RWE Dea holt Mitarbeiter aus Libyen

Hamburger Unternehmen reagiert auf gefährliche Sicherheitslage. Öl könnte teurer werden, weil die Produktion im Bürgerkriegsland sinkt

Hamburg. Die Reaktion erfolgte prompt. Weil sich Milizen im Bürgerkriegsland Libyen wieder bekämpfen, hat der Hamburger Öl- und Gasförderer RWE Dea schnell gehandelt. Schon bereits vor der Reisewarnung des Auswärtigen Amts flog das Unternehmen sein kleines Kernteam aus deutschen und ausländischen Mitarbeitern aufgrund von Informationen professioneller Sicherheitsdienstleister aus dem Land aus. Nur im Büro der Hauptstadt Tripolis arbeiten weiterhin rund 50 einheimische Beschäftigte.

„Die Sicherheit unserer Mitarbeiter und deren Familien hat für RWE Dea höchste Priorität, und wir beobachten die Sicherheitslage in Libyen sehr genau“, sagt Sprecher Frank Meyer. In der libyschen Wüste betreibt das Unternehmen weiterhin die Entwicklung von acht Ölbohrungen und bereitet weitere Maßnahmen zur künftigen Förderung von Öl oder Gas vor. „Die Vorbereitungen werden gemeinsam von den einheimischen Mitarbeitern im Büro in Tripolis unter strengen Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt“, sagt Meyer.

Auch der Mitbewerber Wintershall hat rund 20 Mitarbeiter ausgeflogen. „Wir beobachten die Sicherheitslage in Libyen fortwährend und sehr genau“, betont auch Sprecherin Ulrike Saße. Wintershall hat in Libyen rund 500 lokale Mitarbeiter in Tripolis und der Wüste. „Die Situation an unseren Produktionsstandorten in der libyschen Wüste ist weiterhin ruhig. Unser Büro in Tripolis bleibt vorsorglich geschlossen, und die Mitarbeiter arbeiten von zu Hause aus.“ Bereits einige Monate zuvor habe Wintershall die Präsenz vor Ort vorsorglich auf minimale Besetzung reduziert, hieß es.

Das Land steht vor dem Zerfall. Verfeindete Milizen und Stammesfürsten bekriegen sich seit dem Bürgerkrieg. Vor wenigen Tagen traf eine Rakete ein Benzinlager in Tripolis und hat einen Großbrand ausgelöst. Getroffen wurde ein Tank, der 6,6 Millionen Liter Benzin enthielt.

Der Bürgerkrieg in dem Staat brach im Februar 2011 im Rahmen des Arabischen Frühlings aus. Er begann mit Demonstrationen gegen die Herrschaft von Muammar al-Gaddafi. Der Despot wurde im Verlauf gefangen genommen und getötet. Im Oktober erklärte der Übergangsrat den Krieg für beendet. Doch vor gut zwei Wochen brachen die Unruhen wieder aus. Revolutionsbrigaden und der Übergangsrat, also die jetzige Regierung, bekriegen sich aufs Schärfste. Hamburg hat bereits Flüchtlinge aus dem Land aufgenommen.

Rund 147 Unternehmen haben oder hatten laut Handelskammer geschäftliche Beziehungen zu Libyen. Doch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Kämpfe in dem arabischen Land sind für Hamburger Firmen offenbar nicht so groß wie die der EU-Sanktionen gegen Russland. „Allerdings beeinflussen die Kämpfe den Ölpreis“, sagt Leon Leschus, Rohstoffexperte des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Im Jahr 2011 förderte Libyen 1,5 Millionen Barrel (je 159 Liter) Öl am Tag. Mit der Revolution sank der Wert auf fast null. Nach dem Umsturz zog die Produktion wieder an. Inzwischen ist sie auf 100.000 Barrel gesunken. Das beeinflusst laut Leschus den Ölpreis, der dadurch weiter steigen könnte.

Das Unternehmen Deutsche Tamoil, das dem niederländischen Konzern Oilinvest gehört, ist mit der Hamburger Raffinerie Holborn und der Elmshorner Tankstellenkette HEM von den Vorgängen nicht betroffen. Eigentümer von Oilinvest ist der libysche Staat. „Die Deutsche Tamoil betreibt ausschließlich von Elmshorn aus Tankstellen in Deutschland. Wir beziehen unseren Kraftstoff aus diversen deutschen Raffinerien, die ein breites Spektrum an Rohöl unterschiedlicher Herkunft verarbeiten. Die Versorgung der Raffinerien in Deutschland ist so breit angelegt, dass Versorgungsengpässe aktuell nicht zu befürchten sind“, sagt HEM-Chef Rüdiger Pohl.

Im Außenhandel ist das Land für den Hafen vor allem wegen der Mineralölprodukte wichtig. Der Außenhandel Hamburgs mit Libyen im Jahr 2013 betrug80,65 Millionen Eurobei den Exporten und 212,76 Millionen Eurobei den Einfuhren. Aus der Hansestadt nach Libyen ausgeführt wurden Lebensmittel (vor allem Weizen), chemische Produkte sowie Maschinen und Luftfahrzeuge, eingeführt wurden vor allem Mineralöl und Mineralölprodukte. Doch jetzt fahren Hamburger Tanker das Land nicht mehr an.