Die Essensoptimierer aus Hamburg

Stern-Wywiol liefert Zusatzstoffe für industrielle Lebensmittel und Tiernahrung in alle Welt. Jährlich wächst das Familienunternehmen zweistellig

Hamburg/Ahrensburg. Torsten Wywiol nimmt ein frisch gebackenes Baguette vom warmen Blech. Er bricht es in der Mitte auseinander und prüft, ob die Kruste schön kross und das Brotinnere die richtige Porung aufweist. „Wir entwickeln hier für eine Bäckereikette Mehlmischungen für verschiedene Brotsorten, um ihre Produkte durch natürliche Zusatzstoffe zu verbessern“, erläutert der Firmenchef der Stern-Wywiol Gruppe beim Gang durch das Backlabor in seinem Technologiezentrum in Ahrensburg. „Manchmal genügt etwas Ascorbinsäure – also Vitamin C – oder Enzyme im Mehl, um das Volumen und die Textur zu verbessern“, verrät der 48-Jährige.

Im nächsten Raum entwickeln Lebensmitteltechniker für einen arabischen Kunden eine Aufschlagcreme aus Pflanzenöl und Wasser, die ohne Milch auskommt, damit sie auch in tropischen Ländern auf Torten ihre Stabilität behält und lecker aussieht. In der Labormetzgerei nebenan wird für einen russischen Abnehmer getestet, wie viel Fischgelatine als Zusatz in einem Räucherlachs notwendig ist, damit er fein geschnitten werden kann, ohne zu zerfallen. Daneben tüfteln Mitarbeiter daran, aus Soja einen fleischlosen Wurstersatz zu produzieren, der wie eine Salami aussieht und sich im Mund auch so tatsächlich anfühlt, aber eben für Vegetarier bestimmt ist.

Die Gruppe erzielt weltweit einen Umsatz von 400 Millionen Euro

„Ob Brötchen, Wurst, Käse, Milchprodukte – ohne Zusatzstoffe lassen sich Lebensmittel industriell nicht herstellen“, sagt Volkmar Wywiol, 78, und verrät damit den Kern seines Geschäftsmodells. „Zusatzstoffe sind die Heinzelmännchen für gelungene Fertigprodukte.“ Seite an Seite mit seinem Sohn Torsten führt Volkmar Wywiol seit nun rund zehn Jahren gemeinsam das von ihm 1980 gegründete Hamburger Familienunternehmen, das über die Jahre durch Zukäufe kleiner Betriebe aus der Lebensmittelbranche stetig gewachsen ist. Die Gruppe ist auf die Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von Zusatzstoffen für die Produktion von Lebensmitteln und Tiernahrung spezialisiert.

Zu dem Unternehmen gehören heute elf Fachbetriebe, die sich jeweils auf verschiedene Branchen konzentrieren – darunter international bekannte Firmen wie die Hydrosol, Mühlenchemie, Sternchemie und Herza Schokolade. Zu ihren Kunden zählen große Lebensmittelkonzerne, Molkereien und Brotfabriken. „Wir haben Kunden in mehr als 100 Ländern auf allen Kontinenten“, berichtet Torsten Wywiol. Die meisten Kunden sind in den Branchen Backwaren, Fisch, Fleisch, Müsli, Getränke, Süßwaren, Speiseeis, Feinkost und Futtermittel aktiv.

„Im Ausland sehen wir angesichts des Bevölkerungswachstums und steigenden Wohlstandes auch das größte Wachstumspotenzial“, sagt Torsten Wywiol, Sprecher der Geschäftsführung. „2013 erzielten wir einen Umsatz von 400 Millionen Euro, davon 85 Prozent im Ausland. Wir sind in den vergangenen Jahren jährlich zweistellig gewachsen und haben dies auch für die Zukunft vor. Gleichzeitig haben wir viele Millionen in neue Entwicklungs- und Produktionsanlagen investiert“, so Torsten Wywiol.

„Als international tätiges Unternehmen sind wir stark von der politischen Stabilität in unseren Zielländern abhängig“, sagt Wywiol. Prognosen seien entsprechend schwierig. So führten nicht nur die aktuellen Konflikte in der arabischen Welt, sondern auch die jüngsten Sanktionen Russlands gegen Europa bei der Stern-Wywiol Gruppe indirekt zu Umsatzrückgängen.

Dennoch sind die Wywiols zuversichtlich. „Der Markt für Fertigprodukte für Lebensmittel und Tiernahrung bleibt ein wachsender Markt. Gegessen und gefuttert wird immer“, sagt Volkmar Wywiol. Insbesondere aufstrebende Länder wie Indien oder China sehnten sich zunehmend nach den Fertigprodukten der Industriestaaten.

