schließen, setzen wir genau darauf“, sagt er. Tatsächlich hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass neue Bioläden in der Stadt häufig in Form von Kettenfilialen wie Alnatura, denn’s oder Bio Company eröffnen.

Im vergangenen Jahr betrugen die Einnahmen aus dem Verkauf von Bio­lebensmitteln und -getränken deutschlandweit 7,91 Milliarden Euro. Der Markt erreichte damit im Vergleich zum Vorjahr ein Umsatzplus von 4,8 Prozent. Vor allem Naturkostfachgeschäfte, zu denen die bekannten Bio-Supermarktketten gehören, setzten nach Angaben des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) ihr starkes Wachstum fort und steigerten den Umsatz um neun Prozent. „Es ist ein Trend zum Fachhandel erkennbar“, sagt BÖLW-Sprecherin Joyce Moewius. Ein Drittel der Umsatzanteile aus dem Biogeschäft entfielen 2014 auf den Naturkostfachhandel, 53 Prozent auf den Lebensmitteleinzelhandel, also beispielsweise auf Supermärkte wie Edeka und Rewe, die unter anderem, aber nicht ausschließlich Bio verkaufen. Inhabergeführte Geschäfte wie die Hofläden zählen wie Wochenmärkte zum Punkt „Sonstige“ und machen 14 Prozent aus. Sie haben im Vergleich zum Vorjahr 0,6 Prozent verloren.

Vorbilder für die solidarische Landwirtschaft kommen aus Amerika

Die Idee der solidarischen Landwirtschaft stammt aus den USA. Das dort Community Supported Agri­culture genannte Prinzip entstand in den 1980er-Jahren, während derer sich auch in Deutschland durch Lebensmittelskandale und einen wachsenden Trend zum Fast Food viele wieder auf Bioprodukte besannen. Das Konzept unterscheidet sich allerdings teilweise von dem US-amerikanischen, so ist in Deutschland beispielsweise der Verkauf von Abo-Gemüsekisten nicht eingeschlossen. Neben dem Kattendorfer Hof gibt es rund um Hamburg weitere Höfe, die nach dem Konzept arbeiten.

Von Mirbach hat den Kattendorfer Hof 1995 auf Bio umgestellt und drei Jahre später von Demeter zertifizieren lassen. Heute arbeiten in dem Betrieb 35 Mitarbeiter, rund 240 Hektar Land werden bewirtschaftet. „Wir könnten locker 600 Ernteanteile verteilen“, sagt von Mirbach. Den Markt dafür sieht er vor allem in Hamburg. Schon jetzt werden von den mehr als 300 Anteilen nur 65 direkt in Kattendorf ausgegeben, der Rest geht an die Läden in der Schanze und in Eimsbüttel. Weitere Ernteanteile werden an sogenannte Food-Coops verteilt, Gemeinschaften wie beispielsweise Kindergärten oder einfach Gruppen von Bekannten, Kollegen oder Nachbarn. „Das System der solidarischen Landwirtschaft ist zur Bewegung geworden“, sagt von Mirbach. Bei Gründung des Netzwerkes Solidarische Landwirtschaft im Juli 2011 hätten gerade einmal 15 Betriebe dazugehört, heute seien es rund 155.

Weil er mit alternativen Finanzierungsmodellen schon einmal Glück hatte, setzt von Mirbach seit zehn Jahren zudem auf „Kuh-Aktien“. 500 Euro kostet ein solcher Genussschein, für eine „Kalb-Aktie“ werden 100 Euro fällig. Die Papiere sind allerdings stets vergriffen, in zehn Jahren hat der Hof knapp 160.000 Euro eingeworben. „Zuletzt konnten wir fast 100.000 Euro in die Sanierung des Kuhstalls investieren“, sagt von Mirbach, der betont, dass der Hof die „volle Verfügungsgewalt über die Kühe“ behalte. „Investoren erwerben Anteile der Herde, keine Einzeltiere.“ Anders gehe es nicht, „wegen der Sentimentalität“.

Immer zum Jahresanfang wird die Dividende ausgeschüttet, und dann schlägt der Erfolg der solidarischen Landwirtschaft durch. Investoren haben die Wahl: entweder 2,5 Prozent in bar oder fünf Prozent in Lebensmitteln. Bargeld wählen die wenigsten.