Kleiner Ort, grosser Name

Playmobil hat Dietenhofen reich gemacht

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Keine Gewalt, kein Horror und keine kurzlebigen Trends – das ist das Gesetz bei Playmobil seit mehr als 30 Jahren. Der Hersteller von Playmobil, das Unternehmen Geobra, hat seinen Firmensitz im fränkischen Ort Dietenhofen. Der Spielzeugriese schafft Reichtum für eine ganze Region – und behauptet sich sogar gegen die Chinesen.

Frank Zilz ist besessen. Er liebt Playmobil, organisiert Jahr für Jahr das große Playmobil-Fantreffen. Zilz spritzt die bunten Figuren in olivgrün um, damit sie wie Soldaten aussehen. Nur gibt es beim besten Willen nichts, was als Panzer taugt. Das erschwert das Nachstellen von Schlachten mit Playmobil. „Keine Gewalt, kein Horror und auch keine kurzlebigen Trends“ – das ist das Gesetz bei Playmobil und zwar seit mehr als 30 Jahren. Die Regel des Firmenpatriarchen Horst Brandstätter wird bis heute befolgt.

Playmobil wird in Dietenhofen produziert. Ein kleiner Flecken in Franken mit sauberen Fassaden, vielen Radwegen und einer Handvoll Fachwerkhäuser. Die Leberkäs-Semmel kostet nur einen Euro, der Schweinsbraten ist für weniger als sieben Euro zu haben. Idyllisch ist das Dorf nicht: Dutzende Lastwagen donnern Tag für Tag durch den Ort. Die Sattelzüge fahren ins Industriegebiet am Ortsrand. Dort produziert die Geobra Brandstätter GmbH Playmobil-Spielzeug aus Plastik. Nach seriösen Schätzungen gibt es inzwischen doppelt so viele Kunststoffknilche wie China Einwohner hat: 2,1 Milliarden bunte Plastikmännchen bevölkern die Kinderzimmer in aller Welt. Playmobil wächst seit Jahren und mit ihm der Ort. Seit Markteinführung der Playmobilmännchen 1974 hat sich die Einwohnerzahl Dietenhofens verdoppelt. Der Erfolg Playmobils ist umso bemerkenswerter, als die Spielzeugindustrie in Deutschland stetig an Bedeutung verliert. Vor allem asiatische Billigfabriken machen deutschen Herstellern das Leben schwer.

Playmobil dagegen erlebte bisher noch nicht einmal kleinere Krisen. „Playmobil ist für die gesamte Region ein Segen“, sagt Bürgermeister Heinz Henninger. Der Erfolg der Firma machte Dietenhofen zu einer steinreichen Gemeinde in Mittelfranken. Ohne den Arbeitgeber hätte das Dorf keine drei Kindergärten und auch kein so großes Sportzentrum. Der Ort hängt am Tropf der Geobra Brandstätter GmbH.


Das weiß Bürgermeister Henninger sehr wohl. Seit 1984 ist der 58-Jährige im Amt. Um ein Gegengewicht zum übermächtigen Spielzeughersteller zu schaffen, versucht der akkurat gekleidete Verwaltungschef seit Jahrzehnten, Industrie im Ort anzusiedeln. Es gibt genug Äcker, die Dietenhofen zu Bauland machen könnte. Bisher allerdings konnte der Bürgermeister keinen bedeutenden Betrieb anlocken. Dietenhofen bleibt Geobra ausgeliefert.

Der Playmobil-Hersteller hat die frankische Gemeinde im Griff

Das wiederum weiß Firmenbesitzer Horst Brandstätter sehr genau. Vor einigen Jahren drohte der knorrige Franke der Gemeinde damit, seine neuen Pflanzenkübel – Marke Lechuza – in China statt in Dietenhofen zu produzieren. Bürgermeister Henninger lenkte rasch ein. „Wir haben die Gewerbesteuer von 350 auf 300 Punkte gesenkt“, sagt er. Damit unterbot er alle Gemeinden im Umkreis deutlich. Brandstätter entschied im Gegenzug, seine Fabrik für Blumentöpfe in Dietenhofen zu bauen, direkt neben dem Playmobilwerk. Auf dem Kirchweihfest feierte die Gemeinde den teuer erkauften Sieg. „Wir hatten ein riesiges Schild aufgespannt, auf dem Dietenhofen – China 1:0 stand“, sagt Henninger.