Um diese Convenience-Produkte in den Ländern selbst herstellen zu können, seien in der Regel Zusatzstoffe als Hilfsmittel erforderlich, erläutert Torsten Wywiol. Dies sei unter den oft extremen klimatischen Bedingungen eine große Herausforderung, da zum Beispiel die Qualität des Getreides, aber auch anderer Rohstoffe wie Milch und Eier häufig großen Schwankungen unterliege. „Für jeden Kunden entwickeln wir individuelle Lösungen, um ihm eine standardisierte Produktqualität zu ermöglichen“, sagt Torsten Wywiol. Die Stern-Wywiol Gruppe verfügt insgesamt über ein Portfolio von rund 1500 Einzelrohstoffen, die miteinander kombiniert werden. Alle Rohstoffe entsprechen dem strengen deutschen Lebensmittelgesetz.

Die Hamburger bieten ihren Kunden einen Rund-um-Service an. Herzstück ist die Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Ahrensburg. „Wir produzieren in unseren Pilotanlagen Lebensmittel mit vergleichbarer Technologie, wie sie unsere Kunden später im Industriemaßstab anwenden“, sagt Wywiol. Dabei werden sowohl bestehende Produkte optimiert, aber auch ganz neue Produktideen entwickelt.

In ihrem Werk in Wittenburg in Mecklenburg-Vorpommern werden die entsprechenden Mischungen zu Wirkstoffen zusammengestellt. Bei Herza Schokolade in Norderstedt stellen sie Energie-, Eiweiß und Molkeriegel für Markenartikler her. Und die Zentrale des Unternehmens liegt direkt an der Außenalster. Hinzu kommen 16 Niederlassungen im Ausland. Von den rund 850 Mitarbeitern arbeiten 570 in Deutschland, und auch ihre Zahl dürfte in den nächsten Jahren weiter steigen.

Das Führungsduo ist jedenfalls stolz, ein Familienunternehmen zu sein und damit konzernunabhängig. Häufiger erhalten sie Übernahmeangebote für ihren Betrieb. Doch das ist weder für den Vater und Gründer noch für seinen Sohn eine Option. „Ich möchte das Unternehmen gerne der dritten Generation übergeben“, sagt Torsten Wywiol, der selbst vier Kinder hat sowie zwei Schwestern mit weiteren fünf Söhnen und Töchtern. „Als Familienunternehmen haben wir den Vorteil kurzer Wege. Wir können schneller auf Kundenwünsche reagieren und entscheiden.“ Zur Firmenphilosophie zähle, den Führungskräften „viel Freiheit und Freiraum“ zu lassen. Auch seine Beschäftigten sieht Wywiol nicht als Mitarbeiter, sondern als Partner. „Ich bin Primus inter Pares – Erster unter Gleichen.“

Die Aufgaben zwischen Vater und Sohn sind klar verteilt. Torsten, 48, führt die Holding und arbeitet eng mit den operativen Geschäftsführern zusammen. Vater Volkmar, 78, ist für das Marketing zuständig. Ans Aufhören denkt der Senior und Gründer dabei noch lange nicht. Volkmar Wywiol ist täglich im Büro, bringt immer neue Ideen ein, auch für neue Produkte. Eigentlich wollte er Künstler werden, erzählt Volkmar Wywiol. Doch sein Vater, ein Berufsoffizier entschied für ihn, dass er etwas „Anständiges“ lernen sollte. Also entschied er sich für eine Ausbildung zum Außenhandelskaufmann, „um die ganze Welt zu erobern“. 25 Jahre blieb er einem Hamburger Unternehmen treu, arbeitete sich vom Lehrling zum Geschäftsführer nach oben und entwickelte aus dem Unternehmen mit dem Produkt Lecithin einen Weltmarktführer, bevor er sich 1980 noch mal erfolgreich selbstständig machte.

Wywiol gibt jungen Künstlern in seiner Galerie an der Außenalster ein Forum

Die Liebe zur Kunst ist geblieben. Volkmar Wywiol betreibt nicht nur mit großer Leidenschaft für junge Künstler eine Galerie in seiner Firmenzentrale an der Alster, in der vornehmlich Skulpturen zeitgenössischer Künstler ausgestellt werden. Auch in den Betriebsstandorten hängen an vielen Wänden moderne Malerei sowie Mehlsäcke aus allen Herren Länder, die wie Kunstwerke auf Rahmen gespannt wurden. Aus der Mehlsack-Sammlung entstand das Museum MehlWelten in Wittenburg mit mehr als 3000 Exponaten. Auch im sozialen Bereich sind die Herren engagiert und unterstützen Schulen, Kinder und Waisenhäuser in Uganda, Ghana, Russland und anderen Ländern.

„Wir gehen irgendwann wahrscheinlich gemeinsam in Rente“, witzelt Sohn Torsten. Der Vater hat dafür nur ein verschmitztes Lächeln übrig: „Solange ich noch fit im Kopf bin, bleibe ich. Meine Arbeit macht mir viel Spaß. Jede Firma, die aufgebaut wird, jedes neue Produkt ist für mich ein Kunstwerk. Dies zu schaffen ist immer spannender als Golfspielen.“