Auf dem Weg zur vernetzten Stadt

Hamburg konkurriert mit Berlin um prestigeträchtiges Forschungsprojekt Smart City des US-Informationstechnologie-Konzerns Cisco Systems

Hamburg. Wim Elfrink ist in der vernetzten Zukunft längst angekommen. Ins Büro, sagt der Chief Globalisation Officer des US-Konzerns Cisco Systems, „gehe ich, um Leute zu treffen, aber nicht, um mit meinem Computer zu arbeiten. Das kann ich ja an jeder Stelle der Welt tun.“ Daheim wiederum gelte für seine minderjährigen Kinder: „Kein Facebook in meinem Haus.“ Man müsse unter Kontrolle behalten, was der Nachwuchs wie und wo tue. Da seien soziale Netzwerke im Internet nicht immer der richtige Aufenthaltsort.

Elfrink muss es wissen. Cisco Systems ist eines der weltweit führenden Unternehmen der Informationstechnologien, der führende Ausrüster vor allem für Computernetzwerke und vernetzten Datenaustausch. Es ist durchaus erheiternd, was Elfrink, einer der einflussreichsten Manager seiner Branche, im Hamburger Rathaus erzählt. Doch sein Vortrag hat vor allem eine ernste Botschaft: „Städte verbrauchen 75 Prozent aller Energie, sie sind verantwortlich für 80 Prozent aller Emissionen von Treibhausgasen“, sagt Elfrink. „Deshalb muss man bei der Entwicklung der Städte ansetzen, wenn man so effektiv wie möglich Energie und Wasser einsparen, wenn man Emissionen aller Art senken will.“

Der Vortrag des aus den Niederlanden stammenden Managers ist ein Blick in die Zukunft inmitten von Tradition und Vergangenheit. Eingerahmt von schweren Holzvertäfelungen und Velourstapeten im Phönixsaal, hören ihm gut 40 Vertreter der Hamburger Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu, darunter Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos), Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD), Garabed Antranikian, Präsident der Technischen Universität Hamburg-Harburg, Siemens-Manager Michael Westhagemann, der unter anderem auch Vorstandsvorsitzender des Industrieverbandes Hamburg ist. Elfrinks Auftritt dient weniger der nachmittäglichen Fortbildung, sondern der Anbahnung eines für Hamburg wichtigen Geschäfts. Mit einer Reihe von Städten weltweit betreibt Cisco Systems sogenannte Smart-City-Projekte. Es geht darum, mithilfe von Sensoren, modernen Netzen und Datenmanagement Verkehrsströme besser zu planen und zu lenken, Energie bei der öffentlichen Straßenbeleuchtung einzusparen oder ganze Fahrzeugparks für die Abfallwirtschaft und die Stadtreinigung zu verringern. Das nächste große Projekt, ein Forschungszentrum mit dem Namen Cisco Center of Innovation, will der Konzern in Hamburg aufbauen – oder aber in Berlin.

Hamburg bietet eine weitaus komplexere und stärkere Wirtschaft als die Hauptstadt. Aber in Berlin sitzen die Regierung und alle einflussreichen Lobbyisten, auch das ist für einen Konzern wichtig. Entschieden wird darüber voraussichtlich im Februar, das hatte Elfrink vor der Konferenz bereits Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) gesagt. Es geht um die Ansiedlung von zunächst 30 bis 40 hochkarätigen Experten und Wissenschaftlern aus den Informationstechnologien, um die Vernetzung vieler Technologieunternehmen am Standort, vor allem aber um die Realisierung von Pilotprojekten, die nicht nur den beteiligten Unternehmen nützen, sondern auch der Stadt.

Für Hamburg hätte ein solches Zentrum hohen Prestigewert. Die Hansestadt ist einer der führenden deutschen Standorte der Informationstechnologien, wirbt damit aber kaum. Ein Cisco-Zentrum für Smart Citys wäre höchst willkommen – erst recht, wenn Hamburg dabei Berlin ausstechen könnte. „Berechnungen sagen, dass im Jahr 2050 6,3 Milliarden Menschen weltweit in den großen Städten leben werden“, sagte Senator Horch. „Wir müssen uns deshalb schon heute fragen, wie wir damit umgehen werden und wie wir diese Chancen und Herausforderungen bewältigen wollen. Wir müssen Antworten auf die Fragen nach Mobilität, öffentlicher Infrastruktur, Service, Energieverbrauch, Schadstoffausstoß und Lebensqualität finden.“

Hamburg hat bereits Pilotprojekte mit Cisco Systems und anderen Partnern begonnen. Vor allem der Hafen dient zunächst als Testlabor, mit Projekten zur Verkehrslenkung. „Die HPA hat sich zum Ziel gesetzt, den Hamburger Hafen in den nächsten Jahren zum ,smart port‘ zu entwickeln“, sagte HPA-Chef Jens Meier. „Smart steht für intelligenten Informationsaustausch, um die Qualität und die Effizienz des Hafens als wichtigen Teil der Lieferkette zu erhöhen. Je besser, feinmaschiger und enger vernetzt das Nervensystem des Hafens ist, desto schneller erspürt es potenzielle Störungen und kann diese Informationen weiterleiten.“

Lastwagen- oder Autofahrer können an Anzeigentafeln im Hafen heute bereits Hinweise auf größere Verkehrsbehinderungen im Vorbeifahren sehen. Das Informationsangebot soll in den kommenden Jahren deutlich verfeinert werden. Die vier Verkehrszentren für die Elbe, die Straßen, Schienen und beweglichen Bauten wie Schleusen oder Klappbrücken sollen zu einen Zentrum vereint werden. Jedes Verkehrsobjekt im Hafen wird künftig erfasst, und jeder Verkehrsteilnehmer kann dann auch die für ihn wichtige Verkehrslage im Detail sehen. „Auf diese Weise können Lastwagen in Zukunft viel schneller auf freie Parkplätze im Hafen geleitet werden werden. Per App auf dem Smartphone oder Computer lassen sich dann auch die Parkgebühren sicher abbuchen“, sagt Meier. In europäischen Städten wie Nizza sammelt Cisco bereits Erfahrungen. Straßenleuchten werden gedimmt, wenn nachts viele Autos für Licht sorgen. Die Stadtreinigung fährt nur noch Müllcontainer an, die voll sind. Die Polizei muss keine Knöllchen mehr per Fußstreife verteilen.

Dennoch wird es ein weiter Weg bis zur völlig vernetzten Stadt sein, allein wegen der Fragen zur Sicherheit von immer mehr Bewegungsdaten. Die Antworten, die Cisco-Manager Elfrink darauf gab, waren noch nicht wirklich ausreichend: „Es muss zweifelsfrei klar sein, dass Datenmissbrauch ein Verbrechen ist“, sagte Elfrink. „Der Gesetzgeber muss darauf bessere Antworten finden, auch die Technologieanbieter. Die Nutzer müssen letztlich disziplinierter darauf achten, welche persönlichen Daten sie ins Netz stellen.“ So, wie er es bei seinen Kindern hält.