Unilevers Salamitaktik

Bifi passt nicht mehr in Strategie des Konsumgüterkonzerns mit Deutschland-Sitz in Hamburg. Betriebsrat ist alarmiert

Hamburg. Erst Dextro Energy, Livio und Iglo – nun Bifi, die Minisalami: Der Konsumgüterkonzern Unilever treibt den Ausverkauf seiner traditionsreichen, lokalen Marken voran. Nach Informationen des Abendblatts ist das britisch-niederländische Unternehmen mit Deutschland-Sitz in Hamburg aktuell auf der Suche nach einem Käufer für die Salamimarke (Werbespruch „Bifi muss mit“), die schon seit mehr als 40 Jahren zum Konzern gehört. Es soll bereits Gespräche mit mehreren Interessenten geben.

Unternehmenssprecher Konstantin Bark wollte sich zu den Informationen am Dienstag nicht äußern. Man kommentiere grundsätzlich keine Marktgerüchte, erklärte er.

Betriebsrat sieht geplanten Verkauf von „Kultmarke“ Bifi als schweren Fehler

Nach Einschätzung von Arbeitnehmervertretern ist die Trennung von der Marke aber bereits beschlossene Sache. „Unilever plant den Verkauft von Bifi“, sagt der Vorsitzende des Eurobetriebsrats von Unilever, Hermann Soggeberg, dem Abendblatt. Offensichtlich gehe die Ausrichtung des Konzerns jetzt immer mehr weg von den lokalen, hin zu den großen, am besten weltumspannenden Marken. Dabei habe das Unternehmen mit Bifi über Jahrzehnte hinweg gute Geschäfte gemacht. „Bifi ist Kult“, so Soggeberg. „Der Verkauf wäre ein schwerer Fehler.“

Von der Abspaltung von Bifi wären in Deutschland mehr als 400 Mitarbeiter betroffen, die zum überwiegenden Teil bei der Unilever-Tochter Schafft im fränkischen Ansbach arbeiten. Auch in Hamburg würden im Falle eines Verkaufs eine Reihe von Arbeitsplätzen wegfallen, da in der Zentrale in der HafenCity derzeit das Marketing für Bifi beheimatet ist.

„Statt den Verkauf von Bifi voranzutreiben, sollte Unilever lieber nachhaltige Strategien zur Erhaltung und zum Ausbau der Marke und des Standortes erarbeiten“, kritisiert der Betriebsratsvorsitzende Soggeberg. Das Werk in Ansbach sei einer der wenigen Standorte der fleischverarbeitenden Industrie, die nicht Lohndumping über Werkverträge mit Wanderarbeitern aus Osteuropa betreibe, wie es in der Branche leider oft üblich sei.

Für Insider kommt der Schritt des Konsumgüterkonzerns allerdings nicht überraschend. Denn Unilever ist schon seit mehr als zehn Jahren dabei, das eigene Markenportfolio zu bereinigen. Dabei stehen all jene Marken auf dem Prüfstand, die wie Bifi nur im deutschsprachigen Raum oder europaweit, nicht aber weltweit funktionieren.

Wachstum erzielt Unilever heute vor allem in Amerika und Asien

Einen regelrechten Kahlschlag erlebten die deutschen Mitarbeiter vom Jahr 2000 an, als Unilever beschloss, seine bis dahin 1600 Marken auf nur noch 400 zu konzentrieren und alle Kraft auf deren Wachstum zu setzen. Marken wie Dextro Energy, Intermezzo, Bistro, Livio, Palmin, Biskin, die gesamte Parfümsparte sowie die Deutsche See, der Marktführer für Fisch und Meeresfrüchte, wurden verkauft – ebenso der Tiefkühlspezialist Iglo, der heute unter dem Eigentümer Permira kräftige Gewinne einfährt.

Geblieben sind Knorr-Suppen, Langnese-Eiscremes und die immer wichtigere Körperpflegesparte mit Marken wie Dove oder Axe, die nicht nur in Europa, sondern auch in den asiatischen und südamerikanischen Wachstumsmärkten funktionieren.

Schaut man auf die Wachstumszahlen des Konzerns, dann geben diese dem amtierenden Unternehmenschef Paul Polman und seinen Vorgängern recht. Im vergangenen Jahr knackte der weltweit drittgrößte Konsumgüterkonzern hinter Nestlé und Procter & Gamble erstmals die 50-Milliarden-Euro-Marke beim Umsatz, der Gewinn legte um sieben Prozent auf 4,9 Milliarden Euro zu. Zwischen den Jahren 2010 und 2020 hat sich Polman nicht weniger als eine Verdopplung des Umsatzes vorgenommen. Und dies ist aus seiner Perspektive mit einer Konzentration auf das eher wachstumsschwache Geschäft in Europa nicht möglich.

Aus Sicht der Arbeitnehmervertreter aber führt der Fokus auf die Schwellenländer und auf die Körperpflegesparte dazu, dass der Konzern sein eigentliches Kerngeschäft mit Lebensmitteln in Europa vernachlässigt. Dafür sei der Fall Bifi nur ein Beispiel, meint der Betriebsratsvorsitzende Soggeberg. „In den letzten Jahren wurde der Lebensmittelbereich insgesamt nicht ausreichend finanziell unterstützt“, kritisiert er. Das treffe besonders auch auf die traditionsreichen Margarinemarken Becel, Rama, Flora und Lätta zu.

Allein seit 2010 hat Unilever in Europa acht Werke unter anderem in Spanien, Großbritannien und den Niederlanden geschlossen, was nach Angaben der Arbeitnehmervertreter mehr als 4000 Arbeitsplätze gekostet hat. Auch in der Hamburger Zentrale gingen in diesem Jahr zig Stellen wegen des Sparkurses verloren.

Immer wieder habe der Eurobetriebsrat Konzernchef Polman eingeladen, um Alternativen zu dem Stellenabbau auszuloten, sagt Soggeberg. Doch dieser habe stets abgelehnt. „Statt mit uns zu diskutieren, führt Polman leider den eingeschlagenen Weg der Restrukturierungen und der Entlassungen fort.“