Serie: Hamburgs älteste Handwerksbetriebe - Teil 3: Ladage & Oelke

Stil-Oase in einer uniformierten Welt

1845 gegründet, verkauft die Maßschneiderei auch heute noch Frack und Oxfordmantel.

Hamburg. Heinrich Franck liebt das Schöne. Seine neueste Liebe: rahmengenähte Schuhe aus wertvollem Pferdeleder, über die er fast zärtlich seine Finger gleiten lässt. "Die Schuhe machen mir viel Spaß", sagt der Geschäftsführer von Ladage & Oelke fast ein bisschen verträumt. 1993 hat er den neuen Geschäftszweig ausprobiert. Inzwischen erzielt er damit den höchsten Umsatz pro Quadratmeter. Seine rahmengenähten Schuhe werden in bis zu 250 Arbeitsschritten hergestellt und sind durch das fetthaltige Pferdeleder sehr robust. Kalbsleder bekommt schnell Mikrobrüche, wenn es schlecht gepflegt wird - Pferdeleder kann man dagegen oft noch retten.

"Männer lieben es, wenn ein Schuh lange hält. Wenn er so richtig schön eingelaufen ist", sagt der 53-Jährige. Um jeden Kundenwunsch erfüllen zu können, hat er 5000 Paar Schuhe oft in drei Weiten auf Lager. Anzugschuhe für Männer und Frauen, aber auch "Spezialitäten, die man nicht überall sieht", wie Lammfellstiefel, die Maronibrater in Österreich tragen oder echte Schlosspantoffeln aus Filz.

Doch nicht nur die Pantoffeln verströmen etwas Edles und Altehrwürdiges. Überall im Laden liegt es in der Luft. Das dunkle Holz, der schöne Stuck, die alten Kronleuchter lassen kaum erahnen, dass der Laden im Neuen Wall 11 erst 1993 bezogen wurde. Nach einem großen Brand 1989 musste das Traditionsgeschäft zwischenzeitlich umziehen und der Laden komplett erneuert werden. Doch der Inhaber in vierter Generation, Heinrich Franck, hat viel vom alten Charme erhalten. Die Uhr am Eingang und sogar die hängende Holztreppe stammen aus dem 19. Jahrhundert. Die dunklen Vollgusssäulen wurden nach dem Brand wiederhergestellt. "Die Leuchter sind zu einem Drittel alt, der Rest wurde nachgebaut, genauso wie der handgezogene Stuck", erklärt Franck.

Die Liebe zum Detail erkennt man nicht nur in der Raumgestaltung, sondern auch an seinen Anzügen und Dufflecoats. Die gibt es bei ihm fertig zu kaufen oder als Maßkonfektion mit über 2000 Stoffen von namhaften Webern. Darunter handgewebten Harrys-Tweed und Cashmere. "Früher gab es eine wesentlich größere Vielfalt", sagt Franck.

Nach der Gründung 1845 gab es bei Ladage & Oelke noch keine fertige Bekleidung. "Bis 1890 war es ein reiner Tuchhandel. Jeder Anzug wurde maßgefertigt." Das lohnt sich heute nicht mehr. Auch wenn Trends von früher zurückkommen. "Oxfordmantel mit Samtrand sowie Cut und Frack zu Hochzeiten sind wieder gefragt", so der Experte. Früher war der erste Stock nur Zuschneiderei. Als die an Bedeutung verlor, musste Franck den Stuck nicht länger verstecken und öffnete auch das Stockwerk für die Kunden. 450 Quadratmeter Ladenfläche sind es seitdem.

Auf dem Regal über der alten Maßschneiderecke ein weiteres Stück Tradition: ein knallblauer Bugatti, eine Feuerwehr und ein Polizeiauto - historische Kindertretautos. "Mein Großvater hatte bis zum Krieg einen Autohandel am Ballindamm. Vor fünf Jahren habe auch ich meine Begeisterung für Autos entdeckt", sagt er. Auch die vielen jungen Eltern unter seinen Kunden seien begeistert von seiner "Hamburger Tretautozentrale".

Mit 30 Jahren hat Franck Ladage & Oelke von seinem Vater übernommen, der den Betrieb 55 Jahre führte. "Es war mein Wunsch, ihn zu übernehmen, ich wurde nicht gezwungen." Er machte eine Maßschneiderlehre und eine Ausbildung in Design und Schnitttechnik, dann arbeitete Franck in der Industrie.

Unter seinen 30 Mitarbeitern sind noch viele Familienmitglieder - alle vier Schwestern und die Ehefrau arbeiten im Betrieb mit. Auch in Zukunft ist dies gesichert. Die Nichte will einmal übernehmen. "Sie hat Textilmanagement studiert und verdient sich gerade noch ihre Lorbeeren. Schließlich muss sie irgendwann mal Einkauf, Verkauf und Personal betreuen", sagt Franck. Doch dabei kann sie auf die Erfahrung ihres Onkels vertrauen. "Ich will noch mit 70 Jahren hier arbeiten", sagt der Geschäftsführer.

Den größten Einschnitt musste die Familie beim Brand 1989 hinnehmen. Eine schmerzhafte Erinnerung: "Meine Frau und ich schliefen im vierten Stock als unten das Feuer ausbrach." Das Restaurant stand in Flammen. "Morgens um halb acht hörte ich ein Knistern und Bersten von Glas. Aus dem Fenster konnte ich Qualm erkennen", sagt Franck. Er reagierte überlegt, war innerhalb von zehn Minuten fertig angezogen und hatte seine wichtigsten Unterlagen dabei. "Es musste schnell gehen, Treppen und Decken waren aus Holz", so der Geschäftsführer.

Nach der Rettung der Blick auf die Zerstörung: "Alte Schnittmuster und Stoffe sind für immer verbrannt." Franck musste die Energie aufbringen, von vorn anzufangen. "Das macht man nur einmal im Leben." Die Feuerkasse zahlte nicht alles, da einige Mauern stehen geblieben waren - die musste er aber abreißen, weil die Pfahlkonstruktion in der morastigen Erde der Innenstadt nicht mehr vorhanden war. "Jetzt sind 64 Stahlbetonpfähle unter dem Haus, 18 Meter lang."

Francks größtes Anliegen ist es jetzt, "die Hamburger Tradition zu bewahren". Er will weiter hochwertige Ware verkaufen und mehr Stoffe nach eigenen Vorstellungen weben lassen. Doch für große Innovationen ist im Schneiderhandwerk kein Platz. "Ich bin durch Europa gereist und musste feststellen, dass Mode immer uniformer wird." Die Zukunft sieht er daher bei Schuhen. "Ich möchte in ein bis drei Jahren ein separates Geschäft für rahmengenähte Schuhe eröffnen", verrät er.

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