Eine besondere Unternehmerin

Agnieszka Meier ist von Geburt an spastisch gelähmt. Gegen viele Widerstände hat sie sich selbstständig gemacht. Mit dem Fahrdienst Fliegende Rollis.

Als Agnieszka Meier ein kleines Mädchen war, wollte sie Tierärztin werden. Weil sie sich gerne um Tiere gekümmert hat, gut mit ihnen umgehen konnte. Mit ihrem Hund Lessie und den Pferden ihrer Oma. Damals wusste Agnieszka Meier noch nicht, dass sie niemals Tierärztin werden kann. Weil sie ein wenig anders ist. Aber niemand sagte es ihr.

Später, als Agnieszka Meier ein junges Mädchen war, wollte sie Näherin werden. Nicht, weil sie gerne schneidert oder gut nähen kann. Sondern weil sie inzwischen gemerkt hat, dass sie anders ist. Behindert. So schwer behindert, dass sie niemals Tierärztin werden kann. So schwerbehindert, dass sie keinen anderen Weg sieht als die Ausbildung zur Näherin auf einer Behindertenschule. Dass sie auch andere Möglichkeiten hat, weiß sie damals nicht. Doch diesmal sagt es ihr jemand, ihre Ärztin. Jemand, der ihre Intelligenz erkennt und ihr Mut macht. Mut, ihren Weg zu gehen. Abi zu machen, zu heiraten, zu studieren und ein eigenes Unternehmen zu gründen. Trotz der Behinderung. Oder gerade deswegen.

Dies ist die Geschichte einer außergewöhnliche Frau. Eine Frau, die spastisch gelähmt ist und im Rollstuhl sitzt. Die eine Sprachstörung hat, aber ihre Geschichte erzählen will. Um anderen Betroffenen Mut zu machen. Um zu zeigen, dass man sich auch als Behinderte selbstständig machen kann. Dass man einen Fahrdienst für Behinderte gründen kann. Dass man mit Banken verhandeln und einen Kredit aufnehmen kann. Dass man Mitarbeiter einstellen und mit Kunden Kontakt haben kann. Es ist eine Geschichte voller gesellschaftlicher Tabus. Aber auch voller Mut und Offenheit. Es ist eine Geschichte, die erzählt werden muss, auch wenn einige sie vielleicht nicht hören wollen. Weil sie das Thema vielleicht „belastet“. Weil sie Behinderte lieber in Parallelwelten sehen. In Behindertenwerkstätten oder Sonderschulen.

Die Geschichte von Agnieszka Meier beginnt vor 39 Jahren in Polen. Als sie im siebten Monat geboren wird, viel zu früh. Es kommt zu Komplikationen. Sauerstoffmangel. Ein einziges Wort für unendliches Leid. Es ist das Jahr 1974. Die dritte Novelle des Bundessozialhilfegesetzes wird verabschiedet. Danach haben alle Menschen mit Behinderung Anspruch auf Eingliederungshilfe oder Hilfe zur Pflege; dazu gehören auch Hilfsangebote unabhängig von Einkommen und Vermögen. Doch Agnieszkas Eltern wissen nicht, dass ihr Kind behindert ist. Noch nicht. Das merken sie erst später. Als andere Babys zu krabbeln anfangen – aber Agnieszka nicht. Als andere Kleinkinder sitzen können – aber Agnieszka nicht. Als andere Kinder die ersten Schritte machen – aber Agnieszka nicht. Zwei Jahre dauert es, dann muss die Familie das Unglaubliche glauben. Ihre Tochter ist behindert. Schwerbehindert. So steht es im Personalausweis. Aber Agnieszka Meier mag das Wort nicht. „Weil es so negativ besetzt ist“, sagt sie. Weil es Vorurteile erzeugt. Und Mitleid. Aber Agnieszka Meier will kein Mitleid. „Ich bin anders. Aber ich lebe nicht anders.“ Der Satz macht nachdenklich, sprachlos.

