„Der Trend geht zum Motorboot“

Viele ältere Segler geben Schiffe ab. Gespräch zur Zukunft des Wassersports mit Verbandspräsident Robert Marx

Hamburg. Die Wassersportwirtschaft in Deutschland steckt im Umbruch. Die Wirtschaftskrise und ein verändertes Freizeitverhalten der jüngeren Generation stellen die Branche vor Herausforderungen. Das wird auch Thema der diesjährigen Messe Hanseboot vom 25. Oktober bis zum 2. November in Hamburg sein. Der Hamburger Unternehmer Robert Marx, 50, ist seit 2003 Präsident des Bundesverbandes Wassersportwirtschaft (BVWW), zudem seit 2007 Präsident der weltgrößten Bootsmesse Boot in Düsseldorf. Marx leitet auch den Verband European Boating Industry. Im Hauptberuf führt der Ingenieur seit 1992 das familieneigene Handels- und Technikunternehmen Friedrich Marx GmbH. Dessen 70 Mitarbeiter erwirtschafteten 2014 rund 16 Millionen Euro Umsatz, unter anderem in der Marine-Sparte, in der Marx Bootszubehör wie Motoren und Navigationsausrüstung importiert und vertreibt. Das Abendblatt sprach mit ihm über die Lage des Motorboot- und Segelsports und über die Perspektiven der Hanseboot.

Hamburger Abendblatt:

Herr Marx, sind Sie Segler oder Motorbootfahrer?

Robert Marx:

Ich bin eher Segler als Motorbootfahrer, beim Segeln kann ich besser entspannen.

Besitzen Sie ein eigenes Segelboot?

Marx:

Nein, aber ich habe schon die eine oder andere Möglichkeit, ein Segelboot zu nutzen.

Von den 60er- bis in die 90er-Jahre erlebte die Wassersportwirtschaft in Deutschland goldene Zeiten. Ein eigenes Boot galt als Statussymbol für den aufstrebenden Mittelstand. Heutzutage scheinen die jüngeren Menschen das Interesse am eigenen Boot zu verlieren. Was bedeutet das für Ihre Branche?

Marx:

Diese Entwicklung hat für die Branche erhebliche Auswirkungen. Es steigen aus Altersgründen mehr Menschen aus dem Bootssport aus als neu hinzukommen. Derzeit gehen dem Bootssport netto etwa 5000 Bootseigner jährlich verloren. Wir müssen überlegen, wie wir die jüngeren Menschen wieder verstärkt für den Bootssport gewinnen können. Die jungen Leute wollen etwas erleben, wollen Action haben. Die Neuregelung des Bootsführerscheins im Jahr 2012 – Bootsmotoren bis 15 PS dürfen jetzt führerscheinfrei gefahren werden – bietet uns dabei viele neue Möglichkeiten.

Sie setzen eher auf Motorboote als auf Segelboote?

Marx:

Der Trend beim Bootssport geht ganz klar zu den Motorbooten. Von den rund 500.000 Booten in Deutschland sind mehr als 300.000 Motorboote. Da sind die Schlauchboote noch nicht einmal mitgerechnet. Man kann sie wesentlich unkomplizierter nutzen als Segelboote, im Zweifel auch mal spontan allein nach Feierabend. Und sie lassen sich einfacher transportieren als Segelboote.

Für Segelpuristen ist das keine schöne Nachricht.

Marx:

Der Zugang zum Segeln ist schwieriger als zum Motorbootfahren. Segeln erfordert eine umfangreichere Ausbildung. Ob man diese Entwicklung mag oder nicht: Der Zugang zum Boot muss einfach sein und Spaß machen, es muss auch mal schnell gehen können. Das begünstigt das Marktsegment der Motorboote.

Die Bootspreise können eigentlich keine Hürde für den Einstig in den Segelsport sein. Tausende von Gebrauchtbooten der Generation, die das Segeln und auch das Motorbootfahren in diesen Jahren aus Altersgründen aufgibt, sind zu haben.

Marx:

Richtig, die Auswahl an gebrauchten Booten ist riesengroß. Boote sind, entsprechende Pflege vorausgesetzt, Jahrzehnte nutzbar. Sie finden immer wieder einen neuen Eigner und verschwinden daher kaum aus dem Markt. So wird der Gebrauchtbootbestand immer größer. Unser Problem ist, dass der Bootssport immer noch als elitär und teuer gilt. Dieses Bild müssen wir korrigieren, denn tatsächlich kostet ein Boot, mit dem vier Personen fahren können, nicht mehr als ein gutes Motorrad – auch in der Unterhaltung.

Für Neueinsteiger sind das doch ideale Umstände.

Marx:

Mit Blick auf die Gebrauchtbootpreise stimmt das. Aber es geht nicht nur um den Preis. Wir haben am Bootsmarkt eine ähnliche Entwicklung wie im Automobilbereich. Jüngere Menschen wollen Mobilität, aber nicht unbedingt ein eigenes Auto. Die Scheu vor Kapitalbindung und auch Zeitmangel führen dazu, dass Nutzer ihre Boote für den Urlaub eher chartern, als sich ein eigenes zu kaufen und dann den gesamten Aufwand zu betreiben, der damit zusammenhängt – von der Bootspflege bis zu den Liegeplätzen im Sommer und im Winter. Die Branche muss auf diese Entwicklung reagieren und kreative Lösungen anbieten.

