Jede Woche ein neuer Gin aus Hamburg

Der traditionsreiche Wacholderbrand ist beliebt wie selten zuvor. 300 unterschiedliche Sorten auf dem Markt, schätzen Experten

Hamburg. Der Brennkessel zischt und brodelt. Ein sanfter Geruch von Wacholder und Zitrusfrüchten liegt in der Luft. Stephan Garbe eilt mit einem großen Eimer herbei, schraubt mit beiden Händen das gusseiserne Ventil auf und wie ein kleiner Wasserfall fließt die hochprozentige Flüssigkeit aus dem dampfenden Kessel. In seiner Werkstatt am Bahrenfelder Steindamm produziert Stephan Garbe seit Anfang des Jahres seinen eigenen Brand, den Gin des Südens, „Gin Sul“ genannt.

Vor einigen Monaten hängte der ehemalige Werber seinen Job an den Nagel und beschloss, seinen Lebenstraum zu verwirklichen. Heute steht der 37-Jährige sechs Tage die Woche in seiner kleinen Werkstatt, um die von ihm gestalteten Tonflaschen mit Leben zu füllen. Rund 1000 Flaschen seines „Gin Sul“ hat er seitdem produziert.

„Gin ist in“, das hat nicht nur Stephan Garbe erkannt. Dutzende neue Sorten mit neuen Aromen kommen derzeit auf den Markt, die Preise für edle Destillate steigen immer weiter. Mehr als fünf Millionen Flaschen Gin wurden nach Angaben des Bundesverbands der Spirituosenindustrie im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft. Auch in der Hansestadt erlebt die Spirituose derzeit einen nie dagewesenen Boom. „Gin ist der Megatrend“, sagt Barkeeperlegende Uwe Christiansen. „Jede Woche kommt ein neuer Gin aus Hamburg auf den Markt.“

Allein das Getränke-Paradies Wolf aus dem Schanzenviertel hat sein Gin-Angebot aufgrund der hohen Nachfrage innerhalb des letzten Jahres verdoppelt. Das Geschäft bietet mittlerweile mehr als 200 Gin-Sorten und zehn verschiedene Tonics an. „Angebot und Nachfrage steigen rasant“, sagt Gerhard Wolf. „Wir sind gespannt, wann der Markt übersättigt ist, aber noch hält der Boom an.“ Auch die regelmäßigen Gin-Tastings im Getränke-Paradies seien regelmäßig ausgebucht. „Die Warteliste wird immer länger.“

Nach Schätzungen des Hamburger Gin-Experten und Blogautors Oliver Steffens sind bundesweit bereits rund 300 verschiedene Gin-Sorten, darunter auch viele deutsche Marken, auf dem Markt. „Bei einer solchen Auswahl wird es natürlich schwer, sich von der Masse abzuheben“, sagt Steffens.

„Kein Wunder, dass Werbung und Vermarktung bei den Gin-Produzenten eine immer wichtigere Rolle spielen. Ob Nordisch Gin, Omen Gin oder Gin Sul – mit einem regionalen Image versuchen derzeit einige Hersteller, das Prädikat „Made in Hamburg“ für sich zu beanspruchen.

Einer von ihnen ist Lucas Amadeus Krause. Vor knapp anderthalb Jahren bestellte sich der Student eine kleine Tischdestille für 150 Euro im Internet. Elf Monate bastelte der Hobbykoch mit verschiedenen Kräutern und Gewürzen in der Küche seiner Eltern an dem Rezept. „Ich habe einfach probiert, was mir schmeckt, und regelmäßig Freunde zum Probieren eingeladen.“ Mittlerweile lässt der 22-Jährige seinen „Omen Gin“ in einer kleinen Familienbrennerei bei Eckernförde herstellen. 700 Flaschen hat er bereits produziert.

„Gin erlebt in Deutschland, ähnlich wie der Single-Malt-Whisky, einen enormen Boom“, sagt Gin-Experte Oliver Steffens und spricht von einer Rückbesinnung auf die ursprüngliche Barkultur. „Diese Spirituosen liefern mehr Geschmack als beispielsweise Wodka, der immer gleich schmeckt.“ Die Verbraucher seien anspruchsvoller und vor allem reifer geworden. Auch in der Bar-Szene werde mit Gin neuerdings viel experimentiert.

Der ehemalige Hamburger Christian Kretschmar, Gin-Produzent von Kraftwert3, beobachtet den Boom in der Hansestadt jedoch skeptisch. „Mit Liebe und Leidenschaft zu Gin hat das nichts mehr zu tun“, sagte Kretschmar. Zu viele seien bereits auf den fahrenden Zug aufgesprungen. „Nicht überall, wo Hamburg draufsteht, ist auch Hamburg drin.“ Sein Rezept stamme zwar aus seiner Zeit in Hamburg, jedoch ist Christian Kretschmar die Bezeichnung „Made in Hamburg“ mittlerweile eher peinlich, da sein Gin längst außerhalb der Hansestadt gebrannt wird. „Das Etikett der Flasche wird jetzt geändert“, verspricht er. Man müsse schließlich ehrlich sein.

Auch Gin-Experte Steffens betont: „Einen guten Gin zu entwickeln und auf den Markt zu bringen, ist relativ einfach.“ Eine Destille zu bauen und dafür eine Konzession zu bekommen, sei aufgrund der strengen Auflagen hingegen sehr schwierig, so der selbst ernannte „Ginthusiast“ weiter. „Daher geben viele ihr Rezept einfach bei einer großen Destillerie in Süddeutschland in Auftrag.“

So wird Nordisch Gin beispielsweise an der Mosel, Clockers Gin in Dresden und Kraftwert3 in Nordrhein-Westfalen produziert und abgefüllt. Thomas Nordmeier, Produzent von Nordisch Gin, verweist jedoch auf das jahrzehntealte Familienrezept seines Großvaters, der vor dem Ersten Weltkrieg eine kleine Destillerie in St. Georg betrieben habe. „Wir haben in Norddeutschland niemanden gefunden, der unser Rezept originalgetreu umsetzen konnte“, begründet Nordmeier. Rund 80.000 Flaschen seines Gins sollen allein in diesem Jahr abgefüllt werden. Tendenz steigend.

„Gin ist deshalb so interessant, weil man ihn komponieren, mit den Zutaten spielen kann“, sagt Oliver Steffens. „Ein guter Gin zeichnet sich dadurch aus, dass er sich von der Masse abhebt und über ein einzigartiges Geschmacksprofil verfügt.“ Ob Salbei, Kamille oder Muskat – die Anzahl der Kräuter und Gewürze ist dabei nicht entscheidend. Im Gegenteil: „Bei zu vielen Kräutern schmeckt der Gin irgendwann wie Hustensaft“, warnt Produzent Thomas Nordmeier.

Dabei ist Hustensaft gar nicht so verkehrt, schließlich wurde der Wacholderschnaps schon seit dem späten Mittelalter unter dem Namen Genever als Medizin verabreicht. In gesunden Mengen kann Gin, wie die Briten das Getränk später nannten, jedenfalls nicht schädlich sein. Als ausgewiesene Gin-Kennerin verzichtete die Queen Mum kaum einen Tag auf ihren geliebten Gin Tonic und erreichte damit ein stolzes Alter von 102 Jahren.