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Spielzeug gegen die Angst beim Zahnarzt

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Die Eheleute Rancka betreiben ein Spezial-Versandhaus für Kinder-Zugabeartikel. Mehr als acht Millionen dieser Billig-Spielzeuge verkauft das Unternehmen jährlich an Ärzte, Logopäden und Physiotherapeuten, Restaurants oder Schulen.

Hamburg. Thomas Rancka geht gerne zum Arzt, sogar zum Zahnarzt. Weil er dort an der Basis ist und ungestört Feldforschung betreiben kann. Deswegen sucht er sich im Wartezimmer immer einen Platz, von dem aus er die Sprechstundenhilfen beobachten kann. Und die Kinder, die sich nach dem Arztbesuch eine Belohnung bei den Helferinnen aussuchen dürfen. Ein Spielzeugauto, einen Flummi, ein Gummitier oder einen Sticker. Einen Ring oder ein Radiergummi, eine Trillerpfeiffe oder einen Bleistift. Eben eines dieser kleinen Spielzeuge, wie sie Kinder bei Ärzten oft bekommen - und die Thomas Rancka vertreibt. Sein Unternehmen Rancka-Werbung GmbH & Co. KG ist ein Spezial-Versandhaus für Kinder-Zugabeartikel. Mehr als acht Millionen dieser Billig-Spielzeuge verkauft das Unternehmen jährlich an Ärzte, Logopäden und Physiotherapeuten, aber auch an Restaurants oder Schulen. Sein größter Kunde sind die Zahnärzte, von denen allein 15.000 in der Kundenkartei von Rancka registriert sind. Kein Wunder also, dass Thomas Rancka, 65, gerne zum Zahnarzt geht. "Wenn ich sehe, wie begeistert die Kinder nach dem Arztbesuch in der Kiste mit Zugabeartikeln wühlen und sich ein Spielzeug aussuchen, geht mir das Herz auf", sagt Thomas Rancka. Er weiß, dass sich das kitschig anhört, doch das stört ihn nicht. Weil es eben so ist. Weil er eben so ist.

Die Kinder sind ihm am wichtigsten. Auch wenn seine Waren für den gewerblichen Bedarf bestimmt sind und er selbst nur mit Medizinern, Apothekern oder Gastronomen Kontakt hat, sucht er die Begegnung mit den kleinen Kunden. Aus diesem Grund veranstaltet er auch alle acht Wochen einen Kindergipfel, bei dem die Kinder von Freunden und aus der Nachbarschaft Spielzeugneuheiten auf ihre Tauglichkeit prüfen. "Bei diesen Treffen erfahre ich mehr über Spielzeuge, als auf jeder Messe der Welt", sagt Thomas Rancka, der die Kinder beim Spielen genau beobachtet. Wonach greifen sie zuerst? Womit wird gespielt und womit nicht? Und vor allem: Was geht vielleicht sofort kaputt? Denn die Qualität hat für Thomas Rancka und seine Frau Claudia, 57, höchste Priorität. "Auch wenn unsere Artikel nur ein paar Cent kosten, müssen sie hohe Anforderungen erfüllen. Sonst haben sie bei uns im Sortiment nichts zu suchen", sagt Rancka.

Rund 400 Artikel hat er im Angebot, vom Geschicklichkeitsspiel bis zum Scherzartikel, vom Kuscheltier bis Plastikpuppe. Zweimal pro Jahr bringt wechselt das Sortiment, zweimal pro Jahr bringt Rancka einen neuen Katalog heraus. Auflage: 190.000 Stück. "Angefangen haben wir mit einer zweiseitigen Broschüre, heute hat unser Katalog 52 Seiten", sagt Rancka. Stolz. Weil er inzwischen 40.000 Kunden hat und die Umsätze pro Kunde jährlich steigen. "Früher haben die Kunden für durchschnittlich 80 Mark bei uns bestellt, heute sind es im Schnitt 110 Euro." Rund zwei Millionen Euro Umsatz will das Unternehmen dieses Jahr machen, das sind rund 20 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Und das alles mit Artikeln, die es bereits ab einem Cent gibt. Zu den Top-Ten von "Rancka-Werbung" zählen die Smiley-Flummis für 28 Cent, von denen das Unternehmen rund 200.000 Stück jährlich verkauft - genauso viele wie von den Bleistiften mit Radiergummi à neun Cent oder den Tattoos à zwölf Cent.

Die Waren lagern in einer alten Villa am Lokstedter Steindamm, wo das Unternehmen seinen Firmensitz hat. Das Büro ist im ehemaligen Wohnzimmer untergebracht, die Waren stapeln sich in den Schlafzimmern im ersten Stock und im Keller sowie in einer nahegelegenen Lagerhalle. Herzstück des Hauses ist der so genannte Show-Room, wo die Produkte in hunderten von durchsichtigen Zylindern und Schubladen ausgestellt werden. Ein Paradies für die Kinder aus der Nachbarschaft, die regelmäßig bei Ranckas an der Tür klingeln und "einmal gucken wollen".

Seit rund zehn Jahren führt Thomas Rancka gemeinsam mit seiner Frau Claudia das Familienunternehmen in dritter Generation. Als gelernter Toningenieur hatte er jahrelang eigene Tonstudios und hat Fernsehserien für RTL synchronisiert, bevor ihn sein Vater Heinz zum Einstieg bei "Rancka-Werbung" überreden konnte. 1945 wurde das Unternehmen als Werbeverlag gegründet und produzierte unter anderem Werbung für Litfass-Säulen. Später kam Werbespots für Kino und TV hinzu, in denen Thomas Rancka als Kind sogar selbst mitgespielt hat, zum Beispiel für "Voss-Margarine". Als ein befreundeter Schuhhändler kleine Geschenke für die Kinder seiner Kunden suchte, kamen die Ranckas auf die Idee mit den Zugabeartikeln. In den Anfangsjahren wurden diese für alle Altersgruppen angeboten, inzwischen hat sich Thomas Rancka auf Produkte für Kinder spezialisiert. Weil Kinder sich noch so unbeschwert freuen können. Weil sie auch an Kleinigkeiten großen Spaß haben. Und vielleicht auch ein bisschen, weil Kinder noch gerne zum Zahnarzt gehen.

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