3500 Kurzzeit-Praktikanten finden Job

Unternehmen können Arbeitslose bis zu vier Wochen kostenlos testen. Das Geld zahlt die Arbeitsagentur. Die Erfolgsquote liegt bei mehr als 50 Prozent

Hamburg. Inga Meyer nimmt eine Menge auf sich, um erwerbstätig zu sein. Einen zweistündigen Anfahrtsweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln hat sie bereits hinter sich, wenn ihre Schicht in der Shell-Tankstelle in Moorfleet beginnt. Arbeitslos zu sein, ist ihre Sache nicht. Da nimmt sie lieber den weiten Weg von Schneverdingen in Kauf. An diesem Montagvormittag muss sie nicht nur belegte Brötchen, Kaffee, Zigaretten, Schokolade verkaufen und die Tanksäulen abkassieren, sondern auch noch für Kamerateams und Fotografen eine gute Figur machen.

Denn sie ist eine von rund 3500 Jobsuchenden, die in diesem Jahr bis Ende September über ein kurzes Praktikum eine feste, unbefristete Anstellung gefunden haben. „Diese Möglichkeit ist vielen Arbeitgebern noch nicht bekannt und das wollen wir ändern“, sagt Sönke Fock, Vorsitzender der Geschäftsführung in der Agentur für Arbeit Hamburg. Doch er weiß, das Wort Praktikum ist auch negativ besetzt. Monatelanges Arbeiten ohne Bezahlung in der Hoffnung auf eine Anstellung.

„Eine solche Praxis ist mit unserem Modell nicht möglich“, sagt Fock. Maximal kann das Praktikum bis zu vier Wochen dauern. „Der Durchschnittswert liegt bei wenigen Tagen“, sagt Fock. Danach schon hätten Arbeitgeber einen ganz anderen Eindruck vom Bewerber als nur durch eine schriftliche Bewerbung. Die Erfolgsquote ist hoch. Von den rund 6200 Arbeitslosen, die in den ersten neun Monaten des Jahres diese Möglichkeit genutzt haben, bekamen dadurch 56 Prozent von ihnen wieder einen festen Arbeitsplatz.

Nicole Yimporn betreibt mit ihrem Mann vier Tankstellen in Hamburg und Winsen. „Es ist schwierig, geeignetes Personal zu finden“, sagt die Chefin. Viele schreckt schon die Arbeitszeit ab. Die Tankstellen sind rund um die Uhr geöffnet, werktags wie feiertags. Auf ihre offenen Stellen hatten sich zunächst 40 Bewerber gemeldet. „Knapp die Hälfte ist schon nicht zum Bewerbungsgespräch erschienen“, sagt Yimporn. Nach etlichen Bewerbungsgesprächen blieben vier Kandidaten für ein Praktikum. „Es gibt viele Gründe, warum Bewerber auf die Stelle nicht passen“, sagt Nicole Yimporn. „Das reicht vom äußeren Erscheinungsbild über die Pünktlichkeit bis zur körperlichen Belastungsfähigkeit.“

Aus ihrer Sicht sind zwei Wochen notwendig, um einen Bewerber richtig kennenzulernen. „Manche Bewerber brauchen etwas Zeit, bis sie zeigen, was sie wirklich können“, lautet Yimporns Erfahrung. „Unsere Mitarbeiter müssen belastbar sein und gut mit Menschen umgehen können, auch wenn es einmal hektisch wird.“ Das gegenseitige Kennenlernen durch die praktische Arbeit hat sich ausgezahlt. Alle vier Mitarbeiter, die ein Praktikum gemacht haben, hat die Tankstellenchefin auch eingestellt – unbefristet. „Das Praktikum reduziert das Risiko einer Fehlbesetzung erheblich“, sagt sie.

Eine von ihnen ist Inga Meyer. Die 27-Jährige hat keine Ausbildung absolviert, aber schon in verschiedenen Branchen wie der Gastronomie oder dem Reinigungsgewerbe gearbeitet. Vor ihrem Praktikum war sie anderthalb Monate arbeitslos. „Mir gefällt das Arbeitsklima hier sehr gut, das ist wie eine große Familie“, sagt Meyer. Dafür nehme sie auch den langen Anfahrtsweg in Kauf. Insgesamt arbeiten 43 Angestellte in den vier Tankstellen. Der jüngste ist 17 und Auszubildender und die älteste Mitarbeiterin 73 Jahre alt. „Wir erstellen monatlich einen Schichtplan und versuchen, auf persönliche Wünsche Rücksicht zu nehmen“, sagt Yimporn. Nachts muss nur arbeiten, wer das wirklich will.

51 Prozent der Hamburger Arbeitslosen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Auch für sie ist das Praktikum eine Chance den Arbeitgeber zu überzeugen. „Wenn nicht alle Voraussetzungen für die zu besetzende Stelle stimmen, sind die Arbeitgeber sehr vorsichtig“, sagt Fock. Ein Praktikum könne die Entscheidung erleichtern. „Es gibt Gruppen und Personen auf dem Hamburger Arbeitsmarkt, die es einfach schwerer haben, einen Fuß in den Betrieb zu bekommen: Langzeitarbeitslose, ungelernte oder auch ältere Arbeitsuchende, Menschen mit Behinderung oder jüngere Bewerber mit wenig Berufserfahrungen“, sagt Fock. In diesem Jahr rechnet die Arbeitsagentur mit 8300 Hamburgern, die sich über ein Praktikum bewerben. „Wir wollen das Instrument bei Arbeitgebern noch bekannter machen und im nächsten Jahr ein Plus von zehn Prozent erreichen“, sagt Fock. Kosten entstehen dem Arbeitgeber nicht und auch die Bürokratie ist mit dem Ausfüllen eines Blattes minimal. Während des Praktikums erhält der Bewerber weiterhin sein Arbeitslosengeld und bleibt auch über die Arbeitsagentur sozialversichert.