Pharmaunternehmen

Neue Medikamente von AstraZeneca aus Wedel

Pharmaunternehmen AstraZeneca will nach kräftigem Jobabbau zurück in Erfolgsspur. "Wir werden schneller wachsen als der deutsche Markt."

Wedel. Wer ins "Allerheiligste" will, muss einen Schutzanzug für Körper plus Füße überziehen sowie ein Haarnetz. Erst danach öffnet sich die Tür zu einer der modernsten Produktionsanlagen des schwedisch-britischen Pharmakonzerns AstraZeneca. Wie ein stählernes Monster schlängelt sich in der Halle die knapp 30 Meter lange Maschine durch das Wedeler Werk des Unternehmens. Weiße, manchmal auch blaue oder rote Tabletten fallen auf ein Transportband und werden automatisch in bereitliegende Blisterverpackungen gesteckt.

Im nächsten Schritt presst die Maschine mit Wärme und hohem Druck eine Alufolie auf die Rückseite des Blisters. Auf einem anderen Transportband werden die kleinen Tabletten sogar komplett, also die Vorder- und Hinterseite, mit Alufolie verpackt. "Diese Sorte von Tabletten mag es nicht, wenn sie längere Zeit der Luft ausgesetzt ist", sagt Torsten Dietzel, Qualitätskoordinator in dem Wedeler Werk. Das schade der Wirksamkeit.

In weniger als einer Minute sind die Tabletten in den Blistern, und die Maschine rattert weiter. In der nächsten Station wird die Rückseite aus Aluminium mit Angaben wie der Haltbarkeitsdauer bedruckt, danach kommen automatisch die Beipackzettel der Pillen aufs Transportband, ehe die kleinen Päckchen - ohne dass ein Mensch Hand anlegen muss - von der Maschine verpackt werden. Zuvor prüft eine automatische Kamera, ob alle Päckchen richtig befüllt sind. Wenn nicht, fallen sie als Ausschuss in einen Eimer unter dem Transportband.

Rund 1,2 Milliarden Tabletten oder Kapseln werden jedes Jahr von dem Pharmaunternehmen AstraZeneca in Wedel verpackt und an die Kunden in ganz Europa verschickt. "Das entspricht rund 38 Millionen Packungen", sagt Dietzel. Die Pillen werden in Schweden hergestellt und in großen Plastiksäcken nach Wedel transportiert. Dann beginnt die gefräßige Maschine ihre Arbeit. Ein riesiger Trichter wird ständig mit den für jede Produktionslinie richtigen Medikamenten gefüllt. Hinzu kommen noch etwa fünf Millionen Fläschchen und Salben, die von Wedel aus ihre Reise zu den Apotheken antreten. Die Nachfrage nach den Arzneimitteln ist so hoch, dass in dem Werk im Zweischichtbetrieb gearbeitet wird. Allein in der Produktion sind 170 Mitarbeiter beschäftigt, weitere 400 arbeiten in der Deutschland-Zentrale in Wedel.

AstraZeneca hat eine turbulente Zeit hinter sich. Nachdem Patente für diverse Medikamente wie etwa Tabletten gegen Magenprobleme abgelaufen waren, kamen Nachahmer-Konkurrenten mit preiswerten, sogenannten Generika-Produkten, auf den Markt. "Wir mussten auf die sinkenden Umsätze reagieren", sagt Geschäftsführer Gabriel Baertschi. Von den 1000 Mitarbeitern in Deutschland mussten Ende des vergangenen Jahres 400 gehen. "Das betraf vor allem den Außendienst", so der Manager. Nachdem die Patente abgelaufen waren, brauchte das Unternehmen die entsprechenden Pharmareferenten nicht mehr. In Wedel wurden knapp 90 Stellen gestrichen.

Inzwischen fühlt sich der Konzern mit umgerechnet rund 750 Millionen Euro Umsatz in Deutschland (Gesamtkonzern 25,4 Milliarden) wieder gut gerüstet für den Wettbewerb. Mit seinen neuen Diabetes-Medikamenten will das Unternehmen in Zukunft wieder kräftig zulegen. "Ein weiterer Schwerpunkt sind Wirkstoffe, die ohne Insulin auskommen", sagt Baertschi. Diabetes ist auch wegen der Überalterung der Menschen ein stark wachsender Markt für Pharmakonzerne. Auch das zweite Standbein von AstraZeneca, ein Mittel gegen Herzkrankheiten, befindet sich in einem Milliardenmarkt. Das Unternehmen setzt auf sein neues Produkt Brilique, das bei einem akuten Koronarsyndrom eingenommen werden muss. Ein weiteres Kerngeschäftsfeld sind Arzneimittel zur Behandlung von Infektionskrankheiten wie etwa Krankenhauskeime.

Neben den Nachahmern wurde das Unternehmen in Deutschland auch dadurch belastet, dass die Krankenkassen seit dem Jahr 2010 den Herstellerpreis eines Medikaments nach dem Willen der Bundesregierung um gut 16 Prozent drücken dürfen. "Von August 2010 bis Ende 2013 werden die Kassen allein von AstraZeneca mehr als 300 Millionen Euro an Rabatten bekommen haben", so Baertschi.

Klagen gehört in dieser Branche zwar zum Geschäft, aber dass immer mehr neue Verordnungen den Pharmamarkt regulieren, stimmt auch. So ist 2011 das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (Amnog) in Kraft getreten, das die Preise von neuen Medikamenten überprüft. Ziel ist, die steigenden Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen einzudämmen. Eine Kommission ermittelt, ob der Zusatznutzen für die Patienten den von der Industrie geforderten Preis rechtfertigt.

Der administrative Aufwand für das Genehmigungsverfahren ist hoch. Dennoch hat sich das schwedisch-britische Unternehmen als erster Kandidat freiwillig mit dem Herzinfarktmittel Brilique den neuen Amnog-Kriterien unterworfen. "Wir mussten ein Dossier im Umfang von 30.000 Seiten dafür erarbeiten", so Baertschi.

Für die nächsten Jahre macht er sich kaum Sorgen ums Geschäft. "Wir werden schneller wachsen als der deutsche Markt", so der Chef. Unter anderem plant AstraZeneca den Zukauf eines Wirkstoffes gegen Krebs. Rund acht Prozent Umsatzwachstum jedes Jahr hat sich Baertschi vorgenommen, nachdem sich 2011 die Erlöse wegen der auslaufenden Patente um ein Drittel reduziert haben. "Wir haben sehr motivierte Mitarbeiter", sagt er. Und diese will er auch nicht verlieren. Deshalb hat AstraZeneca im Unternehmen ein Fitnesscenter sowie eine Sauna für die Beschäftigten eingerichtet. Zudem gibt es seit zwei Jahren direkt neben der Wedeler Zentrale eine Kita, die von AstraZeneca mitfinanziert wurde. 20 der 140 Plätze werden von Mitarbeitern des Pharmakonzerns genutzt. Der Chef ist sich sicher: "Solche Angebote machen uns auch für neue Mitarbeiter attraktiver."