Oldtimer für den Bund des Lebens

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Rolf Zamponi

Christian Winkler vermietet historische Autos an Hochzeitspaare. Ein Wagen stammt von der britischen Königsfamilie

Hamburg. Für das goldene Hochzeitspaar war es eine Überraschung, mit der es nie gerechnet hätte. Die Eheleute hatten Familie und Freunde zu ihrem Jubiläum in eine Kirche in Wandsbek und in ein Lokal an der Wellingsbüttler Schleuse geladen. Was sie nicht wussten: Kinder und Enkel legten zusammen und bestellten für den Weg vom Seniorenheim zur Feier einen Rolls Royce samt Chauffeur. Ein Erlebnis, das die Jubilare wohl nicht vergessen werden. „Sie haben sich bei mir herzlich bedankt“, erinnert sich Vermieter Christian Winkler. Unter P.S. fand er in dem Brief einen Nachsatz: „Unser nächstes Auto wird ein Rolls Royce“.

Solche Briefe erhält Winkler nicht selten. Denn mit seiner Firma Oldtimer Paradies Hamburg vermietet er zwar nur Autos, bietet damit aber Erlebnisse und Emotionen, die bei den Kunden häufig länger nachwirken als andere Geschenke. Seine sechs Wagen, deren Baujahre mindestens 30 Jahre zurückreichen, können zwar auch für individuelle Spritztouren abgeholt oder als Hingucker für Firmen-Veranstaltungen oder Werbeaktionen geordert werden. Vor allem aber setzt der Diplom-Ingenieur und Betriebswirt auf Hochzeiten.

Ein Markt, der Potenzial bietet. So traten 2011 – neuere Zahlen liegen beim Statistikamt Nord in Hamburg nicht vor – gut 7000 Paare zur Trauung vor Hamburger Standesbeamte. Das sind zwar knapp 3000 weniger als im Jahr 1990. Doch dazu kommen eben auch Silberne, Goldene und Diamantene Hochzeiten und gerade zuletzt auch Versprechen, mit denen sich langjährige Partner zu ausgewählten Terminen ihre Treue versichern. „Damit dürfte sich die Zahl von möglichen Kunden für meine Autos verdoppeln“, so Winkler. Allemal genug für ein Geschäft in der Nische. So hatte es sich der heute 57-Jährige bei seinem Start im Juni 2009 ausgerechnet.

Dass ein erfolgreicher Vertriebschef einer westdeutschen Firma für Türschließ- und Sicherheitssysteme, verantwortlich für 1800 Mitarbeiter, aussteigt, erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich. Klar: Winkler hatte schon damals ein Mercedes 280 Coupé in Silbermetallic, das er restaurierte. Vor allem aber merkte der Manager, dass er die Klimawechsel nach Interkontinentalflügen im Wochenrhythmus und 50.000 Autokilometer im Jahr nicht mehr einfach wegsteckte.

„Mit wurde bewusst, dass ich nun etwas für mich allein machen wollte“, sagt Winkler. Erste Recherchen ergaben, dass er mit der Vermietung seines und weiterer Oldtimer in Hamburg zunächst nur mit wenig Konkurrenz rechnen musste.

Bis 2012 kaufte Winkler danach fünf Autos, reparierte sie eigenhändig oder zog noch Fachleute hinzu. Zur Flotte, die von seinem Haus in einem Wohngebiet in Öjendorf aus gemanagt wird, gehören inzwischen zwei VW Käfer Cabrios, ein Mercedes Pullmann, der Rolls Royce und ein englischer Daimler DS 420 Landaulette, dessen Verdeck sich ähnlich einer Kutsche nach hinten öffnen lässt.

Den drei Tonnen schweren Sechszylinder mit Rechtslenker hatte er im November 2010 während einer Auktion in Birmingham per Telefon ersteigert. Der Wagen von 1975, von dem insgesamt nur 220 Stück gebaut wurden, stammt aus dem Fahrzeugpark der königlichen Familie und löst seitdem bei Passanten immer wieder Erstaunen aus. Selbst ein zufällig beim Fototermin vorbeikommender Radfahrer riskierte einen spontanen Blick zurück.

