Bremer soll Chef der Arbeitgeberverbände werden

Ingo Kramer könnte im November zum Nachfolger von Dieter Hundt als BDA-Präsident gewählt werden

Hamburg. Annähernd zwei Dekaden hat Dieter Hundt die deutschen Unternehmer repräsentiert. Als Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) setzte sich der gebürtige Esslinger in Talkshows, bei Veranstaltungen, aber auch hinter verschlossenen Türen der Berliner Machtzirkel für die Interessen der Arbeitgeber ein. Künftig soll das ein anderer machen. Hundt will sein Amt im November abgeben.

Als Nachfolger hat er einen Mann von der Küste auserkoren, ein Nordlicht, nämlich den Unternehmer und BDA-Vizepräsidenten Ingo Kramer. Der Geschäftsführende Gesellschafter eines mittelständischen Familienbetriebs in Bremerhaven ist am Montag vom BDA-Vorstand nominiert worden. Damit erscheint er auf dem Radarschirm der Berliner Politik. Im Norden ist Kramer freilich schon lange als Vertreter der Wirtschaft bekannt. Er ist Präsident der IHK Bremerhaven und wurde schon 1998 Präsident des Arbeitgeberverbands Metall Unterweser. Seit der Fusion mit den anderen norddeutschen Metallverbänden 2007 ist er Präsident des Zusammenschlusses Nordmetall. Als dieser kümmert er sich um die Belange von 250 Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie in Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Nord-Niedersachsen.

Ungeachtet der großen Aufgabe, die auf ihn in Berlin warten mag, wurde Kramer am Dienstag in diesem Amt wiedergewählt. Und erstmals äußerte er sich bei der Nordmetall-Mitgliederversammlung in Bremen auch zu seiner Kandidatur als Nachfolger von Arbeitgeberpräsident Hundt: „Es ist eine Ehre, für ein solches Amt vorgeschlagen zu werden“, sagte Kramer. „Die Wahl ist jedoch erst für November geplant. Bis dahin werde ich mich wie bisher mit aller Kraft meinen Aufgaben bei Nordmetall und in den anderen Organisationen widmen.“

Und diese Aufgaben schätzt er nicht gering ein, obgleich die Tarifverhandlungen der Branche erst kürzlich erfolgreich abgeschossen werden konnten. „Der Zusammenschluss der norddeutschen Metallverbände hat bisher im Alltag wunderbar geklappt. Jetzt haben wir das erste Mal seit der großen Fusion einen personellen Wechsel auf der Führungsebene. Als Gründungspräsident habe ich eine besondere Aufgabe, diesen Wandel weiter mit Leben zu füllen“, sagte Kramer dem Abendblatt. Seine Amtszeit als Nordmetall-Präsident läuft zwei Jahre. Ob Kramer diese bis zum Schluss ausfüllt, lässt er offen: „Ob und welche Ehrenämter ich aufgeben werde, wenn ich tatsächlich zum BDA-Präsidenten gewählt werde, entscheide ich, wenn es so weit ist.“

Nordmetall-Hauptgeschäftsführer Thomas Klischan begrüßte Kramers Nominierung ausdrücklich: „Herr Kramer ist seit vielen Jahren ein engagierter Verfechter von Sozialpartnerschaft und sozialer Marktwirtschaft. Besonders hervorzuheben ist sein Einsatz für die Bildungsarbeit, die bei Nordmetall mit über 40 Projekten in ganz Norddeutschland zu einem Schwerpunkt geworden ist.“

Auf den ersten Blick haben Hundt und Kramer nicht vieles gemeinsam: Auf der einen Seite der bullige Schwabe, Fußballfan, ein Genussmensch mit einem Faible für Oldtimer und gute Zigarren. Auf der anderen Seite der schlanke, etwas spröde wirkende Hanseat, der seine spärliche Freizeit am liebsten mit seiner Familie oder beim Segeln verbringt. Und er ist kein Anhänger großer öffentlicher Auftritte. Talkshows sind nicht seine Sache. „Es ist nicht nur von Vorteil, Politik vom Parlament in Talkshows zu verlagern“, sagt Kramer.

