Eurokrise

Manager sieht Vertrauensverlust bei Staatsanleien

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Die Eurokrise wird auch 2011 die Märkte beeinflussen. Unternehmensanleihen werden interessanter, als die von Staaten.

Richard Woolnough hat gezeigt, dass er mit dem Geld seiner Anleger behutsam umgehen kann: Seine drei Portfolios hat der Fondsmanager der britischen Investmentgesellschaft M & G so erfolgreich durch die bisherige Krise gebracht, dass sie mittlerweile ein Anlagevolumen von rund zehn Milliarden Euro haben. Die „Welt am Sonntag“ sprach mit dem Mischfondslenker über die Krise in Euroland, den Vorteil von Unternehmensanleihen und Erfolgsrezepte für Anleger.

Welt am Sonntag: Die Refinanzierungskosten vieler Länder steigen derzeit fast täglich, selbst hierzulande klettern die Zinsen. Zugleich steigen die Aktienkurse, als wäre nichts gewesen. Passt das zusammen?

Richard Woolnough: Wenn Sie die aktuellen Trends betrachten, macht das durchaus Sinn. Ich glaube, wir sind auf bestem Wege zu dem Punkt, an dem Unternehmen sicherer sind als mancher Staat. Dann sind Konzernbeteiligungen weniger riskant als Staatsanleihen. Das preisen die Börsen ein.

Welt am Sonntag: Wann erklärt Griechenland den Bankrott?

Woolnough: Grundsätzlich werden die Griechen ihr Bestes tun, um das zu vermeiden. Ein Problem sehe ich allerdings in den Segnungen der Demokratie. Gibt es einen Regierungswechsel, können sich die Vorzeichen schnell ändern. Selbst die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit ist dann möglich – was denkbar ungünstig für Anleihebesitzer wäre. In Irland ist diese Gefahr noch größer als in Griechenland.

Welt am Sonntag: War es überhaupt richtig, Irland unter den Rettungsschirm zu holen?

Woolnough: Die Unterstützung war politisch motiviert, ist aber keine Lösung. Sie schützt aber mehr die Anleihebesitzer, als dass sie dem Volk durch die Krise hilft. Irland bekommt so allenfalls Zeit, sich anzupassen. Doch das hilft nicht wirklich, das eigentliche Problem bleibt bestehen.

Welt am Sonntag: Stehen wir an der Schwelle einer neuen Ära, in der die früher als risikolos geltenden Staatsanleihen an Glaubwürdigkeit verlieren?

Woolnough: Wir erleben einen generellen Vertrauensverlust in Staatsanleihen. Niemand weiß, was die Behörden entscheiden. Hinzu kommt: Der Wille zu zahlen ist für Staaten kleiner als für Unternehmen. Als Firmenchef kann ich nicht einfach sagen, ich zahle jetzt nicht mehr, denn damit enteigne ich meine Aktionäre. Aber wenn ein Staat entscheidet, seine Schulden nicht zu bedienen? Was soll’s, niemand kann etwas dagegen tun.

Welt am Sonntag: Also Finger weg zumindest von Anleihen der Peripheriestaaten?

Woolnough: Wenn das Chance/Risiko-Verhältnis stimmt, kann sich ein Engagement durchaus auch in Krisenstaaten lohnen. Selbst mit Argentinien-Anleihen konnten Anleger verdienen. Ich habe einen sehr kleinen Anteil Griechenland-Papiere im Fonds, betrachte sie aber als das, was sie sind: Hochzinstitel zu einem Preis von 50 Cent für einen Euro – mit entsprechendem Risiko.

Welt am Sonntag: Und Irland?

Woolnough: Hier ist die katastrophale Lage noch nicht eingepreist, aber wir beobachten die Lage. Wenn das hohe Risiko durch günstige Preise kompensiert wird, gehen wir auch dieses Risiko ein.

Welt am Sonntag: Welche Staatsanleihen sind überhaupt noch attraktiv? Papiere der Peripheriestaaten scheint nur noch die Europäische Zentralbank EZB zu kaufen.

Woolnough: Wir konzentrieren uns in erster Linie auf die europäischen Kernländer, wobei Frankreich von den top bewerteten Staaten einer Herabstufung vom „Triple A“ wohl am nächsten ist. Außerdem mögen wir Anleihen in Währungen von Staaten, die ihr Schicksal noch selbst in der Hand haben. Dazu zähle ich Sterling-Anleihen, aber auch auf US-Dollar lautende Bonds.

Welt am Sonntag: Wie lässt sich der Euro dauerhaft stabilisieren?

Woolnough: Ein einheitlicher Zinssatz und eine gemeinsame Währung für derart unterschiedlich entwickelte Nationen, wie wir sie derzeit in der Eurozone haben, sind nicht effizient. Starke und schwache Länder unter ein Währungsdach zu zwingen führt zu Spannungen. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank ist zwar klug, reicht aber nicht aus. Für die Kernländer der Eurozone mag der aktuelle Kurs des Euro passen, Länder wie Irland aber müssten abwerten.

Welt am Sonntag: Also zurück zu Einzelwährungen?

Woolnough: In der Tat wären nationale Währungen die beste Lösung, doch das wird die Politik auf absehbare Zeit nicht zulassen...

Welt am Sonntag: ...was zumindest für Deutschland positiv wäre, denn in einem solchen Szenario müsste die exportstarke Wirtschaft Federn lassen.

