Osram widerlegt gängige Börsenregeln

Aktie des Mutterkonzerns Siemens gewinnt trotz Abspaltung sogar an Wert

Frankfurt am Main. Die Siemens-Aktionäre können sich freuen. Entgegen jeder mathematischen Logik bewahrheitete sich nach der Abspaltung des Leuchtmittelherstellers Osram, dass eins und eins auch mehr als zwei sein kann. Eine Siemens-Aktie plus eine Osram-Aktie waren am Vormittag gut fünf Prozent mehr wert als eine alte Siemens-Aktie inklusive Osram am Ende der vergangenen Woche.

Durch die Abspaltung vom Mutterkonzern notieren die Osram-Aktien für einen Tag im Deutschen Aktienindex (DAX). Das Leitbarometer der Deutschen Börse umfasste damit vorübergehend 31 Werte anstatt der üblichen 30 Titel. Dies ist notwendig, um das künftige Gewicht der Siemens-Aktie im Leitindex zu ermitteln.

Der erste Kurs des von Siemens in die Unabhängigkeit entlassenen Traditionsunternehmens Osram lag am Morgen bei 24 Euro. Das entspricht einem Firmenwert von 2,5 Milliarden Euro. Im weiteren Handelsverlauf bewegte sich die Notierung dann in Richtung 23 Euro. Dass sich die Siemens-Aktie stabil hielt, das überraschte dagegen. Schließlich hätte es zu einem Kursabschlag, ähnlich dem Dividendenabschlag am Tag der jährlichen Ausschüttung, kommen müssen, denn durch die Abspaltung von Osram sank der Vermögenswert von Siemens. Doch das Gegenteil war der Fall. In den ersten Handelsstunden stieg der Kurs der Siemens-Aktie (ohne Osram) sogar.

Mit dem Börsengang werde „ein neues Kapitel in der über einhundertjährigen Unternehmensgeschichte“ aufgeschlagen, sagte Osram-Vorstandschef Wolfgang Dehen. Der Börsengang biete große Chancen für die Entwicklung der Firma. Zuletzt hatte das Osram-Management bei Hunderten Banken und Großinvestoren für die Aktien des Unternehmens geworben. Wie schwer es bei einer Abspaltung ist, einen fairen Wert zu finden, zeigte sich auch in diesem Fall. Für Osram gab es an der Börse rund 700 Millionen Euro weniger als Siemens sich erhofft hatte. Ein Gutachten im Auftrag von Siemens hatte 3,23 Milliarden Euro ergeben.

Siemens trieb die Trennung von seiner langjährigen Tochter seit Langem voran. Der Technologiekonzern rückte jedoch wegen der seit Längerem schwierigen Lage am Aktienmarkt von einem klassischen Börsengang ab und entschied sich, das Unternehmen praktisch an seine Aktionäre zu verschenken. Vorbild war der Umgang des Chemiekonzerns Bayer mit seiner ungeliebten Tochter Lanxess Ende Januar 2005. Auch damals profitierten die Aktionäre von der Abspaltung. Die Lanxess-Aktie verlor zwar rund sechs Prozent und kam letztlich auf einen Wert von einer Milliarde Euro. Gleichzeitig gab die Bayer-Aktie jedoch nur rund 500 Millionen Euro an Börsenwert ab.