Die Sache mit den Pflanzenkübeln zeigt, wie Brandstätter tickt. Alle rieten dem Millionär davon ab, ins Geschäft mit Pflanzgefäßen einzusteigen. Playmobil habe keine Ahnung von diesem Metier und keine Kontakte zum Blumenhandel, warnten die Kaufleute. Brandstätter ließ sich nicht beirren. Tatsächlich verkaufen sich die Kübel heute glänzend. Zurzeit kommt die Fabrik mit der Lieferung nicht nach.

Playmobilhersteller Geobra verkauft auch Pflanzenkübel

Lechuza soll zur zweiten Säule des Unternehmens werden, neben Playmobil. Damit will Brandstätter sein Lebenswerk absichern. Aus gutem Grund: „Kinder sind unberechenbar“, sagt Andrea Schauer. Sie leitet die Geschäfte bei Geobra seit 2000. Eltern und Marktforscher können ziemlich genau vorhersagen, dass Kinder lieber Fischstäbchen als Brokkoli essen oder Cola appetitlicher finden als Kräutertee . Bei Spielzeug ist das etwas anderes, da sind die Kinder schwankend und unberechenbar. Was sie sich in einigen Monaten wünschen, kann selbst ein Profi nicht mit hundertprozentiger Sicherheit vorhersagen. Wann eine Marke oder ein Spielzeug aus der Mode kommt, lässt sich schon überhaupt nicht prophezeien. Zwei, drei schlechte Jahre – und ein Mittelständler wie Geobra kommt kräftig ins Straucheln.

Betriebsleiter Kurt Gertler weiß wie kaum ein anderer bei Playmobil um die Launenhaftigkeit der kleinen Kunden. Der gelernte Schlosser arbeitet seit den 70er-Jahren bei Playmobil. „In einem Jahr war die Raumstation der Renner, so dass wir mit der Produktion nicht mehr hinterher gekommen sind“, erinnert sich Gertler. Wochen vor Weihnachten waren die Regale wie leer gefegt. Im Jahr darauf produzierte Playmobil dann besonders früh besonders viele Astronauten und Weltraumflieger. Doch die Kinder hatten das Interesse an der Raumfahrt verloren. Playmobil blieb auf den galaktischen Figuren sitzen.

Die Produktion ist so modern, dass Automanager gerne vorbeikommen

In Playmobils Produktionshallen arbeiten rund 800 Frauen und Männer. So weitläufig sind die Hallen, dass Betriebsleiter Gertler mit einem motorisierten Fahrrad durch die Fabrik düst, um Mitarbeiter und Maschinen zu kontrollieren. Maschinen bestimmen das Bild bei Playmobil. Diese sind so ausgeklügelt, dass selbst Manager der Autoindustrie vorbei kommen, um die hochmoderne Produktion zu studieren.

Geruch von geschmolzenem Plastik liegt in der Luft. Um die Spielzeugteile herzustellen, werden Granulatkörner erhitzt und in Formen gepresst. Aus Kunststoff entstehen Schimpansen, Schwerter und Sarkophage. Die Affen purzeln mit dem Gesicht nach hinten aus der Maschine. „Technisch ist das anders nicht machbar“, sagt Betriebsleiter Gertler. Vor rund 20 Jahren, als sich die Köpfe der Schimpansen nur schwer bewegen ließen, schickte Playmobil die Primaten in die Haftanstalt nach Ansbach. Die Insassen drehten den Affen den Kopf um. Heute ist das nicht nötig, weil sich die Affenköpfe geschmeidiger bewegen lassen – das schaffen auch Vierjährige.

