Warnstreik trifft 40.000 Fluggäste

Lange Wartezeiten bei Abfertigung und Flugausfälle in Hamburg erwartet. Ver.di ruft Sicherheitspersonal auf, 24 Stunden lang Arbeit niederzulegen

Hamburg. Die Nerven der Fluggäste werden am heutigen Montag voraussichtlich erneut auf eine harte Probe gestellt. Die Gewerkschaft Ver.di hat das Wach- und Sicherheitspersonal am Hamburger Flughafen ab Mitternacht zu einem 24-stündigen Warnstreik aufgerufen. „Am Flughafen in Hamburg wird am Montag voraussichtlich nur wenig gehen“, sagte Peter Bremme, Ver.di-Gewerkschafter und Verhandlungsführer in den Tarifverhandlungen für die Branche dem Hamburger Abendblatt. „Die Streikbereitschaft der Beschäftigten ist sehr groß. Wir wollen endlich angemessene Großstadtlöhne für die Beschäftigung am Flughafen durchsetzen.“

Auch der Flughafen warnt: „Durch den Ausstand wird es zu deutlichen Verzögerungen bei allen Sicherheitskontrollen kommen. Auch bevorzugte Sicherheitskontrollen - wie die Fast Lane – sind mangels Kapazität nicht möglich“, sagte Pressesprecherin Stefanie Harder. „Wir werden wahrscheinlich viele verzweifelte Passagiere sehen, die vor den Sicherheitskontrollen in Schlangen warten und ihr Flugzeug nicht erreichen.“ Neben Hamburg sollen auch die Flughäfen in Stuttgart und Hannover bestreikt werden.

Montags sind laut Flugplan vom Airport Hamburg 203 Ankünfte und ebenso viele Abflüge geplant. Von den Auswirkungen des Warnstreiks seien somit voraussichtlich rund 40.000 Passagiere betroffen, schätzt die Flughafensprecherin Harder. Die Fluggesellschaften haben unterdessen angekündigt, ihre Flüge nur mit leichten Verspätungen zu starten und nicht auf die Gäste zu warten. Auch Flugausfälle seien möglich. Lufthansa werde zwar alle je 15 Flüge aus München und Frankfurt nach Hamburg fliegen, zurück gehe voraussichtlich aber nur jede zweite Maschine mit Passagieren an Bord, sagte Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber.

Die Fluggäste mussten in den vergangenen Monaten immer wieder viel Geduld mitbringen. Allein im Zuge der Tarifauseinandersetzung mit den Piloten bei Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings gab es zahlreiche Arbeitsniederlegungen, gut 6000 Flüge mussten gestrichen werden. Im Hamburger Sicherheitsgewerbe ist es bereits der zweite Warnstreik in den laufenden Tarifverhandlungen für die insgesamt 8000 Beschäftigten, der den Flughafen trifft. Rund 880 Mitarbeiter der Branche sind am Airport beschäftigt. 530 von ihnen kontrollieren die Passagiere, die übrigen das Flughafenpersonal im Sicherheitsbereich sowie das Gepäck. Sie übernehmen damit Aufgaben, die früher von der Bundespolizei ausgeübt wurden, dann aber privatisiert wurden.

Der erste Warnstreik vor gut zwei Wochen dauerte fünf Stunden, führte zu vier Flugstreichungen in Hamburg und langen Wartezeiten, da nur zwei Kontrollspuren offengehalten werden konnten. Der heutige Ausstand dauert unterdessen nicht nur deutlich länger, nämlich den ganzen Tag, zudem werden sich diesmal nicht nur die Beschäftigten in der Passagierkontrolle beteiligen, sondern erstmals auch jede Kräfte der Personal- und Warenkontrolle, die alle Crews kontrollieren, die an Board und in die Sicherheitsbereiche des Flughafen gehen, sagte Bremme.

