Reederei

„Börsengang 2014 für Hapag-Lloyd kaum realisierbar“

Aufsichtsratschef Jürgen Weber spricht über die Zukunft der Hamburger Reederei, selbstmörderischen Wettbewerb und seinen eigenen Antrieb im Alter von 72 Jahren.

Hamburg. Jürgen Weber stand als Chef und Aufsichtsratschef mehr als 20 Jahre an der Spitze der Lufthansa. Der Diplom-Ingenieur hat die einst staatliche Kranichlinie saniert, privatisiert und internationalisiert. Als Ratgeber und Kontrolleur saß er in zahlreichen Aufsichtsräten. Sein Rat ist heute noch gefragt. Als Vorsitzender im Aufsichtsrat von Hapag-Lloyd soll er die Traditionsreederei durch die Krise steuern. In unserer Reihe mit Schlüsselfiguren der Hamburger Wirtschaft spricht Jürgen Weber über Marktmacht, Milliardäre und gibt einen Ratschlag an die Enkel.

Hamburger Abendblatt:

Sie waren zwölf Jahre lang Chef der Lufthansa und zehn Jahre ihr Aufsichtsratsvorsitzender. Mit jetzt 72 Jahren sind Sie bis 2015 Chef im Aufsichtsrat von Hapag-Lloyd. Warum?

Jürgen Weber:

Ich wollte das eigentlich nicht. Es widersprach meiner Lebensplanung und den Absprachen mit meiner Frau. Aber Bürgermeister Olaf Scholz hat mich überzeugt, hat an meinen Patriotismus als Hamburger Bürger appelliert. Ich habe ihm am Ende gesagt, ich mache das für die Stadt unter zwei Bedingungen. Erstens: höchstens drei Jahre. Und zweitens: keine Interventionen laut Aktiengesetz und Corporate-Governance-Regeln durch die Anteilseigner an der Arbeit des Aufsichtsratsvorsitzenden.

Was hat Luft- mit Schifffahrt zu tun?

Weber:

Sehr viel. Beide sind stark von der Weltkonjunktur abhängig, von Krisen und Kriegen. Beide Industrien sind extrem kapitalintensiv mit relativ kleinen Gewinnspannen. Bei beiden ist das Wettbewerbsumfeld teilweise subventioniert von Staaten und Milliardären als Eigentümer, bei denen betriebswirtschaftliche Grundsätze nicht immer die größte Rolle spielen. Beide sind voll vom Strudel der Globalisierung erfasst. Wer nicht rechtzeitig handelt, hat keine Überlebenschance. Größe und Marktmacht spielen die entscheidende Rolle.

Wo führt das hin, wenn Größe zur alles beherrschenden Strategie wird?

Weber:

Es wird eine ganz gewaltige Konzentration stattfinden. Die Zahl der Containerreedereien wird wie die der Airlines drastisch sinken durch Übernahmen, Fusionen und Pleiten. Es geht in der Tat darum, so viel Marktmacht wie möglich zu erwerben, dass man am Ende auch Preise bestimmen kann – zum Beispiel gegenüber den Schiffbauern, anderen Lieferanten und im Markt.

Die Schifffahrtskrise dauert nun schon fünf Jahre? Wie geht es weiter?

Weber:

Ja, es findet ein selbstmörderischer Wettbewerb mit gewaltigen Überkapazitäten statt. Es sind viel zu viele Schiffe unterwegs. Gleichzeitig ist eine Flottenmodernisierung nötig, weil die Schiffe der neuen Generation bei Kosten und Umweltbelastung um 20 bis 30 Prozent besser sind. Die Aufgabe muss es also eigentlich sein, neue Schiffe nur als Ersatz für alte zu bestellen und darüber hinaus nur dann zusätzliche Kapazitäten zu schaffen, wenn sie dem Marktwachstum entsprechen.

Ein frommer Wunsch, im Moment sieht es genau anders aus.

Weber:

Ja, stimmt, man kann nicht viel gegen diesen betriebswirtschaftlichen Blödsinn machen. Man kann aber – wie in der Luftfahrt – dauerhaft nur überleben, wenn man zu den Besten gehört. Wenn ich unter den Top drei bin, dann muss ich keine Angst haben, dass es mich als Ersten erwischt. Wenn ich aber am Ende der Riege stehe, nicht so produktiv, nicht so schnell, nicht so pünktlich und mit zu hohen Personalkosten und Krediten belastet bin, dann gute Nacht. In beiden Branchen muss man warten können, bis die globale Wirtschaftslage besser wird.

Wo steht Hapag-Lloyd?

Weber:

Hapag-Lloyd gehört trotz der hohen Schulden zu den Besten, weil Mitarbeiter und Vorstand trotz des von ihnen nicht zu verantwortenden schwierigen Umfeldes einen guten Job gemacht haben und machen.

Der Stadt Hamburg gehören 36,9 Prozent von Hapag-Lloyd, Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne 28,2 und dem Reisekonzern TUI 22 Prozent. Wer eigentlich führt auf Eigentümerseite Regie? Was ist Ihr Auftrag, Herr Weber?

Weber:

Meine Aufgabe ist es, die Interessen der Anteilseigner zu koordinieren und umzusetzen zum Wohle der Firma. Das operative Geschäft führt selbstverständlich der Vorstand. Ich fühle mich als Koordinator und Ideengeber. Ich habe meine Erfahrungen und meine Visionen. Und die möchte ich in enger Abstimmung mit dem Vorstand und den Eigentümern vorantreiben.