Ritterburg und Piratenschiff als Klassiker

An den Fließbändern stehen Frauen in blauen Kitteln, viele von ihnen sind ungelernte Arbeiterinnen. Sie verstauen das Spielzeug in den blauen Kartons. Bei der Ritterburg bereitet das ganz schön viel Arbeit, denn die mittelalterliche Festung besteht aus rund 700 Einzelteilen. „Damit wir sicher sind, dass alle Teile enthalten sind, wird der Karton gewogen“, sagt Betriebsleiter Gertler. Nur wenn die Ritterburg 7227 Gramm wiegt, ist sie komplett.

Klassiker wie das Piratenschiff oder die Ritterburg überarbeitet das Entwicklungsteam ständig. Diese Spielzeuge kommen scheinbar nie aus der Mode, wurden aber im Lauf der Jahre immer aufwendiger und größer. 50 Frauen und Männer zerbrechen sich den Kopf darüber, was Kindern künftig gefallen könnte. Drei Jahre dauert es, bis aus einem klugen Einfall ein fertiges Produkt wird. Den Erfindern unterlaufen aber auch Fehlgriffe. „Die Eskimos waren bislang der größte Flop“, sagt Geschäftsführerin Schauer. Offenbar wussten die meisten Kinder wohl nichts mit den seltsamen Pelzträgern anzufangen.

Idee der Playmobilmännchen ist aus der Not geboren

Auch wenn sich die Kunststoffknilche heute so erfolgreich verkaufen, geboren wurden sie Anfang der 70er-Jahre aus der Not heraus. Kunststoff war in den Zeiten der Ölkrise knapp und teuer. Die Plastikmöbel, die Geobra damals produzierte, rechneten sich nicht mehr. Das Unternehmen stand mit dem Rücken zur Wand. Daher lautete das Kalkül: Weitermachen, aber dabei wenig Kunststoffverbrauchen.

Gesagt, getan: Geobra-Mitarbeiter Hans Beck erfand also kleine Figuren aus Plastik, die Firmenchef Brandstätter zunächst nicht gefielen. Sie waren bis auf den Kopf einfarbig und ihre Handgelenke waren steif. 1974 stellte Brandstätter die kleinen Kerle trotzdem auf der Spielwarenmesse in Nürnberg vor: Indianer mit Federschmuck, Pfeil und Bogen, Cowboys mit Gewehren und Bauarbeiter samt Schubkarre und Bierflaschen.


In den kommenden Jahren folgten Polizisten, Krankenschwestern, Piraten und – im Jahr 1976 – die ersten Frauen. Erst 1987 wuchs den Frauen ein Busen. Jetzt tragen sie auch lange Röcke. Was allerdings dazu führt, dass sie nicht mehr auf Pferderücken sitzen können. Nicht nur der Leib, auch das Antlitz veränderte sich. Heute können die Figuren ihre Handgelenke drehen und tragen Bärte und Brillen, haben Wimpern und rosige Bäckchen.

Aus Brandstätters Plastikgießerei ist längst ein Spielwarenkonzern geworden. Obwohl sich der 75-Jährige aus dem Management zurückgezogen hat, sieht er auch heute noch Tag für Tag in seiner Firma nach dem Rechten – zumindest in den Sommermonaten, wenn er nicht gerade auf dem Golfplatz weilt. Den Winter verbringt der Firmenpatriarch in Florida, als Nachbar von Golfprofi Tiger Woods. Aus Amerika faxt er täglich bis zu 50 handgeschriebene Seiten mit Anregungen und Fragen an die Zentrale. Geschäftsführerin Schauer hat damit kein Problem. „Er hat jedes Recht dazu. Es ist schließlich seine Firma.“ Wer in Dietendorf das meiste zu sagen hat, ist unstrittig.

Quelle: Welt Online