Insofern dürfte der Betrieb noch deutlicher stärker gestört werden als beim letzten Mal. Die meisten Mitarbeiter werden erst gar nicht zu ihren Schichten am Flughafen erscheinen, sondern stattdessen sich am Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof einfinden, sagt Bremme. Dort wollen die Beschäftigten ab 11 Uhr für ihre Forderungen mit einer Demonstration durch die Innenstadt ziehen und sich schließlich gegen 12 Uhr am Jungfernstieg zu einer Kundgebung treffen. Die Sicherheitswirtschaft kritisierte unterdessen die Warnstreiks als „ungerechtfertigt“ und forderte ein verbindliches Schlichtungsverfahren, bevor Streiks an Flughäfen zulässig seien, so der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes BDSW, Harald Olschok.

Hintergrund des Streiks sind die festgefahrenen Verhandlungen im Sicherheitsgewerbe, die nächsten Mittwoch fortgesetzt werden sollen. Dazu zählen sämtliche Leistungen im Wach- und Objektschutz von Gebäuden, Behörden und Institutionen. Ver.di fordert für die Hamburger Beschäftigten eine Anhebung des Einstiegslohns im allgemeinen Bewachungsdienst von derzeit 8,05 Euro pro Stunde um gut 14 Prozent auf 9,20 Euro. Für die Mitarbeiter am Flughafen will die Gewerkschaft ein Einstiegsgehalt von 15 Euro statt bisher 14 Euro durchsetzen, das sich nach sechs Dienstjahren stufenweise bis auf 18,50 Euro erhöhen soll.

Die Arbeitgeber haben laut Ver.di für die Hamburger Beschäftigten eine Anhebung des Einstiegslohns auf 8,75 Euro angeboten, für Mitarbeiter am Flughafen soll es in diesem Jahr 14,90 Euro und 2016 dann 15,34 Euro geben. Doch dieses Angebot ist der Hamburger Gewerkschaft noch zu gering. Erst recht, seitdem sich das Sicherheitsgewerbe in Nordrhein-Westfalen überraschend in der vergangenen Woche auf einen Tarifabschluss geeinigt hatte.

Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) und die Gewerkschaft Ver.di verständigten sich darauf, bis Ende 2016 die Löhne in zwei Stufen – je nach Berufsgruppe – zwischen 3,5 und zwölf Prozent zu erhöhen. „Wenn wir den NRW-Tarifabschluss in seinen absoluten Gehaltsstrukturen auf Hamburg übertragen könnten, wäre dies fantastisch. In Hamburg liegen die Löhne für ausgebildete Sicherheitsleute schon heute etwa zwei Euro unter dem Niveau von Nordrhein-Westfalen. Hier muss endlich deutlich nachgebessert werden“, sagte Bremme. „Sicherheit ist uns allen wichtig und muss angemessen vergütet werden. Gerade in einer teuren Stadt wie Hamburg sind Großstadtlöhne für die Beschäftigten zwingend nötig. Mit weniger geben wir uns nicht zufrieden.“

Einige Fluggesellschaften versuchten unterdessen bereits am Sonntag über mögliche Flugplanänderungen zu informieren. „Wichtig ist es, dass die Passagiere mit ihren Fluggesellschaften Kontakt aufnehmen, um das weitere Vorgehen zu erfahren“, sagte Flughafensprecherin Harder.

Die Lufthansa wollte ihren Tausenden Passagieren die Möglichkeit einräumen, auf die Deutsche Bahn umzusteigen oder ihren Flug umzubuchen. Grundsätzlich gelten Streiks rechtlich als „höhere Gewalt“, sodass Entschädigungen nicht verpflichtend sind. „Auch wir sind Streikopfer“, sagte der Lufthansa-Sprecher. Allerdings bemühe sich die Airline, am Ende alle Kunden doch noch an ihr Ziel zu bringen.

Der Flughafen Hamburg wird wiederum zusätzliches Personal bereitstellen, um gestrandete Fluggäste mit Informationen, Getränken und Snacks zu versorgen, sagte Stefanie Harder: „Wir versuchen, für alle unsere Gäste da zu sein.“