Lufthansa-Chef

Bahn ist eine vernünftige Ergänzung zum Flugzeug

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Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber geht Ende des Jahres von Bord. Die Bahn betrachtet er nicht unbedingt als Konkurrenten.

Noch bis Ende des Jahres ist Wolfgang Mayrhuber Vorstandschef der Lufthansa, dann folgt ihm Christoph Franz. Mayrhuber, studierte Ingenieur, gehört zu den wenigen Topmanagern der Branche, die erklären können, wie ein Flugzeug funktioniert.

Welt am Sonntag: Hatten Sie als Junge eine Modelleisenbahn?

Wolfgang Mayrhuber: Ja, eine kleine Märklin.

Welt am Sonntag: Wie groß?

Es fing an mit dem berühmten kleinen Kreis, dann kam die erst Weiche dazu und später mussten Trafos angebaut werden. Das Übliche halt.

Welt am Sonntag: Und in der End-Ausbaustufe?

Mayrhuber: Irgendwann haben meine Freunde und ich in die Wand zum Schlafzimmer meiner Eltern einen kleinen Durchbruch gestemmt und die Bahn unterm Bett herum und wieder zurück in mein Zimmer fahren lassen. Die fanden das aber gar nicht witzig, und ich musste den Tunnel wieder zumachen.

Welt am Sonntag: Haben Sie Ihrem Sohn die Bahn geschenkt?

Mayrhuber: Nein, meine Eisenbahn wurde in mehreren Koffern verstaut, als ich ausgezogen bin. Irgendwann haben wir Sie Kindern in der Nachbarschaft geschenkt. Aber mein Sohn und ich waren schon mal hier im Hamburger Miniatur-Wunderland, und er war wie ich begeistert.

Welt am Sonntag: Wann sind Sie das letzte Mal mit der großen Bahn gefahren?

Mayrhuber: Vor kurzem noch. Von Hamburg nach Berlin. Das bietet sich an.

Welt am Sonntag: War’s gut?

Mayrhuber: Das Produkt ist ganz ordentlich. Ich sehe die Bahn als vernünftigen Ergänzungsverkehr zum Flugzeug. Wir konkurrieren nur in 15 Prozent aller Strecken miteinander.

Welt am Sonntag: Was war schlecht?

Mayrhuber: Die Bahnsteige sind zugig. Und ich würde mir bei der Bahn mehr „No-Phone-Abteile“ wünschen. Heute wird man oft von Mitfahrern aus dem ganzen Abteil zugetextet und kann sich überhaupt nicht mehr konzentrieren.

Welt am Sonntag: Was kann die Lufthansa von der Bahn lernen?

Mayrhuber: Da fällt mir nichts ein.

Welt am Sonntag: Jetzt mal ehrlich: Hätten Sie sich selbst auch als „Bahnchef Mayrhuber“ vorstellen können?

Mayrhuber: Ich konnte mir auch einen „Lufthansa-Chef Mayrhuber“ nicht vorstellen?… Nein, ich war von unserem Unternehmen schon immer sehr fasziniert. Ich konnte dort in meinem Berufsleben ständig neue Aufgaben übernehmen, ohne dafür die Firma wechseln zu müssen.

Welt am Sonntag: Wenn ich mich umsehe, stehen hier mehr Autos und Züge als Flugzeuge. Ein Verkehrsmodell der Zukunft?

Mayrhuber: Das Verkehrsmodell der Zukunft ist intermodal, das heißt Flugzeug, Auto, Eisenbahn oder Schifffahrt haben ihre ganz eigenen Stärken. Sobald man zum Beispiel Strecken von mehr als 400 Kilometer zurücklegen muss, sind Flugzeuge Autos oder der Eisenbahn überlegen.

Welt am Sonntag: Aber das Flugzeug ist doch am umweltschädlichsten.

Mayrhuber: Das ist eine weit verbreitete Meinung, in Wahrheit aber eine krasse Fehleinschätzung. Eine gerade veröffentlichte Verkehrsträgeranalyse belegt das. Es wird deutlich, dass Flugzeuge ab einer Strecke von 400 bis 500 Kilometern den anderen Verkehrsträgern wie Auto oder Bahn auch ökologisch überlegen sind.

Welt am Sonntag: Sind Sie selber mal mit Überschall mit der Concorde geflogen?

Mayrhuber: Ja. Zweimal: London – New York: Also immer nur westbound. Und zurück hab’ ich dann immer ganz gemütlich im Jumbo geschlafen.

