Aus Hamburg nach Yangon

Monika Stärk vertritt die deutsche Wirtschaft in Myanmar. Firmen aus der Hansestadt suchen Zugang in das Land

Hamburg. Für Monika Stärk war es wie ein Zeichen: Als sie 2010 ihren Geburtstag feierte, kam die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi in Myanmar aus dem Hausarrest frei. Dieser 13. November brachte für das asiatische Land den Beginn der Demokratisierung und das allmähliche Ende der Militärdiktatur. Für Monika Stärk legte der Tag zugleich den Grundstein für ihr Leben in Myanmar: Die 49-Jährige arbeitet dort heute als Delegierte der deutschen Wirtschaft. 8000 Kilometer südöstlich von der Heimat. In einem Land, das bis vor drei Jahren keinen freien Internetzugang hatte und in dem die Mönche noch heute jeden Morgen mit ihren Opferschalen durch die Straßen streifen.

Monika Stärk hatte kürzlich hohen Besuch, von Joachim Gauck. Der Bundespräsident eröffnete das Delegiertenbüro in Yangon Anfang dieses Jahres offiziell. Die Stadt mit ihrer riesigen Shwedagon-Pagode, die mit ihrem vergoldeten Stupa die Villengegenden mit alten Kolonialbauten, aber auch die engen Gassen in China-Town überstrahlt, ist das neue Wirtschaftszentrum des Landes. „Vieles erinnert mich dort an Hamburg“, sagt Monika Stärk. In ihrer Freizeit spazierten die Leute in der Stadt mit den vielen Parks um den Inya-See. Wie hier an der Alster, „nur mit Sonnen- statt mit Regenschirmen“, sagt die Delegierte lachend. Der Vergleich mit Hamburg, wo die zierliche, schwarzhaarige Frau jetzt kurz zu Besuch war, ist kein Zufall. Monika Stärk leitete zuvor für sieben Jahre den Ostasiatischen Verein (OAV) in der Hansestadt. Mit dem Wechsel nach Yangun verbindet die gebürtige Nürnbergerin eine große Hoffnung: die wirtschaftliche Entwicklung des Landes begleiten zu dürfen und dabei die Beziehungen der deutschen Unternehmen nach Myanmar wieder aufleben zu lassen.

Es gibt viel Nachholbedarf in dem einst reichsten Land Südostasiens, das auch Burma oder Birma genannt wird: Allein in der Textilindustrie seien durch die Sanktionen der USA gegen Myanmar 300.000 Arbeitsplätze vernichtet worden. „Wir müssen jetzt ganze Branchen wieder aufbauen“, sagt Monika Stärk, die auf ihrem Fußweg zur Arbeit durch Yangon an Garküchen vorbeikommt, die unter einfachsten Bedingungen ein Curry zaubern. In der City werben zugleich aber auch große Plakate für Smartphones oder Luxusautos. Die Grundlage für die Aufbruchstimmung legten neben Aung San Suu Kyi einige ehemalige Generäle, die den Reformprozess von oben einleiteten. Nach fast 50 Jahren Diktatur scheint jetzt der Weg frei für freie Wahlen, freie Presse und Privatwirtschaft. Auch der Tourismus, der sich noch vor zehn Jahren meist auf geführte Gruppentouren unter Begleitung von staatlichen „Aufpassern“ beschränkte, erlebt in Myanmar eine starke Belebung. An den Hauptreisezielen in der ehemaligen Hauptstadt Yangon, im historischen Pagodenfeld Bagan und am Inle-See mit seinen schwimmenden Gärten bauen immer mehr Investoren komfortable Hotelanlagen für Besucher aus aller Welt.

Auch Dutzende Hamburger Firmen stehen bereit, um das Land als neuen Markt (wieder-)zugewinnen. Und um die kapitalistische Neugeburt zu feiern, eines Landes mit Grenzen zu den wichtigsten asiatischen Wachstumsmärkten wie China und Indien. 105 Unternehmen aus der Hansestadt unterhalten derzeit Wirtschaftsbeziehungen zu Myanmar, sagt Corinna Nienstedt, Geschäftsführerin der Handelskammer Hamburg. 18 Betriebe, vor allem aus dem Speditions- und Außenhandelsbereich, seien mit Vertretungsbüros oder Niederlassungen vor Ort präsent. Produkte von Beiersdorf, Deos oder Whiteningcremes, welche die Haut aufhellen, stehen selbst in ländlichen Regionen neben Erdnüssen und getrockneten Fischen in den Regalen der Händler.

„Durch den Reformkurs der zivilen Regierung in Yangon stehen die Chancen für einen Ausbau des Hamburger Handels mit Myanmar sehr gut“, ergänzt Corinna Nienstedt. Schon in den vergangenen beiden Jahren sei der Austausch deutlich gestiegen, allerdings von einem sehr niedrigen Niveau aus. Mit über 50 Millionen Einwohnern betrachteten die Firmen Myanmar aber als einen interessanten Zukunftsmarkt. „Kurzfristig sehen Hamburger Firmen Chancen beim Import von Textilien oder Seafood sowie beim Export von Maschinen“, sagte die Handelsexpertin.

Die Chancen für einen Ausbau des Handels mit Hamburg stehen gut

Das Interesse der deutschen Unternehmen an dem Land wurde auch deutlich, als Bundespräsident Gauck das Delegiertenbüro im Februar eröffnete. 150 Unternehmensvertreter waren mitgereist, um das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geförderte Büro zu würdigen. Die Goldgräberstimmung ist auch Folge der Stellung, die Myanmar vor der Abschottung hatte. Das Land war Reisschüssel der Region, unterhielt eine starke Textilwirtschaft und ist reich an Bodenschätzen. In den 50er- bis 80er-Jahren hätten deutsche Unternehmen bereits viel in die Ausbildung in Myanmar investiert, sagt Monika Stärk. Reismühlen seien aus Hamburg in das Land geliefert, mithilfe der KfW sei die Eisenbahn gebaut worden. Heute sind für den Wiederaufbau vor allem zwei Dinge entscheidend: der Ausbau der Infrastruktur und einer stabilen Energieversorgung.

Zugleich, betont Monika Stärk, dürfe Myanmar nicht die gleichen Fehler begehen wie das Nachbarland Bangladesch, das als Billiglohnstandort mit Katastrophen wie Fabrikeinstürzen Negativschlagzeilen macht und den westlichen Konsumenten vor Augen führt, wo der Preiswettbewerb in der Mode hinführen kann. Aber auch hier sei die Regierung auf einem guten Weg, freut sich die Delegierte: Der offizielle Mindestlohn in Myanmar liege bei umgerechnet mehr als 100 Euro, also doppelt so hoch wie in Bangladesch. Es ist zwar fraglich, ob die Textilarbeiter in der Realität diese Einkommen auch ausgezahlt bekommen. „Die ILO schaut hier aber ganz genau hin“, sagt Monika Stärk mit Blick auf die internationale Arbeitsorganisation, die weltweite Standards durchsetzt.

Für die Industrie bietet Myanmar die Chance, einem Land Wohlstand zu bringen, das bisher ein Leben abseits der globalisierten Welt geführt hat. Monika Stärk möchte dazu beitragen: „Wir wollen hier zeigen und miterleben, wie man die Dinge besser machen kann.“