Woolnough: Aber nationale Währungen würden die Konjunktur in den anderen Staaten ankurbeln und Beschäftigung und Wohlstand in der gesamten Eurozone erhöhen. Alternativ könnte man den Euro durch einen „Neuro“ ersetzen, mit neuen – wettbewerbsfähigen – Austauschverhältnissen.

Welt am Sonntag: Das dürfte wohl nicht reichen.

Woolnough: Wir brauchen zugleich mehr Regulierung und Disziplinierung der Schwachen durch die Starken. Für falsch halte ich auch die Hauruckpolitik. Wenn Lehman nicht über Nacht, sondern langsam abgewickelt worden wäre, hätte es keine Panik gegeben. Wenn mehr Zeit zum Verkaufen bleibt, lassen sich bessere Preise erzielen als in chaotischen Hals-über-Kopf-Aktionen.

Welt am Sonntag: Fast jeden Tag zaubert irgendein Politiker oder Beamter ein neues weißes Kaninchen aus dem Zylinder zur Rettung des Euro. Was halten Sie von einer von allen EU-Mitgliedern begebenen Gemeinschaftsanleihe?

Woolnough: Man kann nicht eine Währung und einen Zins, aber verschiedene Anleihenmärkte haben. Insofern erscheint der E-Bond logisch und könnte zu einer Lösung beitragen – aber nur, wenn die EU-Mitgliedsstaaten enger zusammenrücken und die politische Union akzeptieren.

Welt am Sonntag: Die EU-Finanzminister wollen spätestens 2013 auch private Gläubiger, vor allem Banken, an Rettungsaktionen beteiligen. Eine gute Idee?

Woolnough: Eine dauerhafte Entspannung der Risikoaufschläge dürfte damit schwieriger werden. Dennoch halte ich es für richtig, denn Privatinvestoren müssen erkennen, dass sie einen Teil der Verluste tragen müssen. Schließlich erhalten sie für das Risiko, das sie eingehen, entsprechend hohe Renditen.

Welt am Sonntag: Nach dem bisher Gesagten verwundert uns kaum mehr, dass einige Auguren einen Anleihe-Crash voraussagen. Wie stehen Sie dazu?

Woolnough: Solange die EZB im Sinne der Bundesbank handelt, wird das nicht passieren. Die größte Bedrohung für den Anleihemarkt ist jedoch die Inflation. Die sehe ich 2011 aber nicht, denn die in vielen Industrieländern bestehende Produktionslücke, also die Differenz zwischen der möglichen und der tatsächlichen Wirtschaftsleistung eines Landes, wird sich auf absehbare Zeit kaum schließen.

Welt am Sonntag: Welches konjunkturelle Szenario preisen die Risikoaufschläge der Anleihen derzeit ein?

Woolnough: Sie sind im historischen Kontext immer noch hoch und preisen eine Rezession ein. Investoren werden für die Übernahme des Kreditrisikos belohnt – zumal Sparkonten wegen der Kombination aus äußerst niedrigen Zinsen und der derzeitigen Inflationsrate real gesehen eine negative Rendite bieten.

Welt am Sonntag: Sie führen seit Jahren die Rangliste der defensiven Mischfonds an. Wie wollen Sie im aktuellen Umfeld weiter bestehen?

Woolnough: Ich favorisiere Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen, weil sie Investoren für die Übernahme des Kreditrisikos gut entschädigen. Hier setze ich vor allem auf Blue Chips mit starken Marken wie Wal-Mart, die derzeit sehr preiswert sind. Interessant sind auch E.on, Deutsche Telekom oder Tesco, die größte britische Supermarktkette.

Welt am Sonntag: Im Fonds-Portfolio haben Sie auch einige Bank-Anleihen hoch gewichtet. Das Gros der Analysten fasst diese Papiere noch nicht einmal mit der Kneifzange an.

Woolnough: Wir sind sehr wählerisch und setzen auf Institute, die stark in Wachstumsregionen sind, etwa HSBC. Oder nationale Champions wie Lloyds Bank oder Bank of America und Häuser, die wie die Deutsche Bank weniger von der aktuellen Krise bedroht sind.

Welt am Sonntag: Welches sind die größten Herausforderungen, mit denen Anleger 2011 fertig werden müssen?

Woolnough: Ich sehe vor allem drei Risiken: Protektionistische Tendenzen wie Handelsbarrieren würden zu schwächerem Wachstum führen. Auch einige Banken sind noch nicht stabil genug, um weitere Forderungsausfälle zu verkraften. Man wird genau schauen müssen, wem man sein Geld anvertraut. Das gilt zwar nicht für Kerneuropa, Probleme in anderen Staaten könnten sich aber auf die Kernzone ausweiten, wie man am Beispiel Frankreich schon sieht. Schließlich können die Probleme der Peripheriestaaten eskalieren, wenn Griechenland oder Irland entscheiden, das Spiel nicht mehr mitzuspielen und auszuscheren.

Welt am Sonntag: Was bedeutet das für die Geldanlage?

Woolnough: Das Gute ist, dass diese Risiken günstige Bewertungen mit sich bringen. Zudem gehen die Emissionen von Firmenan?leihen zurück, während Regierungen weiter Staatsanleihen begeben. Damit schrumpft das Angebot an Unternehmensanleihen im Vergleich zu Staatsschuldverschreibungen, sodass Erstere attraktiver werden. Ein wichtiger Rat: Anleger sollten sich nicht rein auf die Gewinne der Unternehmen konzentrieren, sondern das Verhältnis zwischen ?Erträgen und Risiko betrachten und sich fragen: „Ich erziele diesen oder jenen Ertrag – aber warum?“

Quelle: Welt Online