Sparwahn

Das deutsche Feindbild heißt Verschwendung

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Wolf Lotter

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Hierzulande regieren Geiz, Verzicht, Einschränkung. Das Dünne ist an der Macht. Es wird Zeit, das zu ändern – zugunsten der Vielfalt.

Reden wir über Unterschiede. Beispielsweise den zwischen Gut und Böse. Da kann jeder mitreden. Da weiß jeder Bescheid. Gut ist alles, was reduziert, weglässt, einspart, schlanker und irgendwie übersichtlicher macht. Böse hingegen ist das jeweilige Gegenteil: Komplexität, Fülle, Verschwendung. Deutsche sind gründliche, ordentliche Menschen, sie hassen Unübersichtliches. Das Barocke liegt ihnen nicht, die Fülle gilt ihnen als verderbt, die Vielfalt als Chaos. In diesem Klima der geistigen Dauerdiät kann man auch in einem Konjunkturaufschwung von harten Spareinschnitten so reden, als ob eben tiefste Depression herrschen würde. Der Bürger merkt den Unterschied eh nicht mehr.

Seit Jahr und Tag wird Enthaltsamkeit gepredigt.
Das Dünne ist an der Macht.

Es geht immer noch effizienter und schlanker

Die Spareinlagen haben einen neuen Rekordstand erreicht. Die Bürger sitzen auf einem ungeheuren Berg an Kapital, das keinen Nutzen stiftet – außer der Beruhigung, dass man das Richtige tut. Nichts nämlich. Alles andere ist zu gefährlich. Wir haben gelernt: Sparen und Maßhalten ist das Allerwichtigste. Das ist ökologisch richtig, ökonomisch sowieso – das wird den Kleinen schon im Kindergarten eingebläut. Manager und Vorstände, Betriebswirtschaftslehrer und leitende Angestellte zitieren bei ihren Diätrezepten gerne den alten Spruch: „Über dem Markt wird immer der finstere Stern der Knappheit stehen.“

Buß- und betfertige Ökologisten predigen den Untergang der Welt und erfinden ständig neue Varianten des Ablasshandels und der dazugehörigen Bürokratie. Wir brauchen keine Visionen. Wir trennen Müll. Leute, die sich über Niedriglöhne beschweren, kaufen beim Discounter ein. Und Manager brüsten sich damit, den ihnen anvertrauten Laden noch „effizienter und schlanker aufgestellt“ zu haben. Von Investitionen reden sie nicht. Dazu müsste man ja auch eine Idee haben, was zu tun ist. Doch derlei halten viele für Verschwendung.

Das Feindbild heißt Verschwendung

Der Sparwahn hat den ganzen Volkskörper erfasst – im Wortsinn und bis ins Detail. Politiker rüsten sich zum Kampf gegen die Leibesfülle, das offensichtliche Zeichen persönlicher Verschwendung. Die Verzichtspropaganda läuft seit Jahren. Wer dick ist, ist dumm, faul und unzuverlässig. Dicke schädigen die Sozialvolksgemeinschaft. Sie passen nicht rein ins Ganze! Macht sie passend! Nun beginnt Freiheitsberaubung bekanntlich immer mit dem Satz: Wir wollen nur dein Bestes. Nennen wir den Irrsinn beim Namen: Diätismus. Das Feindbild heißt Verschwendung, sie muss bekämpft werden. Das kann man nur einer Gesellschaft erzählen, die aus Angst vor Veränderung, vor Neuem und Unbekanntem bereit ist, sich um den letzten Verstand zu fasten. Unserer Gesellschaft also.

Ist unsere Kulturgeschichte das Werk von Controllern? Wie klingen effiziente Symphonien? Was ist ein nachhaltiges Kunstwerk? Was darf eine Idee höchstens kosten? Eigentlich, das ist das Blöde, ist alles Verschwendung. Immer probieren Leute rum, was noch geht. Warum machen die so was? Warum was Neues denken, wenn doch schon was funktioniert? Wie heißt noch mal der Ort, an dem wir auf Menschen treffen, die nichts mehr wollen? Ach ja, genau: Friedhof.