Was meinen Sie genau?

Weber:

Ähnlich wie in der Luftfahrt muss es erstens gelingen, Allianzen wie die bestehende Kooperation G6 von Hapag-Lloyd weiterzuentwickeln. Es müsste, wie in der Luftfahrt, möglich sein, aus den Kooperationen auch auf der Ertragsseite viel mehr herauszuholen. Aber in der Schifffahrt haben Allianzen und Kooperationen nichts mit Preisgestaltung zu tun. Über Preise und über die Ertragsseite darf nicht gesprochen oder verhandelt werden. Sonst läge umgehend eine Klage aus Brüssel auf dem Tisch. Warum ist in der Luftfahrt möglich, was der Schifffahrt untersagt wird? Zweitens müssen wir als Hapag-Lloyd durch Zukäufe, Mergers und Übernahmen unseren Firmenkern vergrößern, um damit mehr Stärke im Einkauf und im Vertrieb zu erreichen.

Muss bei Fusionen und Übernahmen immer Hapag-Lloyd das Sagen oder die Mehrheit haben?

Weber:

Es müssen die Forderungen der Anteilseigner erfüllt werden. Hamburgs Interesse und Hamburgs Forderung zum Beispiel sind der Erhalt der Arbeitsplätze und die Zukunft des Hafens, dessen größter Kunde Hapag-Lloyd ist. Das hat Priorität.

Aber die Interessen der Anteilseigner sind höchst unterschiedlich?

Weber:

Es stimmt, bei der Stadt Hamburg ist das Wohl des Hafens vielleicht mehr von Interesse als bei der TUI. Auch gibt es Eigentümer, die vielleicht schneller als andere aus dem Engagement herauswollen.

Worin sind sich die Eigentümer denn überhaupt einig? Wo verläuft die gemeinsame große Linie?

Weber:

Sie alle wollen Hapag-Lloyd auf finanziell und bilanziell gesunde Beine stellen. Und alle wissen, dass wir die Wettbewerbsposition im Containerschifffahrtsmarkt durch Allianzen, Akquisitionen, Beteiligungen oder Fusionen auf globaler Ebene stärken müssen, weil alle wissen, dass nur dann ihre Anteile mehr Wert erhalten. Man ist sich auch einig, dass Hapag-Lloyd, sobald das Branchenumfeld und die eigene wirtschaftliche Lage stimmen, an die Börse gebracht werden soll.

Wenn es nach der TUI geht, soll das schon 2014 sein?

Weber:

Das kann man sich nur wünschen, ist aber wirtschaftlich und mit einem gerade beginnenden neuen Topmanagement kaum realisierbar. Der neue Vorstandsvorsitzende übernimmt das Amt zum 1.Juli 2014. Der Schifffahrtsmarkt zeigt nicht die Tendenz einer Wende zum Besseren. Zudem müssen erst die strategischen Maßnahmen bezüglich Allianzen, Beteiligungen oder Fusionen greifen. Das heißt: Synergien realisieren und damit Wertsteigerungen ausweisen.

Es scheint aber, dass TUI und Kühne ungeduldig werden. Auch die Stadt Hamburg ist mit etwa zwei Milliarden Euro bei Hapap-Lloyd im Boot. Geld der Steuerzahler, das nicht einmal eine Dividende erzielt. Was sind die Zukunftsszenarien?

Weber:

Alle sind sehr erfahren. Ich bin sicher, dass sie die notwendige Geduld aufbringen, um die richtige Entscheidung zu unterstützen.

Das hätte die Kanzlerin nicht diplomatischer formulieren können. Aber das Konsortium Albert Ballin, das Hapag-Lloyd für Hamburg und den Hafen retten sollte, ist gerade still und heimlich aufgelöst worden. Wieso?

Weber:

Das war vertraglich festgelegt.

Hapag-Lloyds Vorstandschef Michael Behrendt hat angekündigt, durch Zukäufe zu den großen Dreien der Branche aufschließen zu wollen. Mit der Reederei CSAV würden Gespräche geführt. Schadet nicht eine Fusion mit den Chilenen einer ja möglichen Wiederbelebung der Fusionsgespräche mit der Reederei Hamburg Süd, die auch in Lateinamerika stark ist?

Weber:

Art und Umfang der Zusammenarbeit sind doch gerade erst in der Diskussion. Man sollte die Eier nicht essen, bevor sie gelegt sind. Außerdem hoffe ich, dass diese Entwicklung für die Oetker-Familie Mahnung und Ansporn ist. Zu dritt wären wir noch stärker.

Herr Weber, Sie sind 72, sind Vater und Großvater, was treibt Sie eigentlich? Und was möchten Sie gern an die Enkel weitergeben.

Weber:

Nicht die Sehnsucht nach einer einsamen Insel oder sonst ein unerfüllter Traum. Ich möchte gesund bleiben, um viel Zeit für meine Frau, die Kinder und Enkel zu haben, um Zeit zu haben für Reisen, Ski und Golf. Weitere Ambitionen treiben mich nicht. Jedoch was ich mache, tue ich mit vollem Einsatz. Für Hapag-Lloyd soll es sich lohnen. Aber meine Mandate gebe ich Schritt für Schritt ab. Und was an die Enkel weitergeben? Ein Gefühl für Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, aber auch für die richtige Einschätzung der eigenen Person und: bei allem Humor bewahren und nie den Mitmenschen vergessen.