Esso baut sein Tankstellennetz aus

Mineralölkonzern plant die Übernahme weiterer Stationen – auch in Hamburg. Forschungen an Biokraftstoff aus Algen

Hamburg. Blauer Anzug, rote Krawatte, etwas längere Haare. Wenn Henning Feller in der Esso-Zentrale in Hamburg über das Thema Tankstellen spricht, hat er ein Ziel: Der US-Konzern ExxonMobil soll mit seinem Tankstellennetz in Deutschland und damit auch in Hamburg weiter wachsen. „Nachdem wir uns zwischen 2005 und 2010 von rund 120 zu kleinen und nicht rentablen Tankstellen getrennt haben, fühlen wir uns jetzt gut aufgestellt, um weitere profitable Stationen zu übernehmen“, sagt der Tankstellenchef von Esso, der nach dreieinhalb Jahren in Hamburg demnächst in die Europazentrale des Konzerns in Brüssel wechselt.

Derzeit betreibt das Unternehmen, das seinen Deutschlandsitz in der Hansestadt hat, mehr als 1000 Stationen, davon 26 in Hamburg. Obwohl der Mineralölabsatz seit Jahren sinkt, hat Esso zwischen 2012 bis Mitte diesen Jahres bundesweit rund 20 weitere Tankstellen übernommen. Damit habe das Unternehmen auch volumenmäßig zugelegt, während der Gesamtmarkt rückläufig war. Die Gründe für die Wachstumsinitiative liegen auf der Hand. Seit Jahren reduziert sich der Mineralölabsatz in Deutschland unter anderem wegen sparsamerer Automotoren. Allein innerhalb der vergangenen 17 Jahre schrumpfte er von 130 auf 108,4 Millionen Tonnen oder durchschnittlich um etwas mehr als ein Prozent pro Jahr. „Die Torte, die es zu verteilen gibt, wird kleiner“, sagt Feller.

Die Eröffnung weiterer Stationen solle unter anderem sicherstellen, dass das Tortenstück, das dem jährlichen Absatz von Esso entspricht, von der Menge her steigt oder wenigstens nicht kleiner wird. Ein weiterer Grund für den schrumpfenden Markt ist laut Feller, dass das eigene Auto bei jungen Menschen als Statussymbol ausgedient hat. „Sie brauchen kein eigenes Fahrzeug mehr, sind aber auf Mobilität angewiesen. Deshalb ist Esso kürzlich eine Kooperation mit der Online-Mitfahrzentrale flinc eingegangen“, sagt er. Bei flinc können Fahrer und Mitfahrer über eine App herausfinden, wer zum Beispiel an einem Tag von Hamburg nach München fahren möchte. Die potenziellen Mitfahrer können sich beim Autobesitzer bewerben.

Eine Kurzstrecke kostet laut flinc die Fahrgäste sieben Cent pro Minute, bei einer längeren Fahrt werden die Kosten meist geteilt. In Hamburg ist der Treffpunkt einer Fahrt oft eine Esso-Tankstelle. Flinc selbst verdient übrigens keinen Cent an der Vermittlung von privaten Fahrten. Das Unternehmen finanziert sich über Firmenkunden wie den Outdoor-Ausrüster Vaude, Procter & Gamble oder Marc O’Polo.

„Wir lernen aus solchen Entwicklungen, haben aber auch noch Spaß am Tankstellengeschäft. Allein in den vergangenen sechs Monaten haben wir fünf Stationen eröffnet“, sagt Feller, der auch in Hamburg Tankstellen im Visier hat. Schließlich läuft das Geschäft momentan gut. Pro verkauftem Liter Sprit verdienen die Konzerne angeblich zwischen einem und 1,5 Cent. Warum ist dann der Benzinpreis so hoch? „1972 haben die Deutschen drei Minuten arbeiten müssen, um einen Liter Benzin zu bezahlen. Heute arbeiten sie auch drei Minuten dafür“, sagt Feller. Bezüglich der Spritkosten und des Lohngefüges habe sich nichts verändert. Der Benzinpreis werde vom Markt geregelt. „Das Auf und Ab der Preise belegt, dass die Konkurrenz groß ist.“

Den Wachstumswünschen von Esso sind allerdings Grenzen gesetzt. Nachdem BP und Aral 2002 fusionierten und danach die ehemalige Kette Dea von Shell übernommen wurde, kann Esso als Deutschlands drittgrößtes Tankstellenunternehmen nur noch gebremst zulegen. Denn das Bundeskartellamt hat verfügt, dass die drei größten Anbieter im Land höchstens einen Marktanteil von 50 Prozent haben dürfen. Der Marktanteil von Esso beträgt acht Prozent. Außerdem wollen auch der Marktführer Aral und die Nummer zwei Shell weiter wachsen.

Jede zweite Esso-Tankstelle gehört einem selbstständigen Betreiber, der sich für den Konzern als Lieferanten entschieden hat. „Der Vorteil der Eigentümer ist, dass sie wissen, welches Sortiment ihre Kunden im Shop oder in der Gastronomie wollen“, so Feller. Während in Bayern eine Leberkäse-Semmel verlangt würde, sei in Hamburg die Currywurst der Renner. Eine Besonderheit bei Esso ist, dass rund 200 Tankstellen vom Unternehmen selbst geführt werden. Andere Anbieter, wie etwa jede dritte Tank&Rast-Station an der Autobahn, beziehen nur die Kraftstoffe von Esso und besitzen selbst die Preishoheit. Da ihm bei größeren Geschäften durch die Wettbewerbsbehörde die Hände gebunden sind, setzt Feller weiterhin auf selbstständige Händler, die von anderen Konzernen kommen und ihre Stationen auf die Marke Esso umrüsten.

Verkalkuliert hat sich die Mineralölbranche bei der Einführung des Biosprits E10 vor eineinhalb Jahren. Auch heute tanken rund 20 Prozent der Autofahrer das Öko-Benzin, obwohl es rund vier Cent günstiger angeboten wird als E5 mit fünf Prozent Bioanteil. Für Esso bedeutet dies, dass Umrüstungen in Höhe eines zweistelligen Millionenbetrags, die zur Einführung von E10 getätigt wurden, nun teilweise wieder rückgängig gemacht werden müssen. „Der Weg mit Biokraftstoffen der ersten Generation sollte nicht weiter verfolgt werden, weil sich die Teller-Tank-Problematik nicht lösen lässt“, sagt Feller. Er meint damit die Tatsache, dass Getreide zur Gewinnung von Kraftstoff verwendet wird. Dies hat der Branche massive Kritik eingebracht. Derzeit forscht ExxonMobil an Biokraftstoffen aus Algen.

Auch in anderen Bereichen ist der Konzern innovativ. „Wir haben Ende 2011 in Zusammenarbeit mit den deutschen Sparkassen das bargeldlose Bezahlen eingeführt. Wer eine Rechnung von unter 20 Euro hat, kann seine EC-Karte an einen Kartenleser führen, um das Geld abzubuchen. In den USA ist das bargeldlose Bezahlen selbstverständlich, in Deutschland jedoch werden noch 60 Prozent aller Einkäufe bar bezahlt“, sagt Feller. Zwar gehe die Diebstahlrate bei Esso zurück, aber Geld- und auch Kraftstoffklau seien weiter ein Problem. „Meist stellt die Polizei die Täter, zumal wir in Zusammenarbeit mit ihr eine Belohnung aussetzen, die weit höher ist als der gestohlene Betrag“, sagt Feller.