Wenn Agnieszka Meier heute über ihre Kindheit spricht, sagt sie, dass sie damals glücklich war. Dass alles „normal“ war. Dass sie auf einer normalen Schule war, normale Freunde hatte. „Ich habe nie gespürt, dass ich behindert bin“, sagt sie. Ihr ist wichtig, dass sie keine Krankheit hat – sondern einen „Zustand“. Ein Zustand, der mal besser und mal schlechter ist. Aber nie so schlecht, dass sie nicht arbeiten kann. „Ich bin da, wenn es kein anderer Fahrdienst mehr ist. Weihnachten, nachts“, sagt sie. Stolz. Weil ihr Fahrdienst einzigartig ist. Weil sie selbst ein „Handicap“ hat, wie es heute politisch korrekt heißt. Weil sie selbst ihr Leben lang darauf angewiesen war, von anderen gefahren zu werden. Erst von ihren Eltern, Großeltern. Freunden. Dann von Fremden. Von Fremden, für die sie nur ein Kunde ist. Jemand, der transportiert werden muss. Zur Schule, zum Arzt. Und häufig ins Krankenhaus.

Im Krankenhaus lernt sie Deutsch. Im Krankenhaus ist sie zu Hause, als sie nach Deutschland kommt. Es ist das Jahr 1989. In Polen finden die ersten demokratischen Parlamentswahlen statt, und in Deutschland kommt es zu massiven Protesten gegen den Auftritt des „Euthanasie“-Philosophen Peter Singer, der die Tötung Schwerstbehinderter forderte. Seine These: Schwerstbehinderte Neugeborene seien „bis zu einem Monat nach der Geburt nicht als Menschen zu betrachten, die ein Recht auf Leben haben“. Agnieszka Meier will damals eigentlich nur ihren Vater in Hamburg besuchen. Doch dann muss sie ins Krankenhaus. Aus ihrem Besuch wird ein Aufenthalt. Aus Wochen werden Monate. Jahre. Ihr Leben. Ein Leben mit Operationen, Rehabilitationen. Noch mehr Operationen, noch mehr Rehabilitationen. „Ein Segen“, sagt Agnieszka Meier. Ein Segen? „Ja, weil ich in Deutschland Möglichkeiten hatte, die ich als Behinderte in Polen nie gehabt habe.“ Möglichkeiten, einen anerkannten Hauptschulabschluss nachzumachen, den Realschulabschluss.

Es ist das Jahr 1994. Im Deutschen Bundestag wird das Grundgesetz ergänzt: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Agnieszka Meier geht zur Handelsschule, wird täglich um 6 Uhr abgeholt, damit sie um 8 Uhr in der Schule ist. Es ist das erste Mal, das sie einen Fahrdienst für Behinderte kennenlernt, in Polen gab es so was nicht. Es ist das erste Mal, dass sie unabhängig von ihren Eltern ist. Sie macht Abitur, studiert BWL. Zahlen liegen ihr. Zahlen sind ihre Zukunft. Weil sie auch vom Rollstuhl aus rechnen kann. „Irgendwann kommt der Punkt im Leben, da musst du dich fragen, was du kannst – und was nicht“, sagt Agnieszka Meier nüchtern. So ist das eben! „Soll ich deswegen heulen?“

Sie macht das Grundstudium, absolviert Praktika bei Beiersdorf und British American Tobacco. Ihr Lebenslauf gleicht dem anderer BWL-Studenten – und ist doch anders. Denn Agnieszka Meier ist eine der Ältesten, Ende 20. Es ist das Jahr 2002: In Deutschland tritt das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft. Es soll eine Benachteiligung von Menschen mit Behinderung beseitigen. Damit soll die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Leben in der Gesellschaft gewährleistet und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung ermöglicht werden. Betroffen davon sind zehn Millionen Menschen mit Behinderungen.

Agnieszka Meier liebt Statistiken. Aber sie hasst es, Teil dieser Statistiken zu sein. Dieser Statistiken über Behinderte. Statistiken wie diese: Behinderte zwischen 25 und 45 Jahren sind häufiger erwerbslos als Nichtbehinderte. Rund 70 Prozent der behinderten Menschen in dieser Altersklasse arbeiten – bei Gleichaltrigen ohne Behinderung sind es 88 Prozent. Von den schwerbehinderten Arbeitslosen haben knapp 60 Prozent einen Studien- oder Berufsabschluss – von den nicht schwerbehinderten Arbeitslosen waren es 55 Prozent. Agnieszka Meier kennt die Zahlen. Aus Berichten. Und aus eigener Erfahrung. Denn obwohl sie selbst nach dem Grundstudium auf Initiative des Arbeitsamtes eine Ausbildung als Versicherungskauffrau gemacht und gearbeitet hat, wird ihr Vertrag nach zwei Jahren nicht mehr verlängert. Sie wird arbeitslos. Sie wird Teil der Statistik.

