US-Autobauer

Ford erwartet milliardenschweren Verlust in Europa

Der US-Autohersteller Ford plant in Europa neben dem Werk im belgischen Genk auch zwei Werke in Großbritannien dicht zu machen.

Köln. Als erster Autobauer zieht Ford angesichts der Absatzkrise in Westeuropa die Notbremse und macht drei Werke mit Tausenden Beschäftigten dicht. Noch vor der Fabrik im belgischen Genk mit 4300 Mitarbeitern sollen im nächsten Jahr die beiden Standorte Southampton und Dagenham in Großbritannien mit 1400 Beschäftigten geschlossen werden, wie der US-Konzern am Donnerstag ankündigte. Abgesehen von Russland werde die Produktionskapazität in Europa um 355.000 Fahrzeuge verringert, eine Kürzung um fast ein Fünftel. Der wegen der weggebrochenen Verkaufszahlen für dieses Jahr erwartete Verlust werde über 1,5 Milliarden Dollar liegen, räumte Ford ein. Bisher war der Autobauer von lediglich über einer Milliarde ausgegangen.

„Die Probleme der Automobilindustrie in Europa sind mittlerweile nicht mehr nur konjunkturbedingt, sondern struktureller Natur und erfordern daher entschlossenes Handeln“, erklärte Ford-Europa-Chef Stephen Odell. Durch die Einschnitte will der Autobauer in Europa bis 2015 wieder profitabel werden. Als langfristiges Ziel kündigte Ford eine Umsatzrendite von sechs bis acht Prozent an. Im Konzern werde der Vorsteuergewinn trotz der hohen Verluste in Europa im dritten Quartal besser ausfallen als im vorangegangenen Zeitraum April bis Juni. Für das Gesamtjahr prognostiziert der Konzern, der am Dienstag seine Quartalszahlen veröffentlichen will, einen „soliden„ Vorsteuergewinn und einen positiven Barmittelzufluss im Automobilgeschäft.

Radikal nach amerikanischem Muster

Mit seiner Radikalkur folgt Ford der Strategie, die die US-Autobauer vor einigen Jahren in ihrer Heimat angewandt haben. Damals hatten GM, Ford und Chrysler Tausende Arbeitsplätze gekappt und zahlreiche Werke geschlossen, um aus der Misere zu kommen, die sie sich durch eine jahrelange Rabattschlacht selbst eingebrockt hatten. Nach der Beinahe-Pleite kehrte GM an die Börse zurück. Auch Chrysler ist nach der mit staatlicher Unterstützung bewältigen Blitzinsolvenz wieder erstarkt und sorgt nun als Fiat -Tochter dafür, dass der italienische Autobauer den Geschäftseinbruch in Europa ausgleichen kann. Lediglich Ford schaffte die Wende damals in den USA ohne staatliche Milliardenhilfe.

Nun steht Ford in Europa – wie die anderen Massenhersteller auch – wegen des massiven Verkaufsrückgangs in den Krisenländern Südeuropas unter Druck. Die GM-Tochter Opel und Peugeot verhandeln über eine Allianz, um ihr angeschlagenes Europageschäft gemeinschaftlich zu sanieren. Bis zum Monatsende wird ein Sparpaket erwartet, dem das Werk in Bochum zum Opfer fallen könnte. Dort läuft Ende 2016 die Produktion des aktuellen Familienwagens Zafira aus. Auch bei Opel wird mit weiterem Personalabbau gerechnet.

Peugeot will bis zu 10.000 Stellen streichen und ein Werk nahe Paris schließen, stößt damit aber auf Widerstand der französischen Regierung und der Gewerkschaften. Der französische Staat stützt die Finanzsparte des Autobauers mit Garantien über bis zu sieben Milliarden Euro, verlangt im Gegenzug aber, dass der Konzern von Plänen für Werksschließungen und Arbeitsplatzabbau Abstand nimmt.

Experten rechnen damit, dass bis auf Marktführer VW alle Massenhersteller zu ähnlichen Schritten gezwungen sein werden, da sie ihre Werke wegen der schärfsten Krise seit 20 Jahren kaum noch auslasten können. Ford hält für möglich, dass die Nachfrage im nächsten Jahr weiter sinken könnte. Die zum chinesischen Autobauer Geely gehörende schwedische Marke Volvo kündigte an, im belgischen Genk ebenfalls die Produktion zu senken. Fiat kündigte an, mehr als 2000 Beschäftigte im Werk Pomigliano in Süditalien ab Ende November für zwei Wochen in Kurzarbeit zu schicken. Opel hat bereits für mehr als 10.000 Mitarbeiter in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach tageweise Zwangspause angeordnet, weil die Produktion hinter der Nachfrage zurückbleibt.

Teure Neuausrichtung

Ford teilte mit, in dem für 2012 in Europa erwarteten Verlust von 1,5 Milliarden Dollar seien 400 Millionen Dollar aus dem Abbau von Lagerbeständen bei den Händlern enthalten. Dabei dürfte es sich um Preisabschläge handeln, mit denen Ford auf Halde produzierte Neuwagen losschlagen will. Hinzu kämen etwa

100 Millionen Dollar an Abschreibungen im Zusammenhang mit der geplanten Neuausrichtung der Produktion. Ford will den Personalabbau weitgehend durch Abfindungen und Versetzungen schaffen.

Die Produktion des Transporters Transit soll aus Southampton in das Nutzfahrzeugwerk in der Türkei verlagert werden. Als Folge wird das Presswerk und der Werkzeugbau in Dagenham eingestellt, von wo Southampton mit Teilen versorgt wird. In Genk baut Ford die Modelle Mondeo, S-Max und Galaxy. Die Produktion dort soll bis Ende 2014 auslaufen. Die nächste Generation dieser Fahrzeuge will Ford im spanischen Valencia vom Band rollen lassen. Darüber wird mit den Gewerkschaften verhandelt. Vom Ausgang könnte das Werk Saarlouis in Deutschland profitieren. Denn der Plan sieht vor, dass die Fertigung von C-Max und Grand C-Max von Valencia ins Saarland verlagert werden könnte.