Kommentar

Geteilte Arbeitswelt

Um 3,1 Prozent sind die Tarifeinkommen im vergangenen Jahr gestiegen. Zieht man die vergleichsweise niedrige Inflationsrate von 0,9 Prozent ab, bleibt immerhin ein reales Plus von 2,2 Prozent im Portemonnaie der Beschäftigten, die unter einen Tarifvertrag fallen. Das ist ein ordentliches Ergebnis für die Arbeitnehmer und eine mit Blick auf die Personalkosten akzeptable Entwicklung für die meisten Unternehmen hierzulande. Allerdings geben diese Zahlen höchstens die halbe Wahrheit auf dem deutschen Arbeitsmarkt wieder.

Denn mittlerweile arbeitet gerade noch jeder zweite Beschäftigte in einem tarifgebundenen Betrieb, viele Arbeitsverhältnisse werden statistisch gar nicht mehr oder unzureichend erfasst. Die deutsche Arbeitswelt ist eine geteilte. Auf der einen Seite stehen die Beschäftigten, für die starke Gewerkschaften wie die IG Metall oder die IG BCE großzügige Tariflöhne und Zusatzleistungen erstritten haben – und weiter erstreiten. Auf der anderen Seite wird das Heer der schlecht bezahlten Beschäftigten, die sich mit unsicheren Arbeitsverhältnissen zufrieden geben müssen, immer größer.

Viele Unternehmen, gerade im Dienstleistungsbereich, haben sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, dass ihre Beschäftigten neben dem Arbeitslohn noch staatliche Zuschüsse erhalten, damit sie in einer teuren Großstadt wie Hamburg überhaupt in Würde leben können. Dieses Verlassen auf den Staat hat dazu geführt, dass die Lohnschere hierzulande immer weiter auseinandergeht. Eine Entwicklung, die viel stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden müsste. Denn schließlich werden die Lohnzuschüsse von der Allgemeinheit finanziert.

Doch das Jahr 2015 wird den Beschäftigten mit starken Gewerkschaften im Rücken gehören. IG Metall und IG BCE bitten zu ihren Tarifrunden. Überdurchschnittlich hohe Tarifabschlüsse sind garantiert.