Fritz Vahrenholt rettet 200 Jobs

Foto: Roland Magunia

Ex-Umweltsenator leitet heute die Deutsche Wildtier Stiftung. Sie saniert eine Gewerbefläche für den Erhalt einer Firma.

Hamburg. Asbest, Tenside, chlorierte Wasserstoffe und weitere für die Erde giftige Substanzen: Das zwei Hektar große Grundstück am Billbrookdeich ist ein Fall für eine grundlegende Bodensanierung geworden. Jetzt sind die Bagger am Zug. Ein Gebäude, in dem früher Arbeitskleidung für das Hamburger Mietbekleidungsunternehmen CWS-boco mit chemischen Reinigungsmitteln gewaschen wurde, muss der Abrissbirne weichen. Schon vor Jahren, als sich noch niemand um den Umweltschutz kümmerte, stand dort eine chemische Reinigungsanlage. Nun muss der Boden Stück für Stück abgetragen werden. Allein dies wird rund sechs Monate dauern.

Danach soll dort eine moderne Logistikhalle entstehen, in der Textilien aus ganz Norddeutschland gesammelt, sortiert und nach Bielefeld zum Waschen geschickt werden. Es geht um den Erhalt von insgesamt 200 Arbeitsplätzen, davon rund 120 in der Sortierhalle. Ein weiteres Bürohaus aus den 1970er-Jahren, in dem rund 80 Mitarbeiter und IT-Kräfte des Unternehmens arbeiten, soll energetisch saniert werden und als Zentrale für die Verwaltung im Norden dienen. Obwohl sie für die Verunreinigungen nicht verantwortlich ist, investiert die Deutsche Wildtier Stiftung rund 8,5 Millionen Euro in das Gelände, weil es sich in ihrem Eigentum befindet. Ende 2015 sollen die neuen Gebäude bezugsfähig sein. „Wir haben freiwillig einen Sanierungsvertrag mit der Stadt abgeschlossen und übernehmen alle Kosten“, sagt der ehemalige Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt (SPD). Er ist Vorstand der Stiftung.

„Ich freue mich, dass mit der Sanierung des Geländes 200 Arbeitsplätze gerettet und weitere neu geschaffen werden“, sagt Umweltsenatorin Jutta Blankau (SPD). „Es ist gut, dass damit auch Stellen in Bereichen für angelernte Mitarbeiter erhalten werden, darunter viele Frauenarbeitsplätze.“ Der Betriebsstandort wird nach der Sanierung wieder von CWS-boco gemietet, das zu dem Duisburger Mischkonzern Haniel gehört. Das Unternehmen hatte den Hamburger Berufsbekleidungshersteller Boco 1998 übernommen. „Wir haben uns mit Haniel darauf geeinigt, dass den Angestellten während der Bauphase andere Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden“, sagt Vahrenholt und weist daraufhin, dass Haniel auch die Möglichkeit gehabt hätte, Hamburg ganz zu verlassen: „Wir freuen uns nun, dass sie in Hamburg bleiben.“ Denn die Stiftung fand eine bessere Lösung. Für das Sortieren wurde während der Sanierung eine andere Halle zur Verfügung gestellt, sodass die Beschäftigten weiterarbeiten können. Auch die 80 Verwaltungsmitarbeiter bekommen zwischenzeitlich neue Räume.

Die Deutsche Wildtier Stiftung wurde von dem Hamburger Unternehmer Haymo G. Rethwisch gegründet. Nach dem Verkauf seines Unternehmens an den Haniel-Konzern 1998 flossen der Stiftung Mittel im dreistelligen Millionenbereich zu. Damit konnte sich Rethwisch auch finanziell voll und ganz seiner Lebensaufgabe widmen: Lebensräume für Wildtiere schaffen, eine wildtierfreundliche Land- und Forstwirtschaft betreiben und Menschen, vor allem Kinder, für die Natur und Tiere begeistern. Mit einem Kapital von mehr als 150 Millionen Euro gehört die Stiftung heute zu den kapitalstärksten Umweltstiftungen Deutschlands.

Vahrenholt hat unter anderem die Aufgabe, das Vermögen weiter zu vermehren und im Sinne der Stiftung zu investieren. Das tut er auch, denn nach Fertigstellung des Grundstücks am Billbrookdeich gibt es mit CWS-boco einen zehnjährigen Mietvertrag. Die Einnahmen kommen der Arbeit der Stiftung zugute, die das Geld unter anderem zur Renaturierung von Landschaften für bedrohte Tiere wie etwa den Feldhamster ausgibt. Zudem besitzt die Stiftung eine Rinderzucht auf einer fast 2000 Hektar großen Fläche. Galloway und deutsche Angus-Rinder weiden auf Flächen, die gleichzeitig Lebensraum für Feldhase und Feldlerche sind. Sie können sich dort frei bewegen.

Vahrenholt, der 65-jährige frühere Hamburger Umweltsenator, Shell- und RWE-Vorstand und Chef des Windkraftanlagenbauers Repower, der heute Senvion heißt, wechselte mit dem Einstieg bei der Deutschen Wildtier Stiftung im Jahr 2012 komplett das Fach. Neben dem Drang, das Vermögen der Stiftung zu mehren, beschäftigt sich der ehemalige Manager nun mit dem Schreiadler, dem heimlichen Wappentier Mecklenburg-Vorpommerns oder dem Roten Milan, von dem es weltweit nur noch 25.000 Brutpaare gibt. Mehr als die Hälfte davon leben in Deutschland. Dem Rotmilan geht es zunehmend schlechter. Die Anzahl der brütenden Paare hat um ein Drittel abgenommen.

Auf Wiesen und Äckern finden Greifvögel wie der Schreiadler und der Rotmilan kaum noch Futter. „Die Landwirtschaft hat sich gewandelt. Statt Vielfalt herrscht Einfalt auf den Äckern“, sagt Vahrenholt. Um dies zu ändern, will er Bauern überzeugen, gegen ein Entgelt die Wiesen erst spät zu mähen oder Ackerrandstreifen zu erhalten. Ansonsten würden noch mehr Vögel und andere Tiere auf die Rote Liste kommen. Ex-Manager Vahrenholt hat in seiner neuen Aufgabe eines gelernt: „Naturschutz braucht einen langen Atem und ist nicht umsonst zu haben“, sagt er mit Überzeugung.