Was bedeutet der riesige Bestand an älteren, gebrauchten Booten für ihre Branche?

Marx:

Auf den ersten Blick verstopft die große Anzahl an Gebrauchtbooten natürlich den Markt. Wir sollten das aber eher als Chance begreifen, die Neueinsteigern dank niedriger Preise den Einstieg erleichtert. Das müssen wir stärker kommunizieren und gleichzeitig die Vorurteile abbauen, die dem Bootssport entgegengebracht werden.

Die Bootsbranche sitzt also gewissermaßen auf einer Halde von gebrauchten Segel- und Motorbooten. Für das Neugeschäft ist das schlecht.

Marx:

Der hohe Bestand an Gebrauchtbooten hat zwei Auswirkungen: Sie erschwert den Neubauwerften das Geschäft, da die Schere zwischen dem, was der Eigner für sein altes Boot bekommt, und dem Neubootpreis immer weiter auseinandergeht. Andererseits eröffnet diese Situation für Bootsausrüster und Servicedienstleister gute Geschäftsmöglichkeiten: Viele Eigner investieren in die hochwertige Nachrüstung ihrer Boote, anstatt sich ein neues zu kaufen. Und wir beobachten, dass gerade jüngere Bootseigner heutzutage lieber den Service von Spezialisten im Yachthafen oder im Winterlager in Anspruch nehmen, statt selbst zu reparieren oder sich um die Winterpflege zu kümmern.

Am Sonnabend startet in Hamburg die diesjährige Messe Hanseboot. Welche Bedeutung hat sie für die Wassersportwirtschaft?

Marx:

In den 60er-Jahren zählte unser Unternehmen zu den ersten Ausstellern auf der Hanseboot, die damals für die Branche bedeutender war als heute. Mittlerweile ist die Hanseboot eine rein regionale Messe, die versucht, ihre Präsenz vor allem im Ostseeraum zu stärken. Und sie ist eine Messe vor allem für Händler. Bootshersteller sind in Hamburg weit weniger präsent. Für die Besucher einer Messe ist die Produktvielfalt entscheidend, und die wird man nur über eine noch stärkere Präsenz der Händler erreichen. Dazu müssen aber Ausstellungskosten und Laufzeit den Möglichkeiten der Händler angepasst werden. Dennoch: Unsere Branche braucht im Norden ein regionales Schaufenster – es muss nur richtig dekoriert werden.

Die Affinität zum Wasser- und besonders zum Segelsport ist doch in Hamburg und in Norddeutschland extrem ausgeprägt. Warum kann sich die Hanseboot nicht als eine Art Leitmesse zumindest für das Segeln etablieren?

Marx:

60 Prozent der Liegeplätze für Segelyachten sind im Binnenland. Die Hanseboot hat sich zu sehr auf das Segeln fokussiert, ohne den Markt wirklich abdecken zu können. Gleichzeitig hat sie ein wichtiges Marktsegment vernachlässigt. Auch in Norddeutschland kaufen die Kunden mehrheitlich Motorboote. Hinzu kommen viele andere Faktoren, die Hamburgs Status als Bootsmesse in den vergangenen Jahren nicht gerade befördert haben. Zum Beispiel die zeitlich enge Konkurrenz zur Messe Boot & Fun Ende November in Berlin. Richtig ist, dass sich Hamburg sehr auf den Ostseeraum konzentriert. Aber die Ostsee und die sehr guten Wassersportreviere in Ostdeutschland gehören inhaltlich und regional zusammen. Ich frage mich, ob man dafür tatsächlich kurz nacheinander zwei separate Messen braucht.

Welchen Einfluss hat der Zustand der Gewässer und der ganzen Infrastruktur in der Bundesrepublik Deutschland auf den Wassersport? An der Elbe etwa klagen viele Segelvereine über die zunehmende Verschlickung von Yachthäfen, die man nur noch schwer in den Griff bekommt.

Marx:

Für unsere Branche und für den Wassersport wird entscheidend sein, wie die öffentliche Hand künftig mit der Pflege von Wasserstraßen umgeht. Der Bund hat 2800 Kilometer von 7300 Kilometern Bundeswasserstraßen zu ,Sonstigen Wasserstraßen‘ herabgestuft. Diese Strecken sind nicht mehr bedeutend für die Güterschifffahrt und werden deshalb vom Bund vermutlich nicht mehr dauerhaft erhalten. Für den Wassersport sind aber gerade diese Nebenstrecken besonders attraktiv. Wir setzen als Verband darauf, dass die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode wie angekündigt ein Wassertourismus-Konzept vorlegt. Darin muss schlüssig dargelegt werden, wie die ,Sonstigen Wasserstraßen‘ künftig erhalten werden können.

Welche Vorstellungen hat Ihr Verband dazu?

Marx:

Ideal wäre es, wenn sich der Bund am britischen Modell orientieren würde, bei dem alle touristisch relevanten Wasserstraßen in einer Stiftung verwaltet und vermarktet werden. Dabei müssten in Deutschland alle Beteiligten an einem Strang ziehen – Bund, Länder und Kommunen. Unverzichtbar für den Wassersport in Deutschland ist auch die Bereitschaft der Privatwirtschaft und der Wassersportgemeinde, in die Wasserwege und Häfen zu investieren und sich für deren Erhaltung einzusetzen.