Winkler kann heute von seinem Geschäft leben. Zwar hat er seine Anfangsinvestitionen, die er aus eigener Tasche begleichen konnte, noch nicht wieder verdient. Umsatz und Ergebnis hält er geheim. Er schreibe aber im Tagesgeschäft schwarze Zahlen, versichert der Oldtimer-Paradies-Chef. So bringt ihm etwa die Vermietung der Landaulette, die nur mit Chauffeur zu haben ist, 699 Euro für vier Stunden und 899 Euro für einen ganzen Tag. Nachdem seine Autos 2010 für gerade einmal zehn Hochzeiten gemietet wurden, soll diese Zahl in diesem Jahr auf bis zu 100 steigen. „Mein Ziel sind 450 Hochzeiten im Jahr. Das lässt sich wohl innerhalb von fünf bis sechs Jahren schaffen“, sagt Winkler. Nach seiner Rechnung wären das rund drei Prozent vom gesamten Markt.

Der könnte künftig aber sogar noch wachsen. „Der Trend, sich für Hochzeiten Oldtimer zu mieten, hat sich innerhalb von drei bis vier Jahren entwickelt und wird anhalten“, ist sich Freizeitforscher Ulrich Reinhardt, der Wissenschaftliche Leiter der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen von British American Tobacco, sicher. „Auch Normalverdiener leisten sich so etwas, weil sie an diesen Tag eine besondere Erinnerung haben und einmal im Luxus schwelgen wollen“, sagt der Professor, ein promovierter Erziehungswissenschaftler. „Dass dann Passanten stehen bleiben und winken, macht den Tag für ein Hochzeitspaar noch schöner.“

Allerdings hat Winkler inzwischen auch mit Auswirkungen der Finanzkrise zu kämpfen. Denn die niedrigen Zinsen lassen Investoren verstärkt nach Oldtimern Ausschau halten, die dann mit Wertzuwachs verkauft werden sollen. „Da sind locker fünf Prozent und mehr Rendite möglich“, sagt der Vermieter. Mit den neuen Interessenten steigen die Preise für die Autos und die Auswahl sinkt, weil Fahrzeuge zunächst über Jahre hinweg in Garagen verschwinden. Auch die Konkurrenz, die sich bisher auf das Vermieten von Stretch-Limousinen spezialisiert hatte, nimmt Oldtimer ins Visier.

Winkler hofft, dass eines seiner Kinder die Firma übernehmen wird

Immerhin profitiert Winkler von der Mode bei Hochzeitskleidern, die wieder pompöser ausfallen. Mit Reifröcken und meterlangen Schleiern haben Bräute selbst in Oberklassen-Limousinen kaum mehr Platz. Dagegen bietet ein Mercedes Pullmann oder die Landaulette, deren Chauffeur durch eine Scheibe von den Passagieren abgetrennt ist, Raum für acht Passagiere. Das reicht locker, um mit dem Bräutigam selbst in einem ausladenden Kleid bequem zu sitzen.

Winklers Strategie für die Zukunft steht. Von 2014 an will er wieder jedes Jahr zwei Autos neu ins Programm aufnehmen. Als weiteres Standbein hat er mit dem ehemaligen Stuntman und Erlebnisgeschenk-Portal-Gründer Jochen Schweizer eine Partnerschaft geschlossen. Seit Juni bietet der Hamburger seine Autos in einer Erlebnis-Box an. Die Fahrzeuge können per Internet oder in den drei Schweizer-Shops in Hamburg angemietet werden.

Lässt sich das Oldtimer Paradies planmäßig ausbauen, sollen Chauffeure und Büropersonal angestellt werden. Damit würde die Firma fit für die nächste Generation. Winkler hat drei Töchter und einen Sohn. „Vielleicht will ja einer von ihnen später einmal übernehmen“, sagt er. Dann könnten sich seine Kinder über Dankschreiben freuen.

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