Das Grauen der Knappheit ist überwunden

Bescheidenheit, liebe Diätisten, ist keine Tugend. Sie ist eine Geisteskrankheit von Leuten, die vergessen haben, woher sie kommen und was Menschen sind: Geborene Verschwender. Aus gutem Grund. Die längste Zeit in ihrer Geschichte waren Menschen arm, lebten kurz, unter grausamen Umständen, litten Mangel, Hunger, Not. Sie starben früh. Sie hatten nie genug. Diese Zeiten sind vorbei. Durch beständiges Nachdenken und verschwenderisches Probieren haben wir das Grauen der Knappheit überwunden. Aber haben wir in den wenigen Jahren, in denen wir im Überfluss leben, gelernt, mit dieser Möglichkeit umzugehen? Nein. Wir leiden an geistiger Anorexia nervosa, einer nervlich bedingten Appetitlosigkeit also. Vom Alten haben wir genug. Das wollen wir nicht mehr. Aber was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

Wer die Verschwendung bekämpft, bekämpft das Menschliche, die Vielfalt, die Demokratie. Wir leben in Zeiten der Veränderung. Das normative Regime der Industrie und die engen Grenzen der Nationalstaaten sind praktisch schon Vergangenheit. Aber im Kopf lebt die Einschränkung. Die Effizienz wird vergöttert. Varianten gelten als Störfaktor. Es fehlt uns an Wissen und Kultur im Umgang mit der Verschwendung, der Vielfalt. Das ist das Lernprojekt des 21. Jahrhunderts. Erschließe die Komplexität. Hol raus, was du brauchst. Aber wenn es darum geht, ihre Möglichkeiten zu entdecken, denken die Deutschen nur an Selbstbedienungs-Möbelhäuser. Der Rest ist ihnen zu unsicher, zu kompliziert, zu risikoreich.

Überfluss wird allmählich zum Normalfall

Das menschliche Gehirn ist keine Energiesparlampe. Wir brauchen Energie und Freiräume, Selbstständigkeit und grenzenlose Lust am Entdecken und Machen. Mag sein, dass in Zeiten der Veränderung die Leute nach festen, sicheren Rahmen schreien. Das ist nicht neu und nichts anderes, als wenn einem nach den Feiertagen der Braten zum Hals raushängt. Doch bald ist wieder Karneval. Menschen wollen mehr.

Menschen haben aber auch Angst. Das ist die Grundzutat des Breies, den die Diätköche heute rühren, ein neues Establishment, das spart, reduziert und verhindert. Die Macht liebte es immer, Knappheit vorzugaukeln, um den üppigen Rest nach eigenen Vorstellungen verteilen zu können. Neu ist nur, dass die Sparmeister der Macht nun in einer Welt handeln, in der der Überfluss allmählich zum Normalfall wird. Deshalb rührt man neue Ängste an. Die Leute schlucken das schon. Diäten und Tyrannen haben gemein, dass ihr Werk immer im Namen des Guten beginnt. Diktaturen sorgen für Überblick. Ordnung. Sicherheit. Verschwendung und Vielfalt sind unnötig. Einfalt genügt vollkommen.

Verschwendung ist die elementare Kraft der Natur

Doch der allgegenwärtige Slogan „One size fits all“ gilt nur für Zwangsjacken. Demokratie ist keine Diät, sondern der beharrliche Versuch, Vielfalt und Varianten zu entwickeln, um Dinge und Systeme besser zu machen. So ist auch der Markt, der nicht vom Sparen lebt, sondern vom Investieren und vom Interesse der Menschen an Neuem.

Auch wenn sich die essgestörten Verzichtsprediger noch so auskotzen: Die Welt hat noch lange nicht genug. Sie will noch was. Sie bleibt verschwenderisch. Und damit am Leben. Das ist übrigens nicht neoliberal, sondern ganz natürlich. Denn was lebt, ist fett. Es ist rund, es strebt nach Mehr. Verschwendung ist fett – und die elementare Kraft der Natur, der Evolution. In der Natur gibt es keinen Sparplan. Die Evolution experimentiert und ist an Neuem höchst interessiert – eigentlich nur daran. Die Evolution findet Geiz und Geizige ganz ungeil. Verschwendung, die praktische Arbeitsmethode von Vielfalt, ist ihre Chance, was Neues rauszukriegen, zu gucken, ob was besser geht. Der Diätismus tut, was nötig ist. Die Verschwendung tut ihr Bestes. Genug wird nie genügen.

Der Autor ist Leitartikler des Wirtschaftsmagazins „brand eins“ und Autor, etwa von „Verschwendung – Wirtschaft braucht Überfluss“.

Quelle: Welt Online

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