In ihren politischen Ansichten stehen sich Hundt und Kramer allerdings nah: Beide kommen aus mittelständischen Betrieben. Hundt ist Gesellschafter des Uhinger Automobilzulieferers Allgaier. Kramer hat es nach seinem Diplom als Wirtschaftsingenieur zunächst mit einem Job bei Mannesmann Demag in die Großindustrie verschlagen, bis er selbst feststellte, dass ihm das nicht lag: „Ich glaube, ich bin der Typ selbstständiger Unternehmer, der gern eigenverantwortlich tätig ist.“

Mit 29 Jahren trat Kramer in die Geschäftsführung des Betriebs seines Vaters und Großvaters ein. Letzterer hatte das Unternehmen 1901 als Kupferschmiede gegründet. Heute beschäftigt die Firmengruppe als Spezialist im Anlagen- und Schiffbau 260 Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von im Schnitt 35 Millionen Euro. „Wir haben in unserem Unternehmen derzeit eine gute Auftragslage“, sagt der Chef stolz. „Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir sehr breit aufgestellt sind. Wir sind im Schiffbau genauso tätig wie in der Kraftwerksindustrie, oder beim Bau petrochemischer Anlagen. Diese breite Aufstellung setzt aber eine große Beweglichkeit voraus und eine große Nähe zu den Kunden.“

Was Kramer unter Kundennähe versteht, zeigte er beispielsweise 2007 mit einer Reise zum Südpol. Damals wurde die alte deutsche Forschungsstation Neumayer II durch einen Neubau ersetzt. Die Kramer-Gruppe war für beide Bauten zuständig. Also flog der Firmenchef 10.000 Kilometer weit, um von den Forschern Verbesserungsvorschläge für Neumayer III zu hören.

Gespräche wie diese fordern viel Zeit, die Akquise neuer Aufträge viel Einsatz. Wie kann Kramer das mit seinen zahlreichen Ehrenämtern verbinden? „Das schaffe ich nur mit vielen guten Mitarbeitern. Wer die Leitung eines Unternehmens als One-Man-Show ausrichtet, läuft Gefahr zu scheitern. Was wäre beispielsweise, wenn ich plötzlich krank werden würde? Darunter dürfte das Unternehmen doch nicht leiden.“ Wie Hundt ist Kramer kein Hardliner, sondern setzt auf Sozialpartnerschaft. „Versuchen Sie, Ihr Unternehmen gegen die eigenen Mitarbeiter zu führen“, sagt er. „Das funktioniert genau einen Vormittag, aber nicht länger. Genau hier fängt für mich sozialpartnerschaftliche Verantwortung an.“ Diese Haltung hat Kramer auch auf der Arbeitnehmerseite Ansehen gebracht: Sowohl beim eigenen Betriebsrat, der Kramers Einsatz für die firmeneigenen Auszubildenden würdigt, wie auch bei der IG Metall, die Kramer aus den Tarifauseinandersetzungen als „harten aber fairen“ Verhandler kennt, sowie aus gemeinsamen Bildungsprojekten zur Förderung benachteiligter Jugendlicher.

Nebenher ist er auch Vorsitzender der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw). Ohne Ehrenamt kann Kramer nicht: „Mir wurde schon vom Elternhaus mitgegeben, mich ehrenamtlich zu engagieren. Erst war ich Vertreter im Schülerparlament, dann im Studentenparlament. Wenn einem etwas nicht gefällt, hilft es nichts, darüber abends am Stammtisch zu lamentieren, sondern man muss sich einsetzen, um Änderungen herbeizuführen.“

Nur die Wochenenden sind tabu. Die reserviert der 60-Jährige seiner Familie: Kramer ist verheiratet und hat vier Kinder. Sie und das Unternehmen hindern das FDP-Mitglied Kramer auch daran, in die Politik zu wechseln – abgesehen von einem Intermezzo als Fraktionschef in der Stadtverordnetenversammlung Bremerhaven Ende der 80er-Jahre. „Ich habe kein politisches Amt, weil das politische Geschäft in einer Termindichte läuft, die mit meiner unternehmerischen Verantwortung nicht in Einklang zu bringen wäre.“