Studium

Der gefährliche Trend zum "Bulimie-Lernen"

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Experten stellen viele Parallelen zwischen Gehirn und Magen fest. Vom exzessiven Pauken kurz vor Prüfungen raten sie ab.

Egal ob an der Uni die nächste Klausur ansteht oder die Examensprüfung: Es kommt nicht darauf an, viel zu lernen. Reiner Frontalunterricht gilt längst als Steinzeit-Didaktik. In der Uni wird das allerdings oft sträflich vernachlässigt. Vorlesungen laufen meist immer noch nach dem Prinzip ab: Einer redet, die anderen hören zu - oder lassen es. Hinterher sitzen viele vor einem Bücherberg in der Bibliothek und versuchen, sich den Stoff reinzuziehen und sich Prüfungswissen einzuhämmern. Das ändern Studenten besser, wenn sie vom Studium wirklich etwas haben wollen.

Studenten dürften sich nicht nur von Klausur zu Klausur hangeln, wenn sie etwas lernen wollen, sagt die Studienberaterin Brigitte Reysen-Kostudis von der Freien Universität Berlin. Die Psychologin hat bei vielen Studenten ein neuartiges Krankheitsbild ausgemacht: das "Bulimie-Lernen". "Vor einer Prüfung fangen sie an, ganz viel Stoff in sich hineinzustopfen." Mehr bringe es, den Stoff regelmäßig durchzugehen und im Lauf eines Seminars mitzuarbeiten.

Auch böten Dozenten oft Arbeitsblätter zum freiwilligen Nachbereiten an. "Aber viele machen die nicht", hat Reysen-Kostudis beobachtet. Damit tun sich Studenten keinen Gefallen. 15 Minuten pro Woche zu pauken, bringt mehr als ein Lernmarathon am Semesterende. "Regelmäßig Gelerntes bleibt eher hängen."

Wissen ist gut, verstehen ist besser: Mit bloßem Auswendiglernen kommt man nicht weit. Zwar ist Faktenwissen in Fächern wie Medizin das A und O. Aber auch hier sei ein Grundverständnis die Basis dafür, dass Fakten hängen bleiben, sagt Reysen-Kostudis. "Es ist leichter, Formeln zu lernen, wenn man die Zusammenhänge verstanden hat." Auch stumpfes Wiederholen bringe wenig, sagt Professor Werner Heister von der Fachhochschule Niederrhein in Krefeld. Denn wer sich immer wieder dasselbe einzutrichtern versucht, hat innerlich längst abgeschaltet.

Fragen hilft weiter

"Das Gehirn ist ein neugieriges Instrument. Wenn ich einen Text zehnmal lese, sagt es sich: Kenn' ich doch schon!" Wird ein Sachverhalt dagegen auf zehn verschiedene Arten vermittelt, sei der Lerneffekt viel größer. Beim Lernen ist also Abwechslung gefragt, damit die grauen Zellen aufnahmebereit bleiben. Um den Stoff zu verarbeiten, ist neben der Aufnahme auch die Wiedergabe nötig.

"Lesen alleine bewirkt nur eine oberflächliche Einprägung", sagt Professor Martin Schuster, Lernexperte und Buchautor von der Uni Köln. "Man muss sich selbst auch abfragen, also den gelesenen Stoff aus dem Gedächtnis wiedergeben." So sicherten Studenten die "Wiederfindewege" im Gehirn. Das macht auch das Mitschreiben in Vorlesungen so wichtig. "Dann muss man beim Zuhören den Stoff zusammenfassen und neu formulieren."

Wer nicht fragt, bleibt dumm - dieser Satz aus der Sesamstraße gilt auch in der Uni. Viele Erstsemester haben Reysen-Kostudis zufolge aber Angst, Fragen zu stellen, wenn sie etwas nicht verstehen. "Die denken dann: Was ich sage, ist bestimmt dumm." Darüber reden hilft beim Lernen aber. Studenten sollten sich trauen, Fragen zu stellen und über den Stoff zu diskutieren. So bekämen sie eher das Gefühl, eine Sache verstanden zu haben und im Thema "drin" zu sein.

Visualisieren hilft, so Heister. Die sieben Einkunftsarten des Steuerrechts zum Beispiel ließen sich leichter lernen, wenn sie über eine Bilderkette verbunden oder in eine Geschichte verpackt werden. Sinnvoll sei es auch, Mind-Maps anzufertigen, ergänzt Schuster. Ein solches "Sinngewebe" habe den Vorteil, dass eine bildhafte Struktur des Stoffes entsteht. Das ist anschaulich und macht Zusammenhänge auf einen Blick erkennbar. Texte bunt anzustreichen bringt dagegen eher wenig. Studenten sollten wichtige Aspekte besser herausschreiben, als sie rot zu unterstreichen, rät Reysen-Kostudis. Das sei die aktivere Lernweise.

Auch mal Pause machen

Studenten dürfen beim Exzerpieren von Literatur aber nicht nur abschreiben. Sie sollten vielmehr versuchen, Sachverhalte in eigenen Worten auszudrücken - so eigneten sie sich den Stoff eher an, sagt Reysen-Kostudis. Wichtig sei auch, einen eigenen Zugang zum Thema und eigene Fragen zu entwickeln. Das weckt das persönliche Interesse und motiviert. Lernen müsse schließlich Freude machen, sagt Heister. "Das Gehirn ist ein Torwächter: Wenn ich denke: 'Ich habe keinen Bock', bleibt das Tor zu."

Andauernd ohne Pause zu lernen, ist zudem kontraproduktiv, sagt Martin Schuster. "Der Stoff muss sich setzen." Beim Lernen sollten Studenten daher pro Stunde mindestens 20 Minuten Pause einplanen. Der eine braucht zum Lernen absolute Ruhe, andere kommen mit ein bisschen Musik erst richtig in Schwung. Die passende Umgebung ist eine Typfrage, so Heister. "Das muss man einfach ausprobieren." Dazu sollten Studenten sich ein "Lerntagebuch" anlegen. Darin notieren sie, wo und wie sie am besten lernen können - und sammeln so ihre persönlichen Erfolgsrezepte.

Die Gedächtnisleistung leide außerdem unter Schlafmangel. "Also ist es auch nicht sinnvoll, in die eigenen Schlafzeiten hineinzulernen." Vor Prüfungen müsse rechtzeitig Schluss mit dem Pauken sein. "Sonst machen Studenten sich bloß verrückt."

Quelle: Welt Online

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