Arbeitsmarkt

Aufschwung: Die Arbeitslosenzahl sinkt kräftig

Foto: Juergen Joost

Im September gab es den niedrigsten Bundeswert seit 18 Jahren. Viele Firmen stellen wieder ein. Auch das Spediteursehepaar Voelz.

Hamburg. Die Schatzkammer von Birgit Voelz liegt direkt im Freihafen, nicht weit entfernt von der Elbe. Meterhoch stapeln sich darin die Paletten und Kartons, und wenn Voelz genau darüber nachdenkt, ist da eigentlich nichts, was es noch nicht gab, hier in der Lagerhalle ihrer Spedition. Jede Menge Spielzeug, Kleidung und Schuhe, aber auch Kanus oder sogar Grabsteine wurden schon zwischengelagert, als Letztes kam eine Ladung Schrauben aus Shanghai.

+++DER NORDEN FREUT SICH ÜBER WENIGER ARBEITSLOSE+++

"Wahrscheinlich müssen wir uns bald nach einer zweiten Halle umsehen", sagt Voelz, 52, Unternehmerin. In nur 100 Meter Entfernung wölbt sich das gelbe Dach des "König der Löwen"-Zeltes in den Himmel, davor pflügen Schiffe und Tanker durch das Wasser. Voelz' Lager ist 1700 Quadratmeter groß, aber auch eine solche Fläche kann schnell belegt sein, wenn die Geschäfte laufen. Und in den letzten Monaten laufen sie besser als je zuvor.

Deshalb braucht Voelz neben neuem Platz für ihre Umschlaggüter vor allem eines: neues Personal. Gemeinsam mit ihrem Mann Detlef, 56, ebenfalls Inhaber einer Spedition, hat sie seit Frühjahr dieses Jahres acht neue Mitarbeiter eingestellt und den Personalstand damit auf insgesamt 21 erhöht. Keine Masseneinstellung zwar, dafür aber ein guter Beweis für die Tatsache, dass es wieder aufwärts geht auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) gestern bekannt gab, ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland im September stärker als erwartet gesunken. Insgesamt waren 3,031 Millionen Menschen offiziell als arbeitslos gemeldet - das sind 157 000 weniger als im Vormonat und 315 000 weniger als im September 2009. Vor allem aber ist das die niedrigste Arbeitslosenzahl in einem September seit 18 Jahren. Die Arbeitslosenquote ging aktuell um 0,4 Prozentpunkte auf 7,2 Prozent zurück.

In Hamburg gibt es den gleichen Trend: 71 940 Menschen waren im September in Hamburg ohne Job, im August waren es noch mehr als 75 000. Die Arbeitslosenquote in der Hansestadt beträgt aktuell 7,8 Prozent und liegt damit deutlich unter den Vorjahreswert von 8,6 Prozent. "Mit 71 940 Arbeitslosen weisen wir den niedrigsten Wert seit Dezember 2008 auf", sagte der Chef der Hamburger Arbeitsagentur Rolf Steil. Dazu steige auch die Nachfrage nach neuen Mitarbeitern in den Unternehmen der Hansestadt.

Auch das Ehepaar Voelz ist weiter auf der Suche nach Lagerarbeitern und Speditionskaufleuten. "Die zu finden ist nicht gerade leicht", sagt Detlef Voelz. "In unserer Branche sind Fachkräfte Mangelware." Genau das hat auch Carolin Meyer gemerkt. Nachdem die 24-Jährige im Juni dieses Jahres ihre Ausbildung zur Speditionskauffrau abgeschlossen hatte, war sie exakt drei Tage arbeitslos, bevor sie ihre Anstellung beim Ehepaar Voelz bekam. "Ich musste nur zehn Bewerbungen schreiben", sagt sie. "Andere Azubis haben es da schwerer." Die gleiche Erfahrung hat ihre Kollegin Jana Meyer, 25, gemacht, die ebenfalls erst kurz zum Team Trans Hamburg gehört. "Ich hatte vorher einen befristeten Vertrag bei einem Energiedienstleister und hatte keinen Leerlauf zwischen meinem neuen und dem alten Job", erzählt sie.

Zugpferd des Aufschwungs ist die industrielle Produktion

Nach den Erhebungen der Arbeitsagentur sorgten die wirtschaftlichen Dienstleistungen, vor allem aber auch die Zeitarbeitsbranche oder die Energie- und Wasserversorgung sowie das Gesundheits- und Sozialwesen für zusätzliche Jobs in der Hansestadt. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten hat hier um 1,4 Prozent auf 818 300 zugelegt. Im Vergleich zu anderen Bundesländern belegt Hamburg damit allerdings nur den siebten Platz. "Die meisten Zuwächse gibt es in den Bereichen der industriellen Produktion. Da sind Bundesländer wie Thüringen oder Brandenburg einfach besser aufgestellt", sagt BA-Chef Steil. "Ich bin aber zuversichtlich, dass wir da aufholen werden", so Steil, "unsere Unternehmen haben trotz Krise ihre Hausaufgaben gemacht und sind weiter wettbewerbsfähig."

Seit sich Detlef Voelz im Jahr 2005 mit seiner Spedition Team Trans Hamburg selbstständig gemacht hat, ging es für ihn immer nur bergauf. "Ich habe mit fünf Mitarbeitern angefangen und seitdem kontinuierlich eingestellt", erzählt er. 2009 zieht seine Frau Birgit mit dem Team Trans Logistics nach. Während die Bundesrepublik langsam, aber sicher die Folgen der Wirtschaftskrise abschüttelt, hat die Spedition von Ehepaar Voelz nur wenig unter der schwachen Konjunktur gelitten. Richtig Schwung bekam ihr Familienbetrieb allerdings trotzdem erst in diesem Jahr - "dank der sich erholenden Konjunktur", wie Detlef Voelz bemerkt. Seine neuen Angestellten haben deshalb auch alle sofort einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen. "Eine Befristung hemmt die Leute, weil sie sich immer Sorgen machen müssen, wie es weitergeht", sagt Voelz. Und genau das will er nicht. "Meine Angestellten sollen freundlich und nett sein. Und vor allem sollen sie Leistung bringen." Besonders froh über ihren Job bei Voelz ist die 20-jährige Mandy Köhncke. 70 bis 80 Bewerbungen hat sie nach ihrer Ausbildung geschrieben, so genau weiß sie das nicht mehr. Als Möbelspediteurin hat sie einen Nischenberuf erlernt. "Die Angst vor der Arbeitslosigkeit war schon da", sagt sie. Seit Juli ist sie jetzt bei Voelz beschäftigt.

Schon im Oktober könnte die Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen sinken

Rolf Steil zeigte sich gestern optimistisch, "dass die Arbeitslosenzahl in diesem Jahr noch weiter nach unten gehen kann". Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, rechnet sogar damit, dass die Arbeitslosigkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit schon im Oktober auf unter drei Millionen sinken wird. Dennoch sei der Arbeitsmarkt weiterhin nicht frei von Risiken, sagte Weise einschränkend. Auch Steil nannte als Voraussetzung, "dass es konjunkturell weiter gut läuft". Viel klarer ist die Aussicht für das Ehepaar Voelz: "Wir suchen weiter gute Leute. Ein oder zwei Mitarbeiter wollen wir auf jeden Fall noch einstellen."