Bundesbank-Vorstand warnt vor überzogenen Aktienkursen

Joachim Nagel sieht keine Gefahr einer Deflation in der Euro-Zone

Hamburg. Um das Finanzsystem angesichts der Wirtschaftskrise und der nachfolgenden Schuldenkrise zu stützen, hat die Europäische Zentralbank (EZB) seit Ende 2008 die Leitzinsen auf ein historisch niedriges Niveau heruntergeschleust. Dies hat zwar bisher den Zweck erfüllt, die Existenz des Euro zu sichern. Doch eine Nebenwirkung der EZB-Geldpolitik besteht darin, dass mit sicheren, festverzinslichen Anlagen derzeit kein Geld mehr zu verdienen ist: Die Inflationsrate liegt höher als die Zinsen solcher Papiere, die Realverzinsung ist also negativ.

Dauere dieser Zustand zu lange, bringe dies jedoch Gefahren mit sich, sagte Joachim Nagel, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, in einem Vortrag in der Hamburger Hauptverwaltung der Bundesbank für Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein: „Wenn die Niedrigzinsphase lange anhält, fließt das Geld in Bereiche mit höheren Renditen, aber auch höheren Risiken.“ Dies zeige sich derzeit am Aktienmarkt. Dort habe sich die Kursentwicklung inzwischen von den realisierten Unternehmensgewinnen abgekoppelt.

Zwar haben sich auch Immobilien seit dem Jahr 2008 deutlich verteuert. „Aber in Deutschland waren die Immobilienpreise zuvor mindestens zwei Jahrzehnte lang sehr stabil, anders als in manchen anderen Staaten“, so Nagel. Nach seiner Auffassung sollte man die negativen Realrenditen festverzinslicher Papiere auch nicht überbewerten: „Zinseinnahmen haben für das verfügbare Einkommen der Deutschen nur eine untergeordnete Bedeutung.“ Peter Griep, Präsident der Hauptverwaltung in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein, fügte an: „In einer Marktwirtschaft gibt es kein Grundrecht auf Rendite.“ Allerdings stellten die Niedrigzinsen eine Herausforderung für die Altersvorsorge dar.

Angesichts der Schwäche der Wirtschaft im Euro-Raum ist auch die Preissteigerungsrate stark gesunken, sie lag zuletzt nur noch bei 0,3 Prozent. Man erwarte dennoch keine Deflation, sagte Nagel: „Wir sehen nicht die Gefahr, dass die Inflationsrate in negatives Terrain abrutscht.“ Sollte es dazu kommen, könnte dies das Wirtschaftsgeschehen weiter empfindlich dämpfen.

Um die Konjunktur anzukurbeln, stellt die EZB den Banken üppige Finanzmittel für vier Jahre zu äußerst günstigen Konditionen zur Verfügung – unter der Bedingung, dass das Geld in Firmenkredite fließt. Dies zielt vor allem auf Spanien und Italien ab, während der Leitzins für Deutschland eigentlich zu niedrig ist. Nagel verteidigte in diesem Zusammenhang die EZB: „Wir machen Geldpolitik nicht für ein Land, sondern für den Durchschnitt der Währungsunion.“