Welt am Sonntag: Wie fanden Sie es?

Mayrhuber: Toll. Das war natürlich eine Technik aus den 60er-Jahren, alles analog. Das Cockpit war die schnellste Uhrenwerkstatt der Welt. Aber aerodynamisch sah das Flugzeug super aus. Es war zwar laut, aber für einen Techniker wie mich war der Flug hochinteressant. Wenn man in 50.000 Fuß aus dem kleinen Fenster runterschaute und die Jumbos in 35.000 praktisch stehen sah, großartig.

Welt am Sonntag: Mit was für Flugzeugen werden Ihre Kinder, wenn sie so alt sind wie Sie jetzt, in Urlaub fliegen?

Mayrhuber: Die Flugzeuge werden sich aerodynamisch verändern, mit adaptiven Flächen, neuen Materialien, effizienteren Triebwerken oder mit Nanotechnologie auf den Oberflächen, um den Widerstand zu reduzieren oder die Enteisung zu vereinfachen. Jedenfalls mehr als wir uns heute vorstellen. Vor ein paar Jahren war zum Beispiel der Einsatz von Biotreibstoffen in der Luftfahrt noch undenkbar. Mittlerweile sehen Airline-Chefs auf der ganzen Welt viele Vorteile solcher Ersatzstoffe für herkömmliches Kerosin. Aber was in den nächsten 30 bis 50 Jahren technisch noch alles möglich sein wird, wer weiß? Ich bin mit dem damaligen ersten Boeing-Jumbo, der nichts mehr mit den heutigen Modellen gemein hat, gekommen und gehe mit dem Airbus A380. Meine Kinder werden wahrscheinlich die Verabschiedung des heutigen A380 sehen, und es wird bis dahin in Antrieb und Aerodynamik noch erhebliche Veränderungen geben. Ich finde es total interessant, wie sich Energiespeichermöglichkeiten zum Beispiel für Sonnenkraft entwickeln werden. Übrigens: Lufthansa arbeitet in Hamburg eng mit Universitäten und Herstellern zusammen, um Zukunftsthemen voranzutreiben.

Welt am Sonntag: Was, glauben Sie, wird für den Massenverkehr wichtiger sein, Schnelligkeit oder Umweltverträglichkeit?

Mayrhuber: Das widerspricht sich doch nicht. Das Entweder-Oder hat es nie gegeben. Der Luftverkehr ist immer schneller, umweltfreundlicher, komfortabler und enorm preisgünstiger geworden. In der Zukunft wird natürlich das Thema Umweltschutz eine große Rolle spielen, aber die Technik wird das lösen. Schon vor 50 Jahren sind Lärm und Abgase des Luftverkehrs kritisiert worden. Vielleicht müsste man mal die Flugzeuge von damals fliegen lassen, um zu zeigen, was sich alles verändert hat.

Welt am Sonntag: Was war die wichtigste strategische Entscheidung, die Sie als Vorstandschef treffen mussten?

Mayrhuber: Das kann ich so genau gar nicht sagen. Es gab vom Umfeld her immer wieder schwierige Phasen (denkt nach). Eine entscheidende strategische Weichenstellung war sicherlich, wie wir in der Lufthansa mit Herausforderungen wie der Integration von Airlines umgehen. Wir sind eine lernende Organisation – was nicht einfach ist für den Vorstand und die Organisation. Wir wollen uns einander eher auf Augenhöhe begegnen und finden zum Beispiel gut funktionierende Kommunikation auf allen Ebenen sehr wichtig. Wir wollen bei gleichen Sicherheitsstandards Differenzierung in Service und Auftritt anbieten, also keinen Einheitsbrei.

Welt am Sonntag: Sie benutzen Flugzeuge bisher wie einen Bus oder auf langen Strecken wie ein Hotelzimmer zum Relaxen. Werden Sie das viele Fliegen vermissen?

Mayrhuber: Also, ich schlafe zu Hause hier in Hamburg auch ohne das Brummen der Motoren sehr gut (lacht). Aber Sie haben recht, ich kann sehr schnell im Flugzeug entspannen und gut schlafen. Das hilft sehr, wenn man öfter zwischen verschiedenen Zeitzonen unterwegs sein muss.

Welt am Sonntag: Mit welchem Flugzeug fliegen Sie am liebsten?

Mayrhuber: Ich bin ein Fan der A330. Ach ja, und dahinten rollt unsere A380, die ist vor allem in der First Class schon unvergleichlich.

Quelle: Welt Online