Windparks

Prokon warnt 75.000 Anleger vor drohender Insolvenz

Um eine Insolvenz zu verhindern, sollen die Investoren vorläufig auf eine Kündigung der Genussscheine und die Auszahlung der Zinsen verzichten. Mit dem Vorgehen sorgt Prokon für Kritik.

Hamburg Diese Angabe ist nun wohl endgültig überholt: „Prokon zählt zu den erfolgreichsten Direktanbietern von Geldanlagen im Bereich erneuerbarer Energien“, heißt es auf den Internetseiten des Itzehoer Windparkbetreibers. Doch gleichzeitig warnt das Unternehmen, das nach eigenen Angaben bei rund 75.000 Anlegern knapp 1,4 Milliarden Euro über Genussrechte eingesammelt hat, jetzt vor der eigenen Insolvenz.

„Sollte es uns gemeinsam mit Ihnen, unseren Anlegern, nicht gelingen, die Liquiditätslage sehr schnell wieder zu stabilisieren, werden wir voraussichtlich Ende Januar gesetzlich gezwungen sein, eine Planinsolvenz wegen drohender Zahlungsunfähigkeit einzuleiten“, heißt es in einer Erklärung des geschäftsführenden Gesellschafters Carsten Rodbertus.

In dem offenen Brief werden die Anleger aufgefordert, schriftlich auf eine Kündigung der Genussrechte bis Ende Oktober 2014 zu verzichten, sich die fällig werdenden Zinsen nicht auszahlen zu lassen und sie stattdessen in neue Genussrechte anzulegen. Prokon setzt dafür eine Frist bis zum 20. Januar. Eine Insolvenz könne nur dann verhindert werden, wenn Anleger diesem Vorgehen für mindestens 95 Prozent des Genussrechtskapitals zustimmten oder wenn genügend frisches Geld eingehe.

Im vergangenen Jahr habe Prokon rund 130 Millionen Euro Genussrechtskapital zurückgezahlt, so Rodbertus. Weitere Kündigungen in Höhe von etwa 150 Millionen Euro würden bis Mitte Februar fällig. „Es ist absehbar, dass wir die Zahlungen in dieser Höhe nicht fristgerecht leisten können“, so der Firmenchef.

Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hat das Vorgehen von Prokon scharf kritisiert. „Auf die betroffenen Anleger wirken die aktuellen Verlautbarungen schlichtweg wie eine klassische Erpressung“, sagt DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler der „Bild am Sonntag“.

„Genussrechtsinhaber sollten nicht übereilt Veränderungen der Zahlungsmodalitäten zustimmen oder ihren Entschluss zur Kündigung vorzeitig revidieren“, sagt Andreas M. Lang, Vorstand der auf den Anlegerschutz spezialisierten Nieding+Barth Rechtsanwalts-AG. Die Geschäftszahlen – die Prokon-Gruppe hatte für das Jahr 2012 auf vorläufiger Basis einen Verlust von 171 Millionen Euro genannt – sprächen eine deutliche Sprache und die Genussrechtsinhaber müssten sich darüber klar sein, dass sie „im Falle des Falles leer ausgehen könnten“, so Lang.

Bereits am 16. Dezember hatte der Windparkbetreiber den Anlegern ein Schreiben mit der Bitte, die Zinsen für das zweite Halbjahr 2013 „zur Entspannung der Liquiditätslage“ im Unternehmen zu belassen, geschickt. Offenbar hatten zahlreiche Investoren dies als Warnsignal aufgefasst und ihre Genussrechte gekündigt.

Rodbertus macht dafür allerdings eine „seit Monaten andauernde Medienkampagne gegen Prokon“, die unter den Investoren Panik ausgelöst habe, verantwortlich. Seit Mai 2013 verweigert Prokon den Kontakt zu Medien – nach wiederholt negativen Berichten, wie es im Internetauftritt heißt.

Aus Sicht der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) ist die von Medien vorgebrachte Kritik jedoch berechtigt. In einer aktuellen Mitteilung mahnt die SdK eine höhere Transparenz an. In ähnlichem Sinne äußerte sich DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler. Er forderte Rodbertus auf, „anstelle mit Drohungen zu arbeiten, jetzt vertrauensbildend aufzutreten und endlich für Transparenz bei den Zahlen und dem Geschäftsmodell zu sorgen“. So lägen bis heute keine von einem Wirtschaftsprüfer testierten Zahlenwerke für den Konzern vor.

Auch Verbraucherschützer hatten wiederholt das Geschäftsmodell infrage gestellt und mangelnde Transparenz beklagt. „Wir warnen bereits seit Längerem vor den Risiken der Anlage in Genussrechten bei Prokon“, sagt Günter Hörmann, Chef der Verbraucherzentrale Hamburg. Im Jahr 2012 hatte das Oberlandesgericht in Kiel einer Klage der Verbraucherzentrale wegen unklarer Angaben zur Sicherheit der Geldanlage gegen ein Unternehmen der Prokon-Gruppe, die über Postwurfsendungen, TV-Spots und Plakate im öffentlichen Nahverkehr frisches Kapital einwirbt, stattgegeben. Das Unternehmen verspricht eine Verzinsung in Höhe von mindestens sechs Prozent.

Nach Einschätzung der SdK ist zu befürchten, dass infolge des jüngsten Appells von Prokon an die Investoren nun ein „Windhundrennen“ einsetzt und viele weitere Anleger ihre Genussrechte kündigen werden.

Carsten Rodbertus hatte Prokon im Jahr 1995 gegründet. Das Unternehmen betreibt nach eigenen Angaben gut 50 Windparks mit 314 installierten Windkraftanlagen in Deutschland und Polen. Weitere seien im Bau. Angesichts von rund 1300 Arbeitsplätzen – davon allein 500 in Itzehoe –, die auf dem Spiel stehen, will sich das schleswig-holsteinische Arbeitsministerium Anfang der Woche in Gesprächen mit dem Unternehmen über die Lage informieren. „Es geht darum, möglicherweise behilflich zu sein, eine Planinsolvenz zu verhindern“, sagte ein Ministeriumssprecher.