Arbeitslos. Hoffnungslos. Sinnlos. Für Agnieszka Meier hängt das alles zusammen. Weil Arbeit für sie mehr ist, als Geld zu verdienen. Weil Arbeit ihrem Leben Sinn gibt. Hoffnung. Mut. Bestätigung. Doch obwohl sich der Arbeitsmarkt in dieser Zeit erholt und die allgemeine Arbeitslosenquote von 8,1 Prozent im Jahr 2009 auf 6,8 Prozent im Jahr 2012 zurückgeht, profitiert Agnieszka Meier nicht davon. Profitieren Behinderte nicht davon. Ihre Arbeitslosenquote liegt in den Jahren 2010 und 2011 bei 14,8 Prozent. „Irgendwann wusste ich, dass es nicht besser wird. Dass ich keine Chance auf dem Arbeitsmarkt mehr habe“, sagt Agnieszka Meier. Weil sie immer älter, ihr Zustand immer schlimmer wird. Sie ist vielleicht arbeitslos, aber nicht tatenlos. Wenn sie von anderen keinen Job bekommt, dann muss sie sich selbst einen geben. Dann muss sie selbst ein Unternehmen gründen. In einer Branche, die fast niemand so gut kennt wie sie: Fahrdienste für Behinderte. Fliegende Rollis soll das Unternehmen heißen. Weil Agnieszka Meier Rollstuhlfahrern Flügel verleihen will. Flexibilität. „Sie sollen fliegen lernen.“

Ein kleines Unternehmen zu gründen geht schnell und ist nicht schwer. So steht es auf der Seite des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Doch für Agnieszka Meier war es fast unmöglich. Weil sie einen Taxiunternehmerschein machen muss – aber keinen rollstuhlgeeigneten Anbieter findet. Weil sie einen Kredit für Anschaffung und Umbau der Fahrzeuge braucht – aber von der Bank abgewiesen wird. Und weil die Leute sie für verrückt halten. „Die haben alle ganz schön doof geguckt“, sagt Agnieszka Meier. Sie hat es trotz Bedenken, Warnungen und gegen Widerstände geschafft. Sie hat den Taxiunternehmerschein im Fernlehrgang gemacht und mithilfe der Bürgschaftsgemeinschaft Hamburg GmbH einen Kredit bekommen.

Schwerbehindert und Unternehmer? Das scheint ein Widerspruch zu sein. Ein scheinbar unüberwindbares Paradoxon. Oder? Nachfrage beim Integrationsamt in der Hamburger Straße. Dieses fördert und sichert die Eingliederung von circa 30.000 schwerbehinderten Menschen in die Arbeitswelt und bietet unter anderem Beratung sowie finanzielle Unterstützung für schwerbehinderte Existenzgründer in Hamburg an. Jedes Jahr lassen sich dort weniger als zehn Betroffene bezüglich einer Selbstständigkeit beraten, in diesem Jahr hat nicht einer von ihnen aber tatsächlich einen Businessplan eingereicht und einen Zuschuss beantragt. Auch der Handwerkskammer ist derzeit kein einziger behinderter Existenzgründer bekannt, bei der Handelskammer sind es zwei. Eine davon ist Agnieszka Meier. Agnieszka Meier, die den Start ihres Unternehmens so penibel vorbereitet wie andere den Börsengang. Sie beantragt einen Existenzgründungszuschuss beim Arbeitsamt, lässt Visitenkarten sowie Flyer drucken, kontaktiert Behindertenverbände und Arztpraxen. Am 1. Februar geht ihr Unternehmen an den Start. Mit drei Fahrzeugen und einem Fahrer. Aber keinem einzigen Kunden. Es ist das Jahr 2011: In Deutschland leben 3,27 Millionen schwerbehinderte Menschen im erwerbsfähigen Alter. Das sind 230.000 (acht Prozent) mehr als noch 2007. Bis zum Jahr 2021 wird die Zahl infolge der demografischen Entwicklung auf geschätzte 3,4 Millionen ansteigen.

Erst nach sechs Monaten hat Agnieszka Meier einen festen Kundenstamm. Die Konkurrenz im Fahrdienst ist groß, Agnieszka Meier noch unbekannt. Es sind Monate voll Angst. Frust. Existenznot. Denn der Kredit muss monatlich getilgt werden – auch wenn die Einnahmen ausbleiben. Der Lohn des Fahrers muss gezahlt werden, die Kfz-Versicherung und der Sprit – auch wenn es keine Kunden gibt. Agnieszka Meier betreibt das Unternehmen in ihrer Wohnung in Mümmelmannsberg. Zwei Zimmer, 52 Quadratmeter. Ein Büro gibt es nicht, nur einen Computer und ein Telefon. Agnieszka Meier probiert, alles selbst zu machen. Die Internetseite, die Planung, die Buchhaltung. Nur für die Werbung holt sie sich Hilfe – und macht den größten Fehler ihres Lebens, wie sie später sagt. Sie verlässt sich auf die Versprechungen eines selbst ernannten Werbefachmannes, finanziert eine teure Werbestrategie – und hat am Ende nichts. Nur noch mehr Schulden. „Wenn meine Eltern und Freunde mir nicht geholfen hätten, wär es das gewesen“, sagt sie.

Fast ein Jahr lang dauert es, bis sich Agnieszia Meier von der Fehlinvestition erholt. Bis sich die Fliegenden Rollis auf dem Markt etablieren. Es ist das Jahr 2013: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ruft das Jahr gegen die Diskriminierung behinderter Menschen aus. Agnieszka Meier hat inzwischen 200 Kunden und beschäftigt vier Festangestellte sowie vier Aushilfen. Klingt nach dem Ende der Geschichte. Ist es aber nicht. Denn Agnieszka Meier steht noch am Anfang, das weiß sie. „Und jeder Anfang ist schwierig“, sagt sie. Inzwischen kann sie selbst zwar von dem Geschäft leben, große Möglichkeiten hat sie aber nicht. Noch nicht. „Ich bin erst zufrieden, wenn der Kredit abgezahlt ist und ich genug Geld für neue Investitionen habe.“ Für noch mehr Autos meint sie, noch mehr Fahrer. Um noch mehr Menschen befördern zu können. Helfen zu können.

Denn für Agnieszka Meier sind ihr die Fliegenden Rollis nicht nur ein Fahr- und Transportdienst, sondern auch ein Selbsthilfeservice, in dem Behinderte für Menschen mit Behinderung aktiv werden, damit diese so gut es geht ihr eigenes Leben in die Hand nehmen können. „Mobil sein – dabei sein“, steht auf der Internetseite von Fliegende Rollis. Deswegen gibt es bei Agnieszka Meier im Gegensatz zu vielen Konkurrenten auch keine Feiertagszuschläge. Weil man an diesen Tagen schließlich auch nicht mehr Geld hat als sonst, findet sie. Sie weiß selbst, über wie wenig Geld Behinderte oft verfügen. Vor allem, wenn sie keinen Job haben, auf finanzielle Hilfe angewiesen sind.

„Fahrten zum Arzt oder zur Krankengymnastik können direkt mit den Krankenkassen abgerechnet werden, private Fahrten nicht“, sagt Agnieszka Meier. Sie weiß selbst, wie schnell die Beförderungspauschale aufgebraucht ist, wenn man mal ins Kino will oder sich mit Freunden treffen möchte – und das mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht geht, weil Bus und Bahn oftmals nicht rollstuhlgerecht sind. Agnieszka Meier winkt ab – das ist eine andere Geschichte. Sie hat keine Zeit mehr zum Reden, muss zurück ins Büro, in ihre Wohnung. Sie muss Touren planen, Fahrer kontaktieren. Ihr Telefon klingelt ununterbrochen, die Nachfrage vor Weihnachten ist riesig. Mit dem Handy in der Hand verabschiedet sie sich, Richtung Jungfernstieg. Sie will die U-Bahn nehmen, ihre Fahrer sind alle im Einsatz. Es ist Dezember 2013: In Hamburg gibt es 3344 arbeitslose Menschen mit Behinderung. So die Statistik. Agnieszka Meier gehört nicht mehr dazu.

Irgendwann später, in ein paar Jahren vielleicht, möchte Agnieszka Meier Chefin eines mittelständischen Unternehmens sein. Weil sie es kann. Das muss man ihr nicht mehr sagen, das weiß sie heute selbst.