Ende der Wegwerf-Rakete

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Gerhard Hegmann

Die Raumfahrtsparte von Airbus will wiederverwendbare Trägerrakete für den Weltraum entwickeln

München. Bislang ist Raumfahrt eine große und kostspielige Materialverschwendung. Alle Raketen, die derzeit Satelliten oder Menschen in den Weltraum transportieren, sind Wegwerfraketen. Die einzelnen Stufen stürzen nach dem Ende der Brennzeit der Triebwerke zurück auf das Festland, fallen ins Meer oder umkreisen als Weltraumschrott noch für einige Zeit die Erde. Daneben gibt es zwar wiederverwendbare Raumgleiter, wie das stillgelegte Spaceshuttle oder das nach 22 Monaten im Weltraum soeben wieder gelandete Militärmodell X-37B. Dennoch grübeln seit Jahren weltweit Ingenieure an Lösungen, wie senkrecht startende Raketen heil zur Erde zurückgebracht werden könnten, um sie erneut zu nutzen. Das soll die Kosten senken. Vor allem bei privaten US-Raumfahrtfirmen, wie SpaceX, gibt es hierzu bereits praktische Tests.

Jetzt will offenbar auch die Raumfahrtsparte der Airbus Group in die Entwicklung wiederverwendbarer Trägerraketen einsteigen. Nach einem Vorstandsbeschluss der Sparte Airbus Defence and Space soll ein entsprechendes Innovationsprojekt vorangetrieben werden, heißt es in einem Mitarbeitermagazin. Ein Sprecher der Sparte bestätigte grundsätzlich das Vorhaben, wollte aber keine weiteren Details nennen. Es handele sich um ein „Grundlagenforschungsvorhaben“. Technologiechef Andrew Anderson verweist auf die Marktveränderungen, etwa durch SpaceX oder die Übernahme des Drohnenherstellers Titan Aerospace durch Google. „Wir müssen diesen Wandel im Sinn unserer Vision und Strategie mitgestalten.“ Intern hegt die ehemals als Astrium firmierende Airbus-Raumfahrtsparte schon länger die Idee einer wiederverwendbaren Rakete. 2010 ließen sie für das Projekt eigens den Namen Adeline schützen. Zudem wurde 2013 von Astrium ein Patent einer zumindest teils wiederverwendbaren Rakete angemeldet.

Die Krux ist dabei, nicht die gesamte erste Stufe heil zurückzubringen, sondern nur den unteren Teil mit den millionenteuren Triebwerken, Pumpen und Steuerungselektronik und nicht die großen Tanks darüber. Der Triebwerksteil samt Technik entspreche etwa 80 Prozent des Wertes der Stufe, heißt es in den Patentunterlagen. Der wertvolle Teil soll dann ausgestattet mit Flugzeugtriebwerken und Fahrwerk zurückfliegen und auf einem Rollfeld landen – möglichst, in der Nähe des Startplatzes. Der Landeanflug soll durch drei kleine Flügel samt Steuerklappen am unteren Teil der Rakete kontrolliert werden.

Das Konzept unterscheidet sich damit grundlegend von der Idee der US-Raumfahrtfirma SpaceX des Multiunternehmers und Milliardärs Elon Musk. SpaceX will die komplette erste Stufe seiner Falcon-Rakete, also Triebwerke mit Tanks, heil zurückbringen. Die Landung soll auf ausklappbaren Stelzen und mit der Wiederzündung der Triebwerke zum Abbremsen bewerkstelligt werden. Branchenkenner sprechen von einem technisch anspruchsvolleren Konzept von SpaceX als beim Airbus-Patent, das nur die Rückkehr des Triebwerksteils vorsieht. Airbus selbst spricht in der Patenterläuterung davon, dass die Entwicklung eines rückkehrfähigen Triebwerksteils ein Drittel billiger ist, als wenn die gesamte erste Stufe zurückgeholt werden soll. Die Triebwerke könnten zehnmal wiederverwendet werden und das gesamte untere Teil der Stufe etwa 100-mal. Auf 100 Flüge gerechnet, würde das Projekt mit dem wiederverwendbaren Teil geschätzt nur ein Viertel der Kosten betragen, die für eine Wegwerfstufe aufgewendet werden müssten. Die Airbus-Raumfahrtsparte macht keine Angaben, bei welchem Raketentyp die Neuerung zur Anwendung kommen könnte. Die Technologie sei von kleinsten Typen bis hin zu Schwerlastraketen oder Boostern anwendbar, heißt es lediglich. Hauptziel sei eine